Emil Agyekum nach deutschem Rekord über 400 Meter Hürden: "Ich sehe kein Limit"
Fast 44 Jahre hielt der deutsche Rekord über 400 Meter Hürden - bis der Berliner Emil Agyekum im Juli mit 47,45 Sekunden eine neue Bestmarke aufstellte. Im Interview spricht der Leichtathlet über seine "Leistungsexplosion", einen wegweisenden Wechsel nach Frankfurt am Main und sein Ziel für die EM in Birmingham.
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Interview Leichtathletik
Emil Agyekum nach deutschem Rekord über 400 Meter Hürden: “Ich sehe kein Limit”
Fast 44 Jahre hielt der deutsche Rekord über 400 Meter Hürden - bis der Berliner Emil Agyekum im Juli in London mit 47,45 Sekunden eine neue Bestmarke aufstellte.
Im Interview spricht der Leichtathlet vom SCC Berlin über seine "Leistungsexplosion" in diesem Sommer, einen wegweisenden Wechsel nach Frankfurt am Main, seinen Sehnsuchtsort Olympiastadion und sein Ziel für die anstehenden Europameisterschaften in Birmingham.
rbb|24: Emil Agyekum, gut zwei Wochen ist es jetzt her, dass Sie bei der Diamond League in London über 400 Meter Hürden einen neuen deutschen Rekord aufgestellt haben. Mit 47,45 Sekunden unterboten Sie die knapp 44 Jahre alte Bestmarke von Harald Schmid um drei Hundertstel. Wie oft haben Sie sich Ihren Rekordlauf seitdem angeschaut?
Emil Agyekum: (lacht) Das ist eine lustige Frage. Schon ein paar Mal – vielleicht auch ein paar Mal öfter. Das war ein sehr schöner, runder Lauf von mir. Die ganze Atmosphäre da war sehr cool – und es ist sehr schön, sich einen so tollen Moment immer wieder zu veranschaulichen. Ich bin super stolz auf mich.
Zur Person
Emil Agyekum wurde am 22. Mai 1999 in Berlin geboren. Der Leichtathlet geht für den SCC Berlin an den Start, stellte 2026 in London mit 47,45 Sekunden eine neue deutsche Bestmarke über 400 Meter Hürden auf und ist amtierender Deutscher Meister über diese Distanz. Bei den Europameisterschaften 2024 in Rom gewann der 27-Jährige mit der 4x400-Meter-Staffel die Bronzemedaille.
rbb|24: Was bedeutet Ihnen diese Bestmarke?
Agyekum: Das ist natürlich etwas ganz Besonderes. Jetzt durch die Medien und andere Leute habe ich gemerkt, was für Ausmaße das angenommen hat: Wie viele Leute mir gesagt haben, dass der Rekord so alt ist und von Harald Schmid stammt, der damals im Sport sehr bekannt war [bei den Europameisterschaften 1982 in Athen lief Schmid in 47,48 Sekunden zur Titelverteidigung über 400 Meter Hürden; Anm. d. Red.].
Das alles hätte ich nicht gedacht und freut mich sehr. Klar, ich habe es mir dieses Jahr als Ziel gesetzt, den deutschen Rekord zu brechen. Ich war aber etwas überrascht, dass das auf einmal geklappt hat. Es ist ein schönes Gefühl, diesen Rekord nun gebrochen zu haben und auch Anerkennung für seine Leistung zu bekommen.
rbb|24: Hat sich Schmid schon bei Ihnen gemeldet?
Agyekum: Nee, leider noch nicht. (lacht)
rbb|24: Gerade sagten Sie, dass Sie über Ihre eigene Leistung selbst etwas überrascht waren. Können Sie sich irgendwie erklären, warum Sie diesen Sommer besonders schnell sind?
Agyekum: Das hat sich ein bisschen angebahnt. Mit meinem ersten Lauf bin ich sehr gut in die Saison eingestiegen. In meinem zweiten Lauf bin ich mit 47,72 meine neue PB [persönliche Bestleistung; Anm. d. Red.] gelaufen. Der dritte Lauf war leider nicht so gut. Mit dem vierten bin ich mit 47,58 direkt wieder eine neue PB gelaufen. Da wusste ich, dass ich gut in Form bin. Ich hatte zwei Wettkämpfe innerhalb einer Woche und wusste, dass ich konzentriert bleiben muss.
Diese Leistungsexplosion habe ich dem mentalen Training zu verdanken, wobei mir meine Freundin [die Hammerwerferin Nova Kienast; Anm. d. Red.] sehr geholfen hat, wie ich mental an Wettkämpfe herangehe. Sie hat mir Tipps und Tricks gezeigt. Daran werde ich weiterhin arbeiten. Und ansonsten helfen mir meine Physis und Erfahrung aus den letzten Jahren über die 400 Meter, meine Trainer und meine Familie, die von Anfang an immer dabei war. Das ist sehr viel wert und dafür bin ich sehr dankbar. Vor allem mein Vater hat mich früher immer zu Wettkämpfen gebracht und an mich geglaubt.
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Ich liebe Berlin. Im Olympiastadion laufe ich super gerne – das war schon in meiner Kindheit immer ein Traum.
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Emil Agyekum über seine Heimatstadt
rbb|24: Ihr ehemaliger Trainer Volker Beck sagte mal über Sie, dass Sie kein Trainingsweltmeister, sondern ein Wettkampftyp und Gefühlsmensch seien [teamdeutschland.de]. Stimmen Sie ihm zu?
Agyekum:
Ich bin definitiv ein Wettkampftyp. Ich brauche die Herausforderung, den Druck und die Konkurrenz, um richtig zu performen. Erst dann bin ich in der Lage, mein volles Potenzial zu entfalten und meine Grenzen zu überschreiten. Dennoch bleibe ich dabei immer gelassen, fokussiert und horche in mich hinein.rbb|24: Sie sind gebürtiger Berliner und starten nach wie vor für den SCC. Seit einigen Jahren trainieren Sie allerdings am Bundesstützpunkt in Frankfurt am Main.
Agyekum: Ich habe mich 2022 verletzt, dadurch nochmal viel über meine Zukunft nachgedacht und mich dazu entschlossen, diesen Weg zu gehen; Standort und Trainer zu wechseln. Ende des Jahres 2022 bin ich dann nach Frankfurt gezogen.
Ich habe meine Familie und Freunde zurückgelassen und mich der wahrscheinlich stärksten Trainingsgruppe in Deutschland angeschlossen, um meinen Traum zu verwirklichen. Es hat sich gelohnt, aus meiner Komfortzone herauszukommen, neue Reize zu setzen und neue Erfahrungen zu machen. Das war eine der besten Entscheidungen in meinem Leben.
rbb|24: Und am 30. August kehren Sie in Ihre Heimatstadt zurück – dann findet die nächste Auflage des Istaf im Olympiastadion statt.
Agyekum: Ich liebe Berlin. Im Olympiastadion laufe ich super gerne – das war schon in meiner Kindheit immer ein Traum. Dieses Stadion trägt so viel Geschichte in sich: Usain Bolt ist dort seine Weltrekorde gelaufen [bei der Leichtathletik-WM 2009 stellte Bolt mit 9,58 Sekunden über 100 Meter und 19,19 Sekunden über 200 Meter zwei Weltrekorde auf; Anm. d. Red.]. Ich selbst bin da auch schon mal eine PB gelaufen.
Ich wünsche mir auf jeden Fall, nach meiner Karriere zurück in die Heimat zu ziehen. Meine Familie und Freunde sind da – ich habe meinen Verein nicht gewechselt, bin Berlin treu geblieben. Ich bin einfach ein Berliner Junge.
rbb|24: Ein großes Ziel – den deutschen Rekord – haben Sie nun abgehakt. Was steckt noch in Ihnen? Karsten Warholms Weltrekord liegt bei 45,94 Sekunden.
Agyekum: Das ist eine ordentliche Hausnummer. Es ist verrückt, wozu der menschliche Körper imstande ist. Der alte Weltrekord von Kevin Young war schon der Wahnsinn [bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona lief der US-Amerikaner die 400 Meter Hürden in 46,78 Sekunden; Anm. d. Red.], aber Warholm hat mit seinem Rekord nochmal Leichtathletik-Geschichte geschrieben [der Norweger sicherte sich bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokyo mit seiner Rekordzeit die Goldmedaille; Anm. d. Red.].
Das ist super motivierend und bringt meine Disziplin voran. Für mich persönlich sehe ich kein Limit. Es geht immer weiter.
rbb|24: Weiter geht es für Sie – mit deutschem Rekord und nationalem Meistertitel im Rücken – in der kommenden Woche bei den Europameisterschaften in Birmingham (10. bis 16. August). Mit welchem Ziel reisen Sie nach England?
Agyekum: Auf dem Podium zu stehen, mir eine Medaille zu schnappen, mich mit Warholm zu battlen, mein bestes Ich aus mir herauszuholen, Spaß zu haben und alles zu geben. Ich will es genießen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Anton Fahl. Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine redigierte und gekürzte Fassung.
Sendung: rbb|24, 04.08.2026, 7:30 Uhr
Audio: rbb|24, 04.08.2026, Anton Fahl im Gespräch mit Emil Agyekum
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