„Anzapfen ist wie Elfmeterschießen“: Münchner OB exklusiv über Wiesn, Sparen und eine erste Bilanz

tzMünchenStadtLudwigsvorstadt-IsarvorstadtStand: 25.07.2026, 12:00 UhrKommentareUns auf Google folgenKnapp drei Monate ist Dominik Krause jetzt OB von München. Im exklusiven Interview spricht er übers E-Bike-Fa...

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„Anzapfen ist wie Elfmeterschießen“: Münchner OB exklusiv über Wiesn, Sparen und eine erste Bilanz

Stand: 25.07.2026, 12:00 Uhr

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Knapp drei Monate ist Dominik Krause jetzt OB von München. Im exklusiven Interview spricht er übers E-Bike-Fahren im Anzug, Wasserverbrauch und das Anzapfen.

Dominik Krause (Grüne) ist seit knapp drei Monaten Oberbürgermeister von München. Nicht nur Zeit für eine erste Bilanz, sondern auch für einen Ausblick. In der tz spricht er über die Tücken beim Anzapfen, Fahrradwege und seine ersten Wochen im Amt.

Dominik Krause beim Anzapfen in der Bräurosl.

Dominik Krause beim Anzapfen in der Bräurosl. © Michaela Stache

OB Dominik Krause im Exklusiv-Interview: „Mit dem Auto unterwegs, wenn es dem Anlass entspricht“

Herr Krause, vor einiger Zeit ist Ihnen das Radl gestohlen worden. Haben Sie schon ein neues?

Ich habe wieder eins, aber es ist noch nicht in Betrieb genommen, sondern steht bei mir zu Hause, weil die Bremse klemmt.

Eins nur mit Muskelkraft oder ein E-Bike?

Ein E-Bike. Den Giesinger Berg im Anzug hochzuradeln: Das ist ohne E-Bike zumindest für mich nicht ganz einfach.

Auf meinem Heimweg erkennt man mich mittlerweile schon.

Sie haben viele Termine an vielen Orten. Wie klappt Ihr Plan, viel mit dem Radl oder der U-Bahn statt mit einem Dienstwagen zu fahren?

Ich habe ja immer gesagt, dass ich da sehr unideologisch unterwegs bin und einfach das nehme, was am schnellsten geht. Meistens bin ich mit dem Rad oder der U-Bahn unterwegs – und gelegentlich auch mit dem Auto, wenn es dem Wetter oder dem Anlass entspricht oder wenn es ins Umland geht und schwer erreichbar ist.

Wie oft werden Sie in der U-Bahn angesprochen?

Auch auf dem Fahrrad (lacht). Auf meinem Heimweg erkennt man mich mittlerweile schon. Da sitzen abends häufig dieselben Leute draußen in der Kneipe und winken. Aber auch darüber hinaus – und das ist immer sehr nett. Die Leute sehen Dinge auch mal anders und sagen mir das. Bisher war das wirklich immer freundlich.

Thema Radfahren: Teile des neuen Radwegs auf der Lindwurmstraße sind für eine Bus-Spur gerade zeitweise zurückgebaut worden. Wie schwer ist Ihnen diese Entscheidung gefallen? Der Radentscheid ist für Ihre Partei ja auch eine wichtige Wählerklientel.

Die Entscheidung selber ist mir überhaupt nicht schwergefallen, weil die Rückmeldungen zum Schienenersatzverkehr an der Stelle katastrophal waren. Wer da vorbeigekommen ist oder es selbst genutzt hat, erkennt das schnell. Gerade die Situation vor der Ampel, wo es sich staut. Was man zwar zu Recht sagen muss: Die Kommunikation im Vorfeld hätte besser sein können. Auf der anderen Seite war viel Druck im Kessel, dass sich schnell etwas tut. Und am Ende geht es um 180 Meter Radweg, die jetzt vorübergehend bis zur Wiesn zur Bus-Spur geworden sind. Ich finde die Aufregung darüber etwas überzogen, denn es gibt ja noch den alten Radweg, auch wenn er schmal ist. Natürlich werden wir uns das nach der Wiesn aber noch einmal anschauen müssen.

OB Dominik Krause zu Gast in der Redaktion vor dem PressehausFoto: Marcus Schlaf, 23.07.2026

OB Dominik Krause vor dem Pressehaus von Münchner Merkur und tz. © Marcus Schlaf

Sie haben jetzt bald die ersten 100 Tage als OB hinter sich. Ziehen Sie bitte eine kurze Bilanz.

Mir macht es wahnsinnig viel Spaß. Ich habe das Gefühl, dass in der Stadt und in der Stadtverwaltung großer Schwung da ist, Dinge in die Umsetzung zu bringen.

Zum Beispiel?

Vor allem beim Thema Wohnen. Wir hatten den Wohnungsgipfel, aus dem wir jetzt einen München-Standard beim Wohnungsbau entwickeln wollen. Unser Ziel ist, bürokratische Hürden abzubauen, damit die Bautätigkeit wieder in Gang kommt. Im Bereich der SEM Nordost, wo das Olympische Dorf entstehen könnte, gibt es auch gute Gespräche. Wir haben die Umbauagentur beschlossen. Und bringen jetzt den Mietmonitor auf den Weg – nach Frankfurter Vorbild. (Dieses Computer-System untersucht Wohnungsinserate automatisiert. Wenn Angebote mit überhöhter Miete auftauchen, wendet sich das Amt für Wohnungswesen an die Anbieter. Anm. d. Red.)

Wie konkret sind die Pläne? Und braucht es dafür zusätzliches Personal?

Die Überlegungen und Absprachen sind schon weit fortgeschritten – ich gehe davon aus, dass es entweder in den Sommerferien oder danach beschlossen wird. Im Kern geht es darum, dass Vermieterinnen und Vermieter automatisch angeschrieben werden. Frankfurt zeigt, dass Hinweise oft schon reichen. Deswegen wird es wohl auch kein zusätzliches Personal brauchen.

Gibt es Projekte, die Sie schon umgesetzt haben, auf die Sie besonders stolz sind?

Ja: die Umbauagentur, mit der wir es ermöglichen, dass leer stehende Büroflächen zu Wohnungen werden. Da wurde zuvor so viel drüber geunkt, von wegen: „Ach, das geht ja gar nicht. Es gibt ja gar keine Fälle – und es wird sich gar keiner melden.“ Jetzt sehen wir aber, dass es sehr wohl geht. Es haben sich schon viele Eigentümer gemeldet, die genau das machen wollen.

Von wie vielen reden wir da?

Ich weiß mindestens von einem guten zweistelligen Bereich. Ob das dann auch tatsächlich in jedem Fall mit dem Umbau klappt, ist natürlich eine andere Frage.

Viele haben noch nicht verstanden, wie ernst die Situation für die Kommunen ist.

In Ihrem Koalitionsvertrag stehen ehrgeizige Sparpläne. Einige Maßnahmen wurden schon auf den Weg gebracht, etwa höhere Kita-Gebühren. Aber es wird noch mehr Einschnitte brauchen, um das Sparziel zu erreichen. Welche Pläne gibt es in diesem Bereich?

Das Sparziel ist bis Ende der 20er-Jahre eine halbe Milliarde im laufenden Haushalt. Die Hälfte davon haben wir in einem ersten Schwung herausgearbeitet. Aber klar, wir müssen weiter ran. Konkrete Maßnahmen sind bisher nicht festgelegt. Ein Teil wird aber ein Effizienzgewinn sein – Stichwort Digitalisierung. Da tut sich gerade schon viel.

Inwiefern?

Wir haben uns intensiv mit der E-Akte auseinandergesetzt. Ich war überrascht, wie weit wir da hinterher sind. Man kann kaum jemandem erklären, dass wir unsere Akten noch nicht richtig digitalisiert haben. Und erst wenn Akten digitalisiert sind, kann man überhaupt KI einsetzen, um schneller zu werden.

Haben Sie beim bisherigen Sparpaket alles richtig gemacht? Ist es gut, dass zur ersten großen Sparrunde ausgerechnet die Erhöhung der Kita-Gebühren gehört?

Da ist die Kommunikation nicht gut gewesen, weil es so wirkt, als wäre das das erste Thema, das diskutiert wurde. Wir haben ein großes Sparpaket geschnürt, viele Maßnahmen greifen ab dem neuen Jahr, die Kita-Gebühren werden erst Ende 2027 erhöht. Ich kann den Ärger darüber auch gut verstehen. Und ganz grundsätzlich: Viele haben noch nicht verstanden, wie ernst die Situation für die Kommunen ist. 95 Prozent der Kommunen kriegen keinen ausgeglichenen Haushalt mehr hin. München steht im Vergleich noch gut da. In anderen Städten wird es nicht nur um Kita-Gebühren gehen, sondern darum, dass Schwimmbäder schließen, der ÖPNV nicht mehr funktioniert, dass Kultur- und Jugendeinrichtungen schließen. Wenn Bund und Land da nicht umsteuern, wird das auch zu einem demokratischen Problem. Was mich besonders ärgert: Wir als Stadt München treffen sehr schmerzhafte Spar-Entscheidungen, um den Haushalt zu sanieren – und bekommen an anderer Stelle sofort wieder Ausgaben aufgebrummt. Die Reform der gesetzlichen Krankenkassen kostet uns 32 Millionen, das Rentenpaket 17 Millionen – pro Jahr! Den Betrag, den wir jetzt mit den Kita-Gebühren einnehmen, hat uns der Bund gleich wieder an anderer Stelle draufgelegt.

Können Sie das genauer erklären?

Im Kern werden in den Krankenhäusern Tarifsteigerungen nicht mehr voll übernommen, mehr Aufwand durch Überprüfungen der Krankenkassen erforderlich und auch Behandlungskosten weniger vergütet - und das obwohl die Kosten steigen.

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Auch die Kultur spielt im städtischen Sparprogramm möglicherweise eine Rolle. Ein Thema ist das Deutsche Theater, das die Stadt betreibt und das Verlust macht. Wie stehen Sie zu einer möglichen Privatisierung?

Das ist als Prüfauftrag im Koalitionsvertrag festgehalten, die Fraktionen schauen sich das gerade an. Insgesamt gilt für mich: Wir können den Kulturbereich nicht ausnehmen aus den Sparmaßnahmen, aber wir dürfen dort auch nicht überproportional sparen. Aus meiner Sicht ist Kultur elementar für unsere Stadt. Und beim Deutschen Theater geht es nicht darum, dass es kein Deutsches Theater mehr gibt. Es geht um die Frage, ob das Gebäude jemand anderem gehört oder ob den Betrieb jemand anderes macht. Aber dass diese Einrichtung in der Stadt bleibt, wollen – glaube ich – alle.

Wie ist das mit den Stadtbüchereien? Soll auch hier gespart werden?

Wir schauen insgesamt bei Büchereien, Jugendzentren und anderen Angeboten, wie die Verteilung im Stadtgebiet ist und ob es irgendwo sehr viele Angebote gibt und anderswo zu wenig. Das heißt nicht, dass morgen etwas geschlossen wird. Aber langfristig kann es auch Zusammenlegungen geben.

Apropos Sparen. Ist Geld da für die Sanierung eines 60er-Stadions? Für einen Verein, der jetzt in der 4. Liga spielt?

Ich verfolge das mit großem Interesse und gar nicht so pessimistischem Blick. Ich glaube erstens, dass die Entwicklung auch einen gewissen Schwung bei 60 reinbringen kann. Zweitens bräuchten wir das Grünwalder Stadion neben dem Olympiastadion auch für mögliche Olympische Spiele. Noch ist es im Haushalt nicht finanziert. Die Pläne zur Stadion-Erweiterung sind gerade in der Abstimmung mit unserer Verwaltung.

OB Dominik Krause zu Gast in der RedaktionFoto: Marcus Schlaf, 23.07.2026

OB Dominik Krause zu Gast in der Redaktion. © Marcus Schlaf

Wie verfolgen Sie die Entwicklung bei den Innenstadt-Immobilien? Einige wie das Hertie-Haus (am Bahnhofsplatz) suchen nach wie vor einen Käufer. Und die Zukunft des Karstadt am Marienplatz soll auch ungewiss sein...

Die Einzelhandelszahlen sind gar nicht so schlecht, es kommen auch nach wie vor sehr viele Leute in die Stadt. Aber das klassische Konzept Kaufhaus funktioniert eben nicht mehr. Das heißt, man muss es anders denken. Das müssen die Investoren oder Eigentümer beachten. Wir als Stadt stehen dem von der Genehmigungsseite nicht im Weg.

Ich habe schon Respekt vor dem Anzapfen

Beim Oktoberfest zapfen Sie heuer zum ersten Mal als OB im Schottenhamel an. Sie sind zwar schon seit Jahren in der Übung, haben ja als Bürgermeister zum Beispiel in der Bräurosl angezapft. Legen Sie jetzt trotzdem noch einmal ein extra Training ein?

Ja, da begebe ich mich wie alle meine Vorgänger im August ins Training.

Wie intensiv wird das sein? Und haben Sie ein wenig Bammel?

Ich werde wohl zwei oder drei Mal üben. Ich habe schon Respekt vor dem Anzapfen. Ich vergleiche es immer mit dem Fußball – das ist ein bisschen wie Elfmeterschießen: Man hat es viele Male gemacht, aber wenn viele Millionen Menschen zuschauen, ist es noch einmal etwas anderes.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Ministerpräsident Markus Söder? Ist er Freund, Feind, Partner, Rivale?

Ich glaube, wir sind beide darauf angewiesen, dass es ein gutes Verhältnis zwischen Stadt und Freistaat gibt. Dementsprechend ist auch unser Austausch miteinander. Gerade bei Olympia klappt die Zusammenarbeit wirklich hervorragend.

Spielt er in allen Bereichen fair?

Bisher ist das ein sehr fairer Umgang miteinander, ja.

Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu Ihrem Amtsvorgänger Dieter Reiter?

Wir sehen uns hin und wieder und schreiben manchmal.

Wenn Sie selbstkritisch auf Ihre ersten 100 Tage schauen: Was würden Sie anders machen?

Beim Thema Wasserknappheit kann man sagen: Da hätte die Kommunikation anders laufen müssen. Vor allem über 50.000 Euro als mögliches Bußgeld – aber diese Summe kommt ja nicht von mir, sondern aus dem Gesetz. Normalerweise würde es bei einem Verstoß eher um 100 oder 150 Euro gehen, denn die 50.000 Euro sind ja nur die maximal mögliche Höchst-Summe. In der Kommunikation hätte man das besser erklären sollen.

Gibt es beim Wasser auch einen Stadt-Land-Konflikt? Das meiste Wasser in München kommt ja aus dem Umland. Und haben Sie Verständnis für die Menschen im Oberland, die verärgert sind und sagen: „Ihr Münchner verprasst mit eurem Wachstum unser Wasser“?

Ich kann verstehen, dass Menschen sagen: „Es geht nicht, dass ihr Wasser einfach im Überfluss benutzt für Dinge, für die es gar nicht unbedingt notwendig ist – und bei uns in Garmisch-Partenkirchen hat das dann Auswirkungen auf die Natur.“ Deswegen ist es die Aufgabe, in den nächsten Jahren gemeinsam einen guten Weg zu finden. Denn die Stadt wächst ja weiter. Und auch wenn wir den Wasserverbrauch pro Kopf senken, wird er vermutlich insgesamt nicht zu stark runtergehen – schon allein dadurch, dass neue Bewohner dazukommen. Das heißt, wir werden uns mit den Umlandgemeinden für die Zukunft vereinbaren müssen, wie es da weitergeht.