Bad Tölz-Wolfratshausen: Krankmelderegeln lösen Sturm der Kritik aus
StartseiteLokalesBad TölzBad TölzStand: 20.07.2026, 06:30 UhrKommentareUns auf Google folgenStein des Anstoßes: Die Bundesregierung will die Regeln für Krankmeldungen verschärfen. © dpa/Jens BüttnerDie von der ...
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Stand: 20.07.2026, 06:30 Uhr
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Die von der Bundesregierung geplanten strengeren Regeln für Krankschreibungen stoßen im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen auf ein geteiltes Echo: Ärzte und Gewerkschaften warnen vor mehr Bürokratie, überlasteten Praxen und höheren Infektionsrisiken, während Arbeitgeber den Vorstoß grundsätzlich begrüßen.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Wer krank ist, soll künftig früher zum Arzt müssen: Die Bundesregierung plant strengere Regeln für Krankmeldungen. Eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag und das Ende der telefonischen Krankschreibung sollen helfen, die hohen Krankenstände zu senken. Doch der Vorstoß ist umstritten – auch im Landkreis. Arbeitnehmervertreter, aber auch Ärzte sehen das Vorhaben der schwarz-roten Koalition kritisch.
Hohe Krankenstände beklagt
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte bereits im vergangenen Jahr die aus seiner Sicht hohen Krankenstände in den Unternehmen beklagt. Nun soll mit der besagten Verschärfung gegengesteuert werden. Ob sich dadurch tatsächlich weniger Beschäftigte krankmelden, wird jedoch von vielen Medizinern bezweifelt. Sie warnen stattdessen vor negativen Folgen für die Patientenversorgung, den Infektionsschutz und die Abläufe in den Praxen.
Große Zweifel daran, dass das Kalkül der Bundesregierung aufgeht, hat auch der Tölzer Hausärztesprecher Dr. Matthias Bohnenberger. Er glaube nicht, dass sich damit die Zahl der Krankheitstage verringern lasse. Den Anstieg der Fehlzeiten führt er vielmehr auf die inzwischen sehr effiziente elektronische Erfassung zurück. Aus seiner Sicht stehen die Pläne zudem im Widerspruch zum viel beschworenen Bürokratieabbau. Statt Verwaltungsaufwand zu reduzieren, würden Arztpraxen zusätzlich belastet. Gleichzeitig steige das Infektionsrisiko in den Wartezimmern, wenn sich mehr Kranke dorthin begeben müssten, um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu erhalten.
Überlastung der Arztpraxen
Bohnenbergers Sichtweise teilen auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Hausärztinnen- und Hausärzteverband (HÄV). Beide Organisationen warnen vor mehr Bürokratie und überfüllten Praxen. „Diese Beschlüsse sind eine absolute Katastrophe. Ohne jegliche Evidenz nimmt die Koalition die komplette Überlastung unserer Praxen billigend in Kauf“, heißt es in einer Pressemitteilung des HÄV.
Beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) stehen die Zeichen auf Sturm. „Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen“, kündigt der stellvertretende Kreisvorsitzende Klaus Barthel an. Man werde mit Protestaktionen dagegenhalten. Die vorgesehenen Verschärfungen seien nichts anderes als eine Misstrauenserklärung gegenüber den Beschäftigten.
Barthel, der viele Jahre für die SPD im Bundestag saß, erwartet sogar gegenteilige Effekte. Wer aus Angst vor Nachteilen krank zur Arbeit gehe und Infektionen nicht ausreichend auskuriere, könne länger ausfallen und Kollegen anstecken. Auch innerhalb seiner Partei, die eigentlich die Pläne in der Bundesregierung mitträgt, regt sich nach seinen Worten Widerstand. „In der SPD gibt es großen Unmut“, berichtet der Kochler.
Im Lager der Arbeitgeber fällt die Bewertung erwartungsgemäß anders aus. Grundsätzlich sei es sinnvoll, über Wege nachzudenken, die zu weniger Krankheitstagen führen könnten, sagt Martin Füger, Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses Bad Tölz-Wolfratshausen. Die genannten Änderungen könnten dazu beitragen. Gleichzeitig warnt der Geretsrieder Geschäftsmann vor einer zu einfachen Rechnung: „Der Gesamteffekt lässt sich jedoch nur sehr schwer beurteilen, da der möglichen Vermeidung von Missbrauch ein höherer bürokratischer Aufwand – auch für Unternehmen – gegenübersteht.“
In der Bundespolitik schlagen die ins Spiel gebrachten Neuregelungen bei Krankschreibungen hohe Wellen. Seitens der Opposition hagelt es Kritik. So geht Karl Bär, Abgeordneter der Grünen für den Wahlkreis Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach, mit der anvisierten Reform hart ins Gericht. „Friedrich Merz zeigt einmal mehr, dass er den Menschen in Deutschland nicht traut“, sagt er. Es drohten überfüllte Wartezimmer, überlastete Ärzte und Arbeitnehmer, die sich krank in die Betriebe schleppten.