„Bei den Fälschungen gibt es eine große Dunkelziffer“ – Stefan Krinninger prüft Dokumente auf Echtheit
StartseiteLokalesEbersbergEbersbergStand: 05.08.2026, 07:30 UhrKommentareUns auf Google folgenStefan Krinninger ist seit zehn Jahren für die Beurteilung von möglichen gefälschten Dokumenten zuständig. © Stefan ...
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Stand: 05.08.2026, 07:30 Uhr
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Ausweise, Führerscheine und Co. landen bei Stefan Krinninger von der Polizeiinspektion Ebersberg zur Überprüfung. Die schlechteste Fälschung sah aus wie selbst gebastelt.
Ebersberg – Ein Blick reicht ihm oft. Stefan Krinninger, Polizeihauptkommissar von der Polizeiinspektion Ebersberg, untersucht Dokumente, die gefälscht sein könnten. Der 56-Jährige ist Leiter der Ermittlungsgruppe und kümmert sich um Fälle, die umfangreichere Ermittlungen mit sich ziehen. Häusliche Gewalt, Staatsschutzangelegenheiten, Einbrüche, Vandalismus und Urkundenfälschung. Er macht seine Arbeit mit Leidenschaft, und hat ein geschultes Auge.
Was fasziniert Sie bei der Arbeit am meisten?
Ich mag es, etwas in der Hand zu haben. Sonst geht bei der Polizei schon alles elektronisch. Aber bei den Führerscheinen oder Ausweisen kann ich mich richtig reinfuchsen. Ich will genau wissen, wie der Fälscher das gemacht hat. Und ich kann mich selbst überprüfen, ob ich die Fälschung erkenne.
Wie ist die Urkundenfälschung als eigene Abteilung aufgekommen?
Früher gab es schon sogenannte Dokumenten-Multiplikatoren beim Landeskriminalamt. Das sind Beamte, die sich mit gefälschten Urkunden beschäftigen. Im Jahr 2016 oder 2017 wurden vom Innenministerium ungefähr 4000 falsche Identitäten in ganz Bayern errechnet. Also Nicht-EU-Bürger, die sich mit falschen Dokumenten als EU-Bürger ausgeben. Das LKA ist mit der Prüfung der Dokumente nicht mehr hinterhergekommen. Also hat das Innenministerium angeordnet, dass bei jeder Polizeiinspektion ein Dokumenten-Multiplikator sitzen soll.
Gibt es dafür eine separate Ausbildung?
Am Anfang gibt es einen zweitägigen Lehrgang. Da schaut man sich verschiedene Drucktechniken, wie Flachdruck, Lasergravur oder Thermodruck an. Das gibt ein ganz anderes Druckbild als der normale Tintenstrahl- oder Laserdrucker, den man zu Hause hat. Nach dem Lehrgang ist es Learning by doing. Ich war auch mehrere Wochen beim Landeskriminalamt und habe da eine tiefgründigere Ausbildung gemacht. Jetzt kann ich auch Kurzgutachten schreiben, die von der Staatsanwaltschaft anerkannt sind.
Welche Urkunden gehören zu Ihrem Aufgabenbereich?
Hauptsächlich Ausweise, Reisepässe und Führerscheine. Das, was meines Erachtens am meisten gefälscht wird, sind Führerscheine. In Bayern hatten wir vergangenes Jahr ungefähr 8600 Urkundendelikte. Eine Aufschlüsselung gibt es leider nicht. Bei der PI Ebersberg habe ich pro Jahr circa 30 Delikte. Sonst bin ich als Leiter der Ermittlungsgruppe für häusliche Gewalt, Staatsschutzangelegenheiten, Einbrüche und Vandalismus zuständig. Deutsche Dokumente werden eher weniger gefälscht. Wahrscheinlich, weil jeder bei uns deutsche Dokumente hat und sie dadurch auch kennen sollte. Bei Fahrzeugscheinen werden meistens die TÜV-Stempel gefälscht. Das wird aber auch weniger, weil die Hauptuntersuchung seit einigen Jahren online eingespeichert wird.
Wie läuft ein Prüfvorgang mit einem mutmaßlich falschen Dokument ab?
Entweder sieht ein Kollege bei der Kontrolle einen Führerschein, der ihm komisch vorkommt, oder das Landratsamt. Der Führerschein wird wegen Verdachts der Fälschung sichergestellt und kommt dann zu mir. Das Prüfen ist für mich ein Aufwand von zehn Minuten. Ich habe inzwischen schon zigtausend Dokumente gesehen, auch durch die Arbeit beim LKA. Irgendwann bekommt man ein gewisses Auge dafür. Personaldokumente sind immer relativ gleich aufgebaut. Die haben zig Sicherheitsmerkmale. Die Polizei hat eine Informationsseite, wo drinsteht, wie die Führerscheine ausschauen sollen. Das ist nach Ländern aufgegliedert. Wir haben vorn bei der Wache auch ein Gerät, das die Merkmale automatisch prüft. Nach einer Kontrolle können die Kollegen den Führerschein oder Pass da reinlegen. Bei Auffälligkeiten ploppt eine Meldung auf und der Führerschein kommt zu mir. Das Gerät prüft auch den Chip, der bei deutschen Ausweisen innenliegend ist. Der ist wie diese Metallchips auf Bankkarten und hat unsere Fingerabdrücke gespeichert. Zur Überprüfung einer möglichen Fälschung nehme ich hauptsächlich eine Lupe mit Licht. Damit sieht man den UV-Druck, der auf den Ausweisen ist. Dann habe ich ein Lesegerät für QR-Codes beziehungsweise Strichcodes. Einen Multidecoder. Solche Strichcodes sind auf ausländischen Ausweisen drauf, wie auf den kosovarischen. Der wiederholt entweder, was auf dem Pass steht, oder verweist auf eine Internetseite, um zu überprüfen, ob es den Ausweis überhaupt gibt.
Was gibt es für Sicherheitsmerkmale?
Zum einen das Hologrammbild, also diese Kippbilder. Die meisten Karten wie Ausweise oder Führerscheine haben das. Oder die Wechselfarbe. Die ändert sich, wenn man die Karte kippt und von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet. Diese Farbe haben wir zum Beispiel auch auf Geldscheinen. Da ist sie zuerst dunkelbläulich und wird dann grün. Mittlerweile wird das aber auch schon nachgemacht. Andere Merkmale verraten wir aber nicht.
Was war Ihre schlechteste Fälschung?
Bei der schlechtesten Fälschung ever war ich gerade beim Landeskriminalamt. Der Führerschein wurde, glaube ich, bei einer theoretischen Prüfung vorgezeigt. Da wurde irgendein Plastik benutzt, die Karte war schief und krumm geschnitten. Die haben eigentlich gerundete Ecken. Dann wurde noch ein Foto draufgeklebt, wie beim Basteln im Kindergarten. Oder einmal hatte ich einen Personalausweis, der wirklich gut gefälscht war. Da wurde eine falsche Identität mit einem anderen Namen benutzt. Die Dame hat dann aber mit ihrem tatsächlichen Namen unterschrieben. So etwas finde ich dann schon wieder lustig.
Wie sehen dann bessere Fälschungen aus?
Bei Pässen beschaffen sich die Fälscher Echtdokumente, z.B. durch Diebstahl. Oder man wird im Internet aufgefordert, ein Foto seines Ausweises zu schicken. Bei falschen Airbnb-Buchungen zum Beispiel oder einer falschen Wohnungsanzeige. Diese Fotos werden dann benutzt, um den Ausweis zu duplizieren. Oder die Fälscher geben sich im Internet mit dem vorher beschafften Foto als diese Person aus. Aber das ist dann Cybercrime, also Internetkriminalität. Dafür gibt es bei uns extra einen Spezialisten.
Haben Sie das Gefühl, dass die Fälschungen mehr werden?
Bei den Fälschungen gibt es eine große Dunkelziffer. Mehr geworden sind Fälschungen im Bereich der Sprachzertifikate. Wo Bedarf ist, ergibt sich ein Markt. Wenn jemand unseren Aufenthaltstitel haben will, muss er dafür ein Sprachzertifikat vorlegen. Auch von den Standesämtern kommen immer mehr Urkunden aus dem Ausland, die auf Echtheit geprüft werden müssen.
Rutscht Ihnen auch mal was durch?
Manchmal verliert man das Auge dafür. Wenn ein Dokument keine Fälschungsmerkmale hat, dann ist es anscheinend echt. Bin ich mir bei einem Dokument nicht sicher, fahre ich ins LKA und wir prüfen es noch einmal gemeinsam. Aber es gibt auch gewisse Urkunden, wie Geburtsurkunden aus anderen Ländern, die wir nicht prüfen können. Die Originale kommen oft aus ganz normalen Standarddruckern. Das kann man dann nicht von einer Fälschung unterscheiden. Durch die große Zuwanderung und die Struktur mit vielen verschiedenen Staatsangehörigkeiten, die bei uns sind, werden die Dokumente immer mehr und immer unterschiedlicher. Da muss man sich dann wirklich damit beschäftigen. Man müsste auch in der polizeilichen Ausbildung mehr Augenmerk darauf legen.