Bereits im Vorschulalter übernehmen Kinder das Körperbild ihrer Eltern
Wer schlecht über den eigenen Körper spricht oder Essen als Sünde bezeichnet, gibt dieses Bild unbewusst an Kinder weiter. Und das kann laut einer Familienberaterin schon in sehr jungen Jahren prägen.
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Publiziert4. August 2026, 20:28
Erziehung«Das hast du dir verdient»: Diese Sätze sollten Eltern vermeiden
Wer schlecht über den eigenen Körper spricht oder Essen als Sünde bezeichnet, gibt dieses Bild unbewusst an Kinder weiter. Und das kann laut einer Familienberaterin schon in sehr jungen Jahren prägen.

«Heute habe ich gesündigt.» «Ich muss unbedingt abnehmen.» «Iss nicht so viel, sonst wirst du dick» – solche Sätze fallen in vielen Familien ganz nebenbei. Oft richten sie sich nicht direkt an das Kind, trotzdem können sie langfristig prägen. «Kinder lernen vor allem durch Beziehung und Vorbilder», sagt Familienberaterin Daniela Baudin. «Sie beobachten ihre Eltern genau und übernehmen deren Haltung sich selbst gegenüber.»
«Ein einzelner unbedachter Satz löst keine Essstörung aus», betont Irene Held, Präsidentin des Berufsverbandes der Ernährungs-Psychologischen BeraterInnen. Problematisch werde es dann, wenn sich solche Botschaften ständig wiederholen. Mit der Zeit könnten Kinder innere Überzeugungen entwickeln wie «Mit meinem Körper stimmt etwas nicht» oder «Anerkennung bekomme ich, wenn ich schlank bin».
Über die Expertinnen

Daniela Baudin ist Familien-, Einzel- und Paarberaterin. Zudem leitet sie Elterngruppen, in denen über Erziehung, Alltagsthemen und offene Fragen gesprochen werden kann. www.db-beratung.ch

Irene Held ist dipl. ernährungspsychologische Beraterin und Hypnosetherapeutin sowie Präsidentin des epb-schweiz, des Berufsverbands der Ernährungs-Psychologischen BeraterInnen IKP. Sie ist mit eigener Praxis in Dübendorf beim Bahnhof Zürich Stettbach tätig. www.ireneheld.ch
Bei Meitli geht es ums Dünnsein, bei Buben um Muskeln
In ihrer Praxis hört Held immer wieder folgende Aussagen:
- «Nur wenn du alles aufisst, bekommst du Dessert.»
- «Wenn du heute brav bist, bekommst du eine Glace.»
- «Das hast du dir jetzt verdient.»
- «Iss nicht so viele Guetzli, sonst wirst du dick.»
- «Das ist schlecht für die Figur.»
- «Wenn du so weiterisst, passen dir deine Hosen bald nicht mehr.»
- «Zum Glück hast du die Figur von Papa und nicht meine.»
- «Schau mal, wie schön schlank deine Freundin ist.»
Bei Buben gehe es häufig weniger um Schlankheit, sondern eher um Muskeln, Körpergrösse und sportliche Fitness.
Wer hat dich in deiner Kindheit am meisten beeinflusst?
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Schwer zu sagen.
Folgen: Scham, Unsicherheit, ständige Vergleiche
Kommentieren Eltern ständig den Körper oder das Essverhalten anderer oder ihr eigenes, ziehen Kinder daraus Schlüsse. Laut Held kann das dazu führen, dass Kinder ihren Körper früh kritisch betrachten, ihren Selbstwert an Gewicht oder Aussehen knüpfen und Scham- oder Schuldgefühle entwickeln. Auch die Wahrnehmung von Hunger und Sättigung kann gestört werden.
«Gerade jüngere Kinder verstehen solche Aussagen sehr wörtlich und bauen daraus ihr eigenes Weltbild», sagt Held. Scham, Unsicherheit, ständige Körpervergleiche oder ein kontrolliertes, heimliches oder emotionales Essverhalten können Folgen sein. Laut Baudin entsteht ein gesundes Körperbild dort, wo Kinder erfahren, dass ihr Wert nichts mit ihrer Figur zu tun hat.
Schon Vorschulkinder hören genau hin
Häufig unterschätzen Eltern, wie früh Kinder damit anfangen, über ihren Körper nachzudenken. «Bereits im Vorschulalter beobachten Kinder sehr genau, wie Erwachsene über Körper und Essen sprechen», sagt Baudin. Spätestens in der Primarschule hätten viele bereits gesellschaftliche Schönheitsideale übernommen.
Laut Held könnten bereits im Schulalter häufig wiederholte Botschaften als Glaubenssätze fest verankert sein. «Kinder vergleichen sich dann stärker und greifen auf das zurück, was sie zu Hause gelernt haben.»
Was man stattdessen sagen kann
Baudin empfiehlt Eltern nicht, die richtige Formulierung auswendig zu lernen – die gebe es nämlich nicht. Viel wichtiger sei die Haltung dahinter. «Der Blick richtet sich auf Wohlbefinden statt auf Gewicht.» Kleine sprachliche Veränderungen können helfen, den Fokus zu verschieben, etwa so:
- Statt «Heute habe ich gesündigt»: «Das Essen hat mir richtig geschmeckt.»
- Statt «Ich muss abnehmen»: «Ich möchte gut auf meinen Körper achten.»
- Statt «Iss nicht so viel»: «Spür mal nach: Hast du noch Hunger oder bist du satt?»
- Statt «Du siehst so schön schlank aus»: «Du strahlst.»
Auch Komplimente können problematisch sein
Doch nicht nur Kritik am Aussehen oder der Figur kann Kinder prägen: «Wenn Kinder fast ausschliesslich hören, dass sie hübsch oder schlank sind, entsteht leicht der Eindruck, genau das sei das Wichtigste an ihnen», sagt Baudin. Held ergänzt: «Das Kind lernt so, dass Schlanksein Anerkennung bringt, und diese könnte es auch wieder verlieren.»
Stattdessen empfiehlt Baudin, Eigenschaften, Verhalten oder Gefühle zu loben statt das Aussehen. «Das stärkt ihren Selbstwert.» Zum Beispiel: «Du warst heute mutig» oder «Ich mag deine Neugier».
«Kinder brauchen keine perfekten Eltern»
Was können Eltern also konkret tun? Held empfiehlt, Körper nicht ständig zu kommentieren – weder den eigenen noch den von anderen. Hilfreich sei es zudem, Hunger und Sättigung ernst zu nehmen, Genuss zuzulassen und Bewegung als etwas Positives zu zeigen, nicht als Pflichtübung.
Wer ausserdem selbst mit unrealistischen Schönheitsidealen, Diäten oder ständiger Körperkritik gross geworden ist, tut sich oft schwer damit, dem eigenen Kind ein gesundes Körperbild und einen entspannten Umgang mit Essen vorzuleben. «Es geht nicht darum, ab morgen nur noch begeistert vor dem Spiegel zu stehen», so Held. Ein erster Schritt könne sein, wertende Sätze bewusst wahrzunehmen und neutraler zu formulieren. Statt «Ich sehe schrecklich aus»: «Ich fühle mich heute nicht wohl in meinem Körper.»
Und wenn doch einmal ein unbedachter Satz falle, könnten Eltern ihn offen korrigieren. «Das ist für Kinder sogar sehr wertvoll, weil sie lernen, dass man eigene Muster verändern kann. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern Eltern, die bewusst mit sich umgehen», so Held. Auch Baudin möchte Eltern den Druck nehmen. «Vielleicht beginnt Veränderung mit einem einfachen Gedanken: Nicht mein Kind muss lernen, seinen Körper anzunehmen. Ich darf bei mir selbst damit beginnen.»

Carolina Lermann (ler) arbeitet seit Mai 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin für Body & Soul im Lifestyle-Ressort und schreibt über Erziehung, Sport und Psychologie.