Der 19-jährige Paul Seixas fährt an dieser Tour de France wie ein Routinier
Das französische Supertalent verzichtet an der Tour de France auf Husarenritte und riskante Aktionen. Vielmehr wirkt er erstaunlich abgeklärt. Bei seinem Tour-Debüt beweist er: Mit ihm wird in Zukunft zu rechnen sein.
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Der 19-jährige Paul Seixas fährt an dieser Tour de France wie ein Routinier – er vermeidet die Fehler seiner Vorgänger
Das französische Supertalent verzichtet an der Tour de France auf Husarenritte und riskante Aktionen. Vielmehr wirkt er erstaunlich abgeklärt. Bei seinem Tour-Debüt beweist er: Mit ihm wird in Zukunft zu rechnen sein.
24.07.2026, 18.06 Uhr
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Alle Augen auf den Hoffnungsträger: Paul Seixas erhält an der Tour de France so viel Aufmerksamkeit wie kaum einer vor ihm.
Romain Doucelin / Imago
Schon am Vormittag auf den 21 Kehren hinauf zur Alpe d’Huez vibriert dieser Berg. Es dauert zwar noch Stunden, bis das Peloton der Tour de France diesen legendären Aufstieg erklimmen wird. Trotzdem säumen schon Zehntausende die Passstrasse. Hinzu kommen Tausende, die den Anstieg mit dem Rennvelo bewältigen. Velos, Fahrzeuge der Teams und der Offiziellen, alles staut sich auf der Strasse. Die Gendarmerie versucht mit überschaubarem Erfolg, das Chaos zu ordnen.
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In einer Kurve stehen die Dänen, es folgen Belgier, Schweizer, Niederländer, Italiener und natürlich Franzosen. Sie sind teilweise seit Tagen an der Alpe d’Huez, die Kühlschränke der Wohnmobile voller Bier, der Grill läuft ständig, die Lautsprecher der Musikanlagen auch. In den sozialen Netzwerken kursieren in den Stunden und Tagen vor der Etappe Videos von nächtlichen Partys am Berg. Etwa eine halbe Million Menschen werden die Fahrer während dieser 19. Etappe unterstützen, die meisten von ihnen an der Alpe d’Huez.
Bei einem 19-Jährigen müsste eine solche Kulisse Ehrfurcht auslösen, vielleicht auch den Drang, anzugreifen, sich den Sieg bei der prestigeträchtigsten Bergankunft zu sichern und dafür einen Einbruch und die Position im Gesamtklassement zu riskieren. Doch Paul Seixas, der Hoffnungsträger der Franzosen, lässt sich von alldem nicht beirren. Vor der Tour hat er gesagt: «Ich werde mit Emotionen, aber auch kaltblütig in diese Tour gehen.»
Pogacar triumphiert erstmals auf der Alpe d’Huez
Im Aufstieg zur Alpe d’Huez attackiert Tadej Pogacar schon nach einem Kilometer, gewinnt später die Etappe souverän, es ist sein erster Sieg auf der Alpe d’Huez. Der Slowene dürfte die Tour de France am Sonntag für sich entscheiden. Seixas realisiert rasch, dass das Tempo für ihn zu hoch ist, behält die Ruhe. Auch als Remco Evenepoel und später Isaac Del Toro, seine Konkurrenten im Kampf um einen Podestplatz, ein höheres Tempo anschlagen, reagiert er nicht, fährt sein eigenes Tempo. Er verliert nur wenige Sekunden, der Einbruch bleibt aus.
Seixas nimmt dieses Jahr erstmals an der Tour teil, als jüngster Fahrer seit dem Zweiten Weltkrieg. Das war zwar so nicht geplant. Doch die Verantwortlichen seines Teams Decathlon hatten keine andere Wahl: Der junge Franzose hat sich rasend schnell entwickelt, als Jüngster die Flèche wallonne gewonnen, als Jüngster bei einer Rundfahrt der World Tour triumphiert, als Einziger dem vierfachen Tour-Sieger Tadej Pogacar bei Lüttich–Bastogne–Lüttich halbwegs Paroli geboten.
Jetzt steht Seixas also auf der grössten Bühne des Radsports, ist mit den Hoffnungen einer ganzen Nation auf den Schultern unterwegs. Frankreich sehnt seit 41 Jahren einen einheimischen Toursieger herbei. Generationen seiner Vorgänger sind an den Erwartungen zerbrochen. In Seixas’ Universum gäbe es mehr als die Alpe d’Huez, um vor Ehrfurcht zu erstarren.
An der Tour steht er im Fokus wie wenige vor ihm. Das französische Fernsehen filmt ihn schon während des Einfahrens minutenlang, die «Equipe» hat einen Reporter abgestellt, der während dieser Tour de France nur über ihn schreibt. Als wäre alles nicht schon genug Druck, sagte der Staatspräsident Emmanuel Macron schon in der ersten Tour-Woche, er hoffe, dass Seixas eine oder mehr Etappen für sich entscheide, das ganze Land stehe hinter ihm.
Die Tour wird Seixas nicht gewinnen – aber in Zukunft ist mit ihm zu rechnen
In den Pyrenäen verzichtete Seixas trotzdem darauf, Pogacar oder Jonas Vingegaard herausfordern zu wollen, riskierte keinen Einbruch. Routiniert hielt er sich in der Gruppe der Favoriten im Gesamtklassement, überliess den Granden die Führungsarbeit. Auf der Strasse hielt sich der sonst so angriffslustige Seixas zurück.
Nun befindet sich der Tour-Tross in den Alpen, wo drei Bergetappen stattfinden, es ist seine Heimatregion, er stammt aus Lyon. Auf heimischen Strassen waren französische Profis in der Vergangenheit stets besonders motiviert, besonders angriffslustig und besonders blauäugig. Sie haben aussichtslose Fluchtversuche riskiert, fruchtlose Attacken gestartet, nur um zu scheitern.
Seixas hat aus diesen Fehlern gelernt, sagte vor der ersten Alpenetappe am vergangenen Donnerstag: «Es geht darum, Kräfte zu sparen.» Im Gesamtklassement belegt er Rang vier, 24 Sekunden fehlen vor der Königsetappe am Samstag auf das Podest. Die Tour wird er in diesem Jahr wohl nicht gewinnen. Die französische Öffentlichkeit und die Medien haben das akzeptiert. Sie vertrauen auf die Zukunft. Denn nicht zuletzt mit seiner intelligenten Fahrweise hat Seixas während seiner ersten dreiwöchigen Rundfahrt bewiesen, dass in Zukunft mit ihm zu rechnen sein wird.
Sein Teamkollege Aurélien Paret-Peintre sagt, Seixas wirke bereits wie ein Routinier: «Ich habe ihn kennengelernt, als er 18 Jahre alt war. Er wirkte auf mich schon wie ein 25-Jähriger.» Auch einer seiner Trainer lobt Seixas’ Reife; er begehe keinen Fehler zweimal, lerne unglaublich schnell. Selbst Pogacar ist beeindruckt und sagt: «In diesem Alter ist er schon sehr erwachsen.»
Er ist nicht an der Tour, «um das Rennen kennenzulernen»
Seixas verheimlicht anders als seine französischen Vorgänger nicht, dass er gewinnen will. Er sei nicht an der Tour, um «das Rennen kennenzulernen», sagte er vor dem Grand Départ in Barcelona. Er sagt aber auch: «Es geht darum, Spass zu haben. Ich lasse das Schicksal seinen Lauf nehmen.» Das klingt wie eine Plattitüde, doch ihm glaubt man das. Der Teamkollege Paret-Peintre sagt: «Er weiss genau, was er will in den Rennen und in der Karriere. Er hat einen guten Plan.»
In Gesprächen, selbst nach hektischen und harten Rennen, gibt er sich ruhig und reflektiert. Nach einer Tour-Etappe steht er vor Dutzenden von Reportern, dahinter Fans, die seinen Namen brüllen. Seixas versteht die Fragen wegen des Lärms nicht. Er blickt zu den Zuschauern, sagt: «Taisez-vous, s’il vous plaît.» Es ist kein Befehl, sondern eine höflich vorgetragene Bitte. Die Zuschauer verstummen augenblicklich.
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