Die Toten Hosen im Berliner Olympiastadion: Niemals läufst du allein

Gemeinsam mit Farin Urlaub und Sven Regener schreiben die Toten Hosen an ihrem letzten Kapitel deutscher Musikgeschichte. Es ist ein wuchtiger Abend der Erinnerungen – und gegen die Verführung.

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Die Toten Hosen im Berliner Olympiastadion: Niemals läufst du allein

Beginnen soll dieser Konzertabend mit einem Treppenwitz der deutschen Musikgeschichte. Nachdem beide Bands ewiglang durch grimmige Feindschaft und neckische Gegnerschaft verbunden waren, wünschen Farin Urlaub, Bela B und Rodrigo González der Hörerschaft ihrer vorgeblichen Lieblingsrivalen auf dutzenden Plakatwänden entlang der S-Bahngleise: „Viel Spaß bei den Hosen! Eure Ärzte“.

Bald wird es das endgültig gewesen sein mit diesem vergnüglichen Antagonismus: Die Toten Hosen sagen Lebewohl. Vor wenigen Wochen haben sie ihr letztes Studioalbum vorgelegt, eine stürmisch-versonnene Abschiedsrevue voller historischer Reminiszenzen, ein letztes Herzensecho aus viereinhalb Jahrzehnten Bandgeschichte, theatral und lakonisch zu gleichen Teilen. Nun folgt also die weitschweifige Abschiedsreise – eine Schlusstournee, welche die Band an diesem elften Juliabend auch noch einmal ins Olympiastadion führt.

Spaßpunks und Stadionkünstler

Gegen 20 Uhr ertönt zunächst eine der essenziellen Urmelodien, sie stammt nicht aus eigenen Federn und doch gilt sie ihnen wie ihren Jüngern als lebenslanger Schwur: „You’ll never walk alone“. Während der Ouvertüre werden an den Bühnenrändern zwei großgestische Flaggen gehisst, „Bis zum bitteren Ende“ lautet das Gelöbnis. Und tatsächlich, als die scheidende Rockerbande um Campino die Bühne betritt, erheben sich die Menschen auf den Rängen: „Dürfen wir uns kurz vorstellen, wir sind aus Düsseldorf, wir sind die Jungs von der Opel-Gang!“

Schon dieses erste Stück offenbart sich als Entfesselung einer Zeitreise. Am Tage der einstigen Veröffentlichung stand der Bundestag auf Bonner Boden, der Kanzler hieß Kohl – pars pro toto: es war eine andere Welt. Auch um das Sein und Bewusstsein der Toten Hosen stand es grundlegend verschieden. Das an diesem Sonnabend ersichtliche, monumentale Stadionkünstlertum lag damals in lichtjahreweiter Ferne. Anfang der Achtziger waren Campino, Kuddel, Andi und Breiti eine Horde von Düsseldorfer Spaßpunks in bürgerschreckenden Karnevalskostümen. An der Spitze ihrer damaligen Bedürfnispyramide standen allzeitliche Pegelpflege und zeitweises Rabaukentum.

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Im Sinne der Erinnerungskultur entfachen erste Moshpits, hier verbildlicht sich ein gewisser Zwiespalt. Auf der einen Seite habe man „Opel-Gang“ nach früherer Aussage von Campino vor Urzeiten als hämische Parodie einer Proletenclique gedacht. Auf der anderen Seite sind die Toten Hosen im Moment dieser Darbietung genau das: eine herrlich ungestüme Männerbande in einem brodelnden Tollhaus der Präpotenzen.

Ein Verschweißungsritual

Ihren Arrangements verleihen sie eine gehörige Rasanz, einen dem Anlass gebührlichen Furor – die Studioaufnahmen erfahren auf der Stadionbühne eine kräftige Tempoverschärfung. Rasch entfaltet sich im Innenraum eine archaische Deutschrockliturgie, zwischenzeitlich steigen rund dreißig Flaggen empor, Körper kollidieren, einzelne Menschen gleiten über die Hände der Menge. Derweil durchziehen pläsierliche Animationen traditionelle Bandsymboliken. Die Besucheraugen erblicken Kronen und Schädel, Schmetterlinge und Spinnen, Zebrastreifen und Polkadots.

Alles in allem wirken heute die geballten Kräfte einer saturierten Entgrenzung. Während „Altes Fieber“ erklingt, diese Ode an die traurigschöne Kraft der Erinnerung, sprintet Campino nach links und nach rechts, jetzt überkocht das Olympiastadion. Nein, es verdampft. Dies muss die fuchsteufelswilde Offenbarung dessen sein, was Émile Durkheim einst unter kollektiver Efferveszenz verstand: ein Ritual, durch das sich Abertausende miteinander verschweißen, das aus Einzelnen eine Gemeinschaft formt.

Die Toten Hosen im Konzert live im Olympiastadion bei ihrer Abschiedstour „Trink aus wir, müssen gehen“.

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© DAVIDS

„Lasst euch nicht verführen“

Später gedenkt Campino den längst vergangenen Orten seiner Punkhistorie: dem Stonz, dem SO36, dem Risiko in West-Berlin, dem Ratinger Hof in Düsseldorf. Er schwärmt von einer sagenhaften Straßenschlacht in der Hasenheide – und nutzt die folgenden Momente für ein gesellschaftliches Plädoyer: „Falls hier irgendjemand denken sollte, dass die Zeiten besser gewesen wären. Vieles von dem, was wir heute als Krise empfinden, das hatte damals andere Unsicherheiten. Und es ist ganz interessant, wie Algorithmen funktionieren, um eine allgemeine, etwas pessimistische Stimmung dahinzuschieben. Lasst euch von diesen Idioten nicht verführen. Fallt nicht auf sie rein.“ Es folgt eine unzweideutige Manifestation gegen Fremdenhass, sie trägt den Titel „Willkommen in Deutschland“ – Mitte der Neunziger hatte sich die eher unpolitische Klamaukpunkbande endgültig in eine kernpolitische Deutschrockgruppe verwandelt.

Campino sei Berlin schon immer verbunden gewesen. Seine Eltern liegen hier begraben, sein Sohn Lenn wurde hier geboren – es sei schön, ihn heute heute in Reihe 12 herumspringen zu sehen. Für das nächste Lied habe Campino den Waldfriedhof in Zehlendorf beschrieben, sechs Monate nach dem Tod seiner Mutter: „Nur zu Besuch“ erklingt, als gerade fünf Vögel den Himmel streifen. Der folgende Applaus gehört zu den innigsten, den anrührenden Momenten dieses Abends. Auch Tollhäuser haben Bruchstellen, und in vielen seiner Bewohner klaffen Narben.

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Aus Gitarrensaiten werden Rettungsseile

Bei „Steh auf, wenn du am Boden bist“ beschwören die Toten Hosen ihre Zauberkraft: Eine Menschenseele mit den Gewalten der Rockmusik aus der Dämmerung zurück ins Licht reißen. Über die letzten Jahrzehnte wurden ihre Gitarrensaiten wiederholt zu Rettungsseilen, an denen sich Wankende und Gefallene aufzurichten vermochten. Diese heutige Darbietung, vor allem der letzte Refrain, entfesselt schier unvergängliche Lebensgeister. Kolossale Erregung empfindet das ausverkaufte Olympiastadion auch bei der Ganovenerzählung und Fluchtphantasie „Bonnie & Clyde“. Worte genügen nicht, um fassbar zu machen, was dieser Traum des Ausbruchs im Publikum auslöst, es ist ein Brüllborium.

Ein letztes Feuerzeug

Dann verlassen Die Toten Hosen die Bühne, doch sie kehren nach einer Minute zurück – und mit ihnen Sven Regener. Gemeinsam zeigen sie ein eher unbekanntes Stück von Element of Crime, ein zauberschönes Chanson über die Wucht des Abschiednehmens: „Immer nur geliebt“.

In den Augen tausender Menschen macht sich Unglaube breit, sie benötigen einige Momente, um zu realisieren: Farin Urlaub beschreitet die Bühne. Hier wird kein Treppenwitz erzählt, sondern - sachlich ausgedrückt - Musikgeschichte geschrieben. Zwischen ihrer Duettfassung von „Schrei nach Liebe“, zwischen diesem musikalischen Schlachtruf entbrennt sich eine antifaschistische Flamme, die bloße Worte wohl niemals nähren könnten.

Campino habe zum ersten Mal geraucht im Alter von Acht, er habe später viel Kokain und Speed gezogen. Was ihm aus dieser Zeit geblieben sei: ein Feuerzeug. Falls man keins einstecken habe, solle man eben einen Autoschlüssel über das Haupt halten. „Alles wird vorübergehen, es wird alles mal vorübergehen“, singt er, womöglich zum letzten Mal unter dem Himmel über Berlin. Was fehlt, ist der finale Schwur, die jedem Ende trotzende und alle Zeit überdauernde Zauberkraft der Toten Hosen: Niemals läufst du allein.

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