Die Türkei setzt nicht auf Friedensdiplomatie
Auch wenn sich das Land gerne als Vermittler oder Gastgeber wie beim Nato-Gipfel präsentiert: Ankara geht es alleine um Machtausbau. Pikant wird es dort, wo Vermittlung und Parteinahme ineinander übergehen
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Hüseyin Çiçek
Die Türkei setzt nicht auf Friedensdiplomatie
Auch wenn sich das Land gerne als Vermittler oder Gastgeber wie beim Nato-Gipfel präsentiert: Ankara geht es alleine um Machtausbau. Pikant wird es dort, wo Vermittlung und Parteinahme ineinander übergehen
Kommentar der anderen
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Hüseyin Çiçek
Von außen betrachtet wirkt es zunächst wie ein außenpolitischer Aufstieg: Die Türkei tritt in immer mehr Konflikten als Vermittlerin auf, hält Gesprächskanäle offen, organisiert Treffen zwischen Gegnern und präsentiert sich als unverzichtbarer Akteur zwischen Europa, dem Nahen Osten und dem postsowjetischen Raum – so auch vergangene Woche beim Nato-Gipfel in Ankara. In einer Welt, in der die Autorität der Ordnungsmächte des Kalten Krieges schwindet und multilaterale Institutionen an Durchsetzungskraft verlieren, erscheint Ankara damit als Gewinnerin einer neuen geopolitischen Unordnung.
Doch diese Entwicklung sollte nicht vorschnell als friedenspolitische Erfolgsgeschichte missverstanden werden. Die türkische Vermittlungsdiplomatie ist nicht Ausdruck eines normativen Internationalismus, sondern Teil einer machtpolitischen Neuverortung. Ankara nutzt Mediation nicht nur, um Konflikte zu entschärfen, sondern auch, um Einflusszonen auszubauen, politische Abhängigkeiten zu schaffen und sich als eigenständiger strategischer Akteur zwischen den Blöcken zu etablieren. Vermittlung ist hier kein Gegenmodell zur Machtpolitik, sondern eine ihrer gegenwärtigen Erscheinungsformen. Diese Linie ist das Ergebnis einer längeren außenpolitischen Lernstrategie.
"Nicht die Transformation politischer Ordnungen steht im Zentrum, sondern die kontrollierte Ausweitung des eigenen Handlungsspielraums in Krisen."
Spätestens seit dem Irakkrieg 2003, der Syrienpolitik der USA, der wachsenden Entfremdung zur Europäischen Union und den sicherheitspolitischen Konflikten innerhalb der Nato hat sich in Ankara die Überzeugung verfestigt, dass westliche Bündnisse alleine keine belastbare Garantie für türkische Interessen mehr darstellen. Die türkische Führung reagierte darauf nicht mit Rückzug, sondern mit einer aktiven Suche nach größerer strategischer Eigenständigkeit. Seither versucht sie, in der Nato zu bleiben, ohne sich auf sie zu verlassen, mit Russland zu konkurrieren, ohne einen offenen Bruch zu riskieren, und im Nahen Osten zugleich militärisch präsent und diplomatisch anschlussfähig zu sein.
Gerade in dieser Verbindung von "hard power" und "soft power" liegt die eigentliche Stärke des türkischen Ansatzes. Ankara hat in den vergangenen Jahren ein Modell entwickelt, das militärische Präsenz, wirtschaftliche Vernetzung, geheimdienstliche Kontakte und diplomatische Initiativen systematisch miteinander verschränkt. Die Botschaft lautet: Wer auf den Konfliktfeldern Einfluss und Gewicht hat, sitzt auch am Verhandlungstisch stärker. Diese Logik ist in der türkischen Außenpolitik inzwischen fest verankert. Sie zeigt sich in Syrien ebenso wie in Libyen, im Schwarzen Meer ebenso wie am Horn von Afrika.
Weniger Friedensakteur
Das Problem beginnt dort, wo Vermittlung und Parteinahme ineinander übergehen. Die Türkei interveniert in Konflikte, liefert Waffen, schützt verbündete Akteure, schließt militärische und wirtschaftliche Abkommen und tritt später oder zugleich als Vermittlerin auf. Aus Sicht Ankaras ist das kein Widerspruch, sondern Voraussetzung politischer Wirksamkeit. Aus geopolitischer Perspektive handelt es sich jedoch um ein hoch ambivalentes Modell. Denn wer selbst Teil der Konfliktdynamik ist, verliert jene Distanz, aus der politische Vermittlung ihre Glaubwürdigkeit bezieht. Ankara erscheint dann weniger als neutraler Friedensakteur denn als konfliktpolitische Macht, die Eskalation, Deeskalation und Einflussgewinn parallel betreibt.
Gerade deshalb sollte man die türkische Mediation nicht mit den Kategorien westlicher Friedensdiplomatie beschreiben. Ankara spricht selten von Demokratie, Menschenrechten oder normativer Ordnung. Die offizielle Sprache ist nüchterner, funktionaler und machtbewusster. Im Vordergrund stehen Waffenruhen, humanitäre Korridore, Gefangenenaustausch und Stabilisierung. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines spezifischen Verständnisses internationaler Politik: Nicht die Transformation politischer Ordnungen steht im Zentrum, sondern die kontrollierte Ausweitung des eigenen Handlungsspielraums in Krisen. Die Türkei will Konflikte nicht notwendig lösen; oft genügt es ihr, sie zu begrenzen, zu moderieren oder in eine Form zu überführen, die den eigenen Interessen nicht schadet.
Strategische Selbstbehauptung
Ankaras punktuelle Erfolge erklären sich vor allem daraus, dass die Türkei dort wirksam sein kann, wo umfassende Friedenslösungen politisch unrealistisch geworden sind. In solchen Konstellationen gewinnen begrenzte Arrangements wie Getreideabkommen, lokale Waffenruhen oder Austauschformate zwischen Kriegsparteien an praktischer Bedeutung. Sie können Gewalt eindämmen, Kommunikationskanäle offenhalten und humanitäre Entlastung schaffen.
Zugleich liegt genau darin ihre Grenze. Denn solche Teilerfolge beseitigen in der Regel nicht die strukturellen Ursachen eines Konflikts. Sie sichern Verständigung, ohne bereits eine tragfähige politische Ordnung hervorzubringen. Mitunter stabilisieren sie sogar Konfliktlagen, die unter anderen Umständen stärker auf eine tatsächliche Lösung hin bearbeitet würden.
Die türkische Außenpolitik lebt zugleich von der Fähigkeit, widersprüchliche Beziehungen parallel und getrennt voneinander zu steuern. Ankara kann mit Russland verhandeln und gleichzeitig die Ukraine militärisch unterstützen, mit islamistischen Akteuren im Gespräch bleiben und zugleich mit westlichen Sicherheitsstrukturen kooperieren. Diese Beweglichkeit macht die Türkei in einer fragmentierten Weltordnung zu einem auffällig handlungsfähigen Akteur. Geopolitisch betrachtet ist sie jedoch auch Ausdruck einer internationalen Konstellation, in der normative Kohärenz an Gewicht verliert und situative Nützlichkeit an ihre Stelle tritt. Gerade deshalb ist die Türkei nicht nur eine aufstrebende Regionalmacht, sondern ein Beispiel dafür, wie Mittelmächte Mediation heute als Instrument strategischer Selbstbehauptung nutzen und damit eine neue Form geopolitischer Konkurrenz mitprägen. (Hüseyin Çiçek, 15.7.2026)
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