Doppelte Hausbesetzung an Uni Gießen aufgelöst – Ärger um „Ablenkungsmanöver“
StartseiteHessenStand: 14.07.2026, 19:07 UhrKommentareUns auf Google folgenUnd vorbei: Die beiden letzten Besetzer werden vom Dach geholt. © Valentin BreindlDie Uni Gießen lässt zwei besetzte Häuser durch die P...
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Stand: 14.07.2026, 19:07 Uhr
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Die Uni Gießen lässt zwei besetzte Häuser durch die Polizei räumen. Derweil fühlen sich manche Aktivist:innen von den Besetzer:innen hinters Licht geführt. Von Max Zimmermann und Baha Kirlidokme
Um 6 Uhr morgens macht die Gießener Polizei ernst: Nachdem die Justus-Liebig-Universität (JLU) Strafantrag gegen die Hausbesetzer:innen in der Hein-Heckroth-Straße 3 gestellt und mehrere Fristen gesetzt hatte, rückte am Dienstag das BFE-Räumungskommando mit zahlreichen Mannschaftswagen und Spezialgerät an. Etwa 150 Polizist:innen waren laut Behörden im Einsatz.
Dagegen konnte auch die gut besuchte Nachtwache der Aktivist:innen nichts ausrichten. Dutzende Beamt:innen drängten sich ohne weitere Vorwarnung an den zahlreichen Menschen vorbei, die teilweise mit Zelten und Matratzen auf der Fahrbahn vor dem Gebäude ausharrten.
Nun kam keine der zwölf Personen, welche die Polizei im Haus antraf, ohne Identitätsfeststellung mehr heraus. Doch als die Besetzung gegen 10.30 Uhr „ohne besondere Vorkommnisse“ beendet war, schien der Tag gerade erst zu beginnen. Denn mit einer Spontandemo waren die Unterstützer:innen der Besetzer:innen schon auf dem Weg zum nächsten Leerstand in der Iheringstraße 6.
Dort gab es ebenfalls eine Sitzblockade. Nachdem die Polizei das Haus umstellt und mit der Nutzung von Pfefferspray gedroht haben soll, hätten die Aktivist:innen es jedoch „selbstbestimmt“ verlassen, wie es im „Freitraum-Haus“-Liveticker auf Instagram heißt. Sie hätten dennoch ein starkes Zeichen gegen die Uni gesetzt, die einer der Akteure mit dem größten Leerstand in Gießen sei.

In der Hein-Heckroth-Straße ging es zuvor schleppend und nicht besonders selbstbestimmt voran. Durch das gut verbarrikadierte Treppenhaus gab es für die Polizist:innen kein Durchkommen. Also stiegen sie mit einer Leiter auf den Balkon, wo der erste Aktivist aufgab. Auch Personen, die im Garten gezeltet hatten, werden abgeführt, eine weitere tragen die Beamten nach draußen.
So leiteten sie Besetzer um Besetzerin aus dem Gebäude, stellten die Identität fest und erteilten Platzverweis – stets unter großen Solidaritätsbekundungen der seit Samstag angemeldeten Mahnwache, deren Teilnehmerzahl im Laufe des Vormittags auf knapp 150 anwuchs.
Doch nicht alle Linken solidarisierten sich, zumindest nicht unkritisch. „Was als Demonstration gegen die massiven Kürzungen der Bundesregierung beworben wurde, wurde zur Überraschung vieler Teilnehmenden kurzerhand zu einem Ablenkungsmanöver und zur Mobilisierungskampagne für eine zeitgleich durchgeführte Hausbesetzung“, kritisierte etwa die Kommunistische Partei Gießen auf Instagram.
Demonstrierende überrascht von Besetzung
Tatsächlich hatte die Gruppe „LinkesLebenGießen“ am Samstag gegen das selbst auferlegte Spardiktat der Bundesregierung demonstriert. Doch die vornehmlich politisch-anarchistische Spitze des rund 250 Personen starken Zuges hatte sich zur Überraschung vieler Demonstrant:innen von der Demo gelöst, um in die Hein-Heckroth-Straße abzubiegen. Dort besetzten sie das Institutsgebäude der Justus-Liebig-Universität. Ursprünglich waren dort Rechtswissenschaftler:innen untergebracht, doch seit sechs Jahren steht das Haus leer. Unter dem Beitrag der Kommunistischen Partei meldeten sich weitere Kritiker:innen der Hausbesetzung zu Wort.
„Wir wurden als Bündnispartner-Orgas aktiv angelogen, wir haben richtig viele Ressourcen in die Planung, Mobi etc. gesteckt, und uns wurde bis man dann vor dem Haus stand nicht gesagt, dass es sich eigentlich gar nicht um eine Demo handelt“, kommentierte eine Userin und weiter: „In Zukunft würde ich halt einfach nur gerne wissen, wofür ich Mobi mache.“ Eine offizielle Stellungnahme des Asta gab es bis Redaktionsschluss noch nicht.
Der Räumung vorausgegangen waren zwei Verhandlungsgespräche mit der Uni. „Anstatt konstruktiv über eine Legalisierung der Zwischennutzung zu sprechen, verleugnet die Präsidentin jeglichen Handlungsspielraum und versteckt sich hinter bürokratischen Begriffen“, warfen die Aktivist:innen der Hochschule in einer Mitteilung vor.
Die Einsatzkräfte gaben an, sie hätten Barrikaden geräumt und Türen sowie eine Dachluke mit technischen Hilfsmitteln geöffnet. Immer wieder drang aus dem Gebäude Lärm nach außen. „Das Haus wird lieber zerstört, anstatt es zu nutzen“, kritisierte ein Sprecher der Mahnwache. „Das zeigt, dass es genau richtig ist, was wir hier machen.“
Besetzer:innen leisteten keinen Widerstand
Die Besetzer:innen hielten sich bei der Prozedur an ihren zuvor kommunizierten Aktionskonsens: Bei der Räumung leisteten sie nach Polizeiangaben keinen Widerstand, Beamt:innen wurden nicht verletzt, wie Pressesprecher Pierre Gath vor Ort bestätigte. Auch bei den „Geräumten“ schien es keine schwerwiegenden Blessuren zu geben, wenngleich einige von ihnen über die Anwendung von Schmerzgriffen und anderer „unverhältnismäßiger Gewalt“ sprachen.
Zuletzt verblieben noch zwei Personen auf dem Dach. Sporadisch wandten sie sich per Megafon an die Menge unter ihnen. „Wir freuen uns über die ganze Unterstützung!“, rief einer von ihnen. „Aber wo ist denn eigentlich die Präsidentin? Wo sind denn die ganzen Verantwortlichen?“ Da die Polizei sie nicht ohne Gefährdung erreichen konnte, forderte sie zwecks Amtshilfe einen Drehleiterwagen der Gießener Feuerwehr an.
Ein Höheninterventionsteam holte die letzten Besetzer schließlich zurück auf den Boden. Die Polizei prüfe, ihnen die Kosten für die aufwendige Bergung in Rechnung zu stellen.

Auf alle zwölf im Haus angetroffenen Personen kommen nun Strafverfahren wegen des Verdachts des Hausfriedensbruchs sowie der Sachbeschädigung zu. Am frühen Nachmittag war das Gebäude menschenleer, von einem Bauzaun umgeben und von zahlreichen Mitarbeiter:innen des universitären Sicherheitsdienstes bewacht.
Ihren Traum vom offenen, nichtkommerziellen Begegnungsort wollen die Aktivist:innen dennoch nicht als geplatzt ansehen. Sie hoffen weiterhin auf eine Einigung mit der Universität, um das nun wieder leerstehende Haus für Initiativen und Einzelpersonen aus der Stadtgesellschaft nutzbar zu machen. Die Mahnwache für das „Freitraum-Haus“ wollen sie daher mindestens bis zum Ende der Woche aufrechterhalten. In der öffentlichen Sitzung des Uni-Senats wollen sie das Präsidium heute erneut mit Nachdruck auf ihr Anliegen aufmerksam machen.
Die JLU dankte unterdessen allen beteiligten Polizist:innen für ihren Einsatz. Des Weiteren sei sie jedem dankbar, der das Angebot zum konstruktiven Gespräch angenommen habe. Das Präsidium sei jederzeit bereit, mit der verfassten Studierendenschaft zu sprechen.