Ist Ecosia die deutsche Hoffnung gegen Google und ChatGPT?

Christian Kroll hat Ecosia zur größten Suchmaschine in Europa entwickelt, die auch noch Bäume pflanzt und bald ein KI-Chatbot sein soll. Ist das die deutsche Hoffnung gegen Google und ChatGPT?

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Ist Ecosia die deutsche Hoffnung gegen Google und ChatGPT?

Wer bei Europas größter Suchmaschine ein modernes gläsernes Hochhaus vor Augen hat, könnte der Realität kaum ferner sein. In einem Hinterhof im Berliner Wedding liegt der Hauptsitz von Ecosia. Das Treppenhaus ist von Graffiti überzogen, da, wo einst ein Aufzug war, ist ein leerer Schacht zu sehen. „Wir hatten schon Geschäftspartner, die wieder umgedreht sind, weil sie dachten, sie werden gleich überfallen“, sagt lachend Christian Kroll, Gründer und Geschäftsführer von Ecosia.

Der erste Blick fällt auf eine Wand mit kleinen Holztäfelchen: „Number of trees: 252.336.075“. Bekannt ist Ecosia vor allem als „die Suchmaschine, die Bäume pflanzt“. Das weiß auch Kroll. Dabei mache Ecosia heute viel mehr als das. Aber „die Suchmaschine, die erneuerbare Energien macht“ klinge einfach nicht so gut.

Gewinne gehen an Baumpflanzprojekte

Mit Bäumen hat bei Ecosia alles angefangen. Bei Reisen durch Nepal und Südamerika wurde Kroll mit den Realitäten der Welt konfrontiert: Er sah globale Ungerechtigkeit und die massive Zerstörung von Ökosystemen mit eigenen Augen.

Die Lösung gegen den Klimawandel? „Wir pflanzen einfach ganz viele Bäume und schützen die Wälder“, habe er sich gedacht. Etwas „blauäugig und pragmatisch“, wie er heute zugibt. Doch die Idee für Ecosia war geboren: Eine Suchmaschine, die wie ihre Mitbewerber mit Werbeanzeigen Geld verdient, doch „die Gewinne gehen an Baumpflanzprojekte oder damals noch Regenwaldschutzprojekte“.

Harte Zahlen: Mehr als 250 Millionen Bäume hat Ecosia bereits gepflanzt und mehr als 100 Millionen Euro in den Klimaschutz investiert.
Harte Zahlen: Mehr als 250 Millionen Bäume hat Ecosia bereits gepflanzt und mehr als 100 Millionen Euro in den Klimaschutz investiert.Andreas Pein

Im Dezember 2009 gründet Kroll Ecosia, ohne externe Finanzierung. Zunächst habe es sich eher um ein Hobbyprojekt gehandelt. In Berlin habe man 2009 noch relativ günstig leben können. Das war auch nötig, denn anfangs habe er sich selbst gar kein Gehalt gezahlt. „Und jeder, der nicht schnell genug weglaufen konnte, musste mir halt irgendwie helfen“, sagt er grinsend.

Die Nutzerzahlen stiegen mit den Jahren. 2013 stieß Tim Schumacher als Mitgesellschafter zu Ecosia. „Einer der besten Entrepreneure und Investoren, die ich so kenne“, sagt Kroll. „Tim hat dann auch viel Wissen mit reingebracht, das hat uns geholfen. Ab dann, würde ich sagen, waren wir eigentlich auch erst so ein richtiges Unternehmen.“ Daran besteht heute kein Zweifel mehr.

Monatlich veröffentlicht Ecosia auf seiner Website selbst einen Finanzbericht, in dem genau aufgelistet wird, wofür die Einnahmen genutzt werden. So seien im Mai 2026 knapp 1,2 Millionen Euro in das Pflanzen von Bäumen und 460.000 Euro in andere Klimamaßnahmen geflossen. Insgesamt habe Ecosia über die Jahre mehr als 250 Millionen Bäume finanziert. Die Einnahmen beliefen sich laut den Finanzberichten 2025 auf etwa 43 Millionen Euro. 2026 zielt das Unternehmen auf einen Jahresumsatz von 50 Millionen Euro, sagt der Gründer.

Bei jedem Baum gehe das Unternehmen sicher, dass er auch gepflanzt werde, sagt Kroll. Die Beschäftigten ließen sich Bilder und Belege schicken. Zudem überprüften sie mit Satelliten, ob die Biomasse an den Standorten wirklich anwachse. Manchmal fahren Mitarbeiter nach seinen eigenen Aussagen sogar an die Standorte und kontrollieren, ob alles stimmt.

Viel Verantwortung, wenig Eigentum

Es sei immer klar gewesen, dass es ihm nicht um die persönliche Bereicherung gehe und die Firma nicht verkauft werde, sagt Kroll. 2018 ging er noch einen Schritt weiter. Zusammen mit Schumacher überführte er die Firma in sogenanntes Verantwortungseigentum. Dadurch werde sichergestellt, dass er weder Gewinnausschüttungen durchführt noch das Unternehmen verkaufen kann, so Kroll. Die Purpose-Stiftung aus der Schweiz hält seitdem rund 99 Prozent der Anteile, Kroll und Schumacher halten hingegen weiterhin die Stimmrechte und tragen damit „nur noch die Verantwortung“.

Dieser Last auf seinen Schultern versucht Kroll auf vielen Wegen gerecht zu werden. Er und Schumacher verzichteten seinen Angaben zufolge mit der Überführung an die Stiftung auf Hunderte Millionen Euro, die sie bei einem Verkauf hätten verdienen können. Bis heute gebe es sogar Mitarbeiter, die mehr verdienen als der Chef. „Ich habe genug, um ein gutes Leben zu führen und mir meine Altersvorsorge aufzubauen. Das reicht mir“, sagt er.

„Unser Konkurrent ist Google“

Gleichzeitig versucht Kroll, Ecosia unabhängig von großen amerikanischen Digitalunternehmen zu machen. „Wir sind eine digitale Kolonie der USA und haben somit auch keine echte Verhandlungsmacht“, sagt der Geschäftsführer über Deutschland.

Für Ecosia und alle anderen kleineren Suchmaschinen-Anbieter gelte heute: „Unser Konkurrent ist Google“. Laut Statistiken von Statcounter lag der Marktanteil von Google als Suchmaschine in Deutschland im Juni bei fast 82 Prozent. Auf mobilen Geräten hat Google sogar einen Anteil von fast 92 Prozent. Ecosia kam auf ein bis zwei Prozent. Die ungleichen Marktanteile hingen auch mit den Wettbewerbsbedingungen zusammen, sagt er. Beim Kauf eines neuen Handys sei beispielsweise fast immer Google als Suchmaschine voreingestellt.

Eine europäische Suchalternative

Von Konzernen wie Google und Yahoo war Ecosia seit der Gründung abhängig, weil es deren Suchindexe nutzt, um Suchergebnisse zu beziehen. Doch das Unternehmen ist dabei, das zu ändern. Vor gut zwei Jahren hat Ecosia mit dem französischen Mitbewerber Qwant das Joint Venture European Search Perspective (EUSP) gegründet und einen eigenen Suchindex entwickelt.

In Frankreich wird bereits mehr als die Hälfte der Suchanfragen bei Ecosia durch den eigenen Suchindex beantwortet. In Deutschland soll der Index in wenigen Wochen hochgefahren werden. EUSP existiert außerhalb des Verantwortungseigentum-Modells von Ecosia. Doch Kroll plant auch hier keinen Verkauf – mit einer Ausnahme: „Man nehme an, der deutsche Staat oder die Europäische Union sagt jetzt, wir brauchen einen europäischen Index, wir übernehmen das und treiben das auf das nächste Level, dann würden wir es wahrscheinlich verkaufen“.

Unabhängig von den USA will Ecosia auch im Hinblick auf Künstliche Intelligenz (KI) sein. Heute beinhaltet die Suchmaschine zwei KI-Features, für die sie mit dem französischen Anbieter Mistral zusammenarbeitet. Doch auch das könnte sich in Zukunft ändern. Mitarbeiter von Kroll arbeiten bereits an eigenen KI-Features und -Modellen. Schon heute sei Ecosia eigentlich die größte europäische KI-App mit den meisten Nutzern, sagt Kroll.

Doch wie passt eine grüne Suchalternative mit dem hohen Stromverbrauch von KI zusammen? Ecosia nutze kleinere KI-Modelle, betont Kroll. Außerdem verzichte das Unternehmen auf energiefressende Tools, die Bilder und Videos erstellen. Auch Investitionen in grünen Strom spielten eine wichtige Rolle. Doch damit gibt sich Ecosia nicht zufrieden. Die KI-Funktionen sind Teil einer größeren Idee: Nach und nach soll ein eigenes „Ökosystem“ entstehen. Neben dem eigenen Suchindex und den KI-Funktionen bietet das Unternehmen auch einen Ecosia-Browser an.

Der Unternehmer

Christian Kroll gründete 2009 Ecosia und leitet das Unternehmen bis heute als Geschäftsführer. Der 43 Jahre alte Geschäftsmann ist in Wittenberg geboren. Nach dem Abitur studierte er BWL an der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg, mit dem Ziel, Investmentbanker zu werden. Nach dem Studium zweifelte er daran und nahm eine Auszeit. Er lebte in Nepal und Argentinien und sah mit eigenen Augen die Zerstörung von Ökosystemen. Heute ist seine Arbeit unter anderem dem Kampf gegen die Klimakrise gewidmet.

Das Unternehmen

Die Ecosia GmbH wurde bekannt als „die Suchmaschine, die Bäume pflanzt“. 2009 gegründet, gewann sie über Jahre immer mehr Nutzer hinzu. Seitdem hat Ecosia mehr als 250 Millionen Bäume gepflanzt und mehr als 100 Millionen Euro für weitere Klimaschutzprojekte ausgegeben. Die Suche wird täglich von fünf bis zehn Millionen Menschen genutzt. Die Einnahmen betrugen 2025 etwa 43 Millionen Euro. Neben der Suchmaschine arbeitet das Unternehmen heute unter anderem an Alternativen zu KI-Chatbots aus den USA.