Energiesystem, das Geld bringt: "Eine klug gemachte Energiewende spart 120 Milliarden Euro im Jahr"

Die Energiewende ist angeblich zu komplex und teuer. Dabei gibt Deutschland jedes Jahr 80 Milliarden Euro Erdöl und Erdgas aus. Geld, das einfach verschwindet. Diese Ausgaben schrumpfen jedoch mit jeder Wärmepumpe und jedem E-Auto. Ein Modellprojekt in Baden-Württemberg liefert den Beleg.

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Energiesystem, das Geld bringt: "Eine klug gemachte Energiewende spart 120 Milliarden Euro im Jahr"

Energiesystem, das Geld bringt"Eine klug gemachte Energiewende spart 120 Milliarden Euro im Jahr"

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Ein kleiner Kern von Lösungen reicht, um viel Geld zu sparen. Im Mittelpunkt stehen erneuerbare Energien. (Foto: IMAGO/Wolfgang Maria Weber)

Das Narrativ hält sich hartnäckig: Die Energiewende ist zu komplex und teuer. Dabei wird häufig vergessen, dass Deutschland jedes Jahr für 80 Milliarden Euro Erdöl und Erdgas importiert. Geld, das einfach verschwindet. Diese Summe schrumpft jedoch, je weiter die Energiewende voranschreitet. Denn jedes zusätzliche E-Auto und jede zusätzliche Wärmepumpe sparen langfristig Geld. Ein Modellprojekt mit drei Kommunen in Baden-Württemberg liefert den Beleg. Doch wer bezahlt den Umstieg? "Viele Kommunen können bestenfalls die laufenden Ausgaben decken und müssen priorisieren, was überhaupt gemacht wird", sagt Hartmut Fischer, Projektleiter der Energy Watch Group, im Interview. "Deshalb haben wir ausschließlich rentable Lösungen erarbeitet." Die Ergebnisse sind beeindruckend: Ein sinnvoller Pfad für 100 Prozent erneuerbare Energien kann die jährlichen Energiekosten ihm zufolge um 75 Prozent und mehr senken. "Das Land Baden-Württemberg würde jedes Jahr etwa 15 Milliarden Euro einsparen", sagt Fischer. Auf Bundesebene wäre der Pfad komplexer, das Ergebnis aber letztlich dasselbe.

ntv.de: Warum haben Sie das Modellprojekt zur Rentabilität der kommunalen Energiewende mit dem Städtetag Baden-Württemberg durchgeführt? 

Hartmut Fischer: Zunächst haben wir mit einem großen Modell einen rentablen Pfad zu 100 Prozent Erneuerbaren für die Bundesebene durchgerechnet. Da 80 Prozent der Energiewende in Kommunen passiert, wollten wir prüfen, wie der Pfad für Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen, Städte und Stadtwerke aussieht. Frau Dr. Susanne Nusser ist die stellvertretende Geschäftsführerin des Städtetags Baden-Württemberg. Sie ist für die Finanzen verantwortlich, aber auch für den Bereich Klima. Sie fand das Projekt spannend, weil auch baden-württembergische Kommunen unter Haushaltsengpässen leiden und die Stadtwerke wenig Kapital für Investitionen in Strom- und Wärmenetze haben. Wie kann man diese Engpässe auflösen? Diese Frage war ihr Auftrag für das Projekt. 

Wie war die Stimmung in den Kommunen? Gab es Optimismus, dass die Energiewende zu stemmen sein wird, oder eher Skepsis? 

Weit verbreitet ist, dass die Kommunen derzeit andere Probleme sehen. Die Kapazitäten sind begrenzt. Es gibt wenig Leute, wenig Geld und wenig Zeit. Aber die drei Pilot-Kommunen hoffen natürlich, dass sie die Energiewende stemmen können. Sonst hätten sie sich nicht für das Projekt gemeldet.

Dr. Hartmut Fischer ist Wirtschaftsingenieur und war jahrelang als Wirtschaftsberater aktiv. Im Fokus stand die Frage, wie Unternehmen wirtschaftlichen Erfolg mit Klimaschutz verbinden können. Seit 2024 ist er Geschäftsführer der Energy Watch Group. (Foto: privat)

Wie sind Buchen, Schorndorf und Künzelsau finanziell aufgestellt? 

Zwei der drei haben harte Haushaltsengpässe. Sie können bestenfalls die laufenden Ausgaben decken und müssen priorisieren, was überhaupt gemacht wird. Jegliche Investition bedeutet: Schulden. Bei der Dritten wachsen die Bäume auch nicht in den Himmel. Deshalb haben wir ausschließlich rentable Lösungen erarbeitet. Diese Lösungen müssen die Kommunen dann allerdings immer noch finanzieren. Die entscheidende Frage ist also: Wie bekommen wir eine Solaranlage aufs Dach der Verwaltung oder eine Wärmepumpe in den Keller, ohne den Kita-Ausbau zu gefährden oder Schlaglöcher zu ignorieren? 

In Deutschland gibt es knapp 11.000 Kommunen. Wie viele müssen Kredite aufnehmen, um diese Investitionen zu stemmen? 

Sicherlich 90 Prozent plus. Mit unserem Klimarechner kann eine Kommune die Energiewende für Bürger, Unternehmen, Stadt und Stadtwerke modellieren und schauen, welche Investitionen notwendig sind, wie stark die Energiekosten und auch die CO2-Emissionen sinken und welches Szenario das rentabelste wäre. In den meisten Fällen reicht ein kleiner Kern von Lösungen: PV aufs Dach, Elektroauto vor die Tür und Wärmepumpe in den Keller. Wird das um Biogas, Solar- und Windenergie auf Freiflächen sowie den Ausbau von Strom- und Wärmenetz ergänzt, kann man die Sektoren Strom, Verkehr und Gebäudewärme zu 100 Prozent mit Erneuerbaren versorgen. Links und rechts muss man allerdings ein paar alte Zöpfe abschneiden. 

Alte Zöpfe? 

Dämmen ist gut. Im Gebäudebereich erzielt der Heizungstausch oft denselben CO2-Effekt und ist günstiger. Die volle Fassadendämmung kann man sich sparen. Diese Erkenntnis setzt sich auch in der Heiz- und Wärmebranche durch. 

Das klingt eher nach Aufklärungsarbeit als nach Modellprojektionen.

Es klingt banal, ja. Die Finanzen sind aber die größere Herausforderung. Bei diesem Thema waren sowohl innerhalb der Verwaltung als auch mit der Kommunalaufsicht deutlich mehr Gespräche notwendig. Letztlich ist die Kommunalaufsicht bei dem Thema mitgegangen, weil die Lösungen den Haushalt dauerhaft entlasten. Es wäre hilfreich, wenn das Land den Kreditrahmen für rentable Investitionen im Energieumfeld dauerhaft erweitern würde, sodass nicht jede Kommune darüber mit ihrer Kommunalaufsicht verhandeln muss. 

Bei diesem Vorschlag läuten Alarmglocken, denn Kredite sind Schulden. Wie wird die Finanzierung an die Rentabilität geknüpft?

Bei kommunalen Investitionen sind 20 Jahre ein üblicher Zeitraum für die Refinanzierung. Wir bauen bei unseren Lösungen einen Puffer von zwei, drei Prozentpunkten Rentabilität ein, sodass man weiß: Netto kommen wir positiv raus. Vorher wird natürlich ingenieurtechnisch und kaufmännisch geprüft, dass die Projekte valide sind. Die Kommunalaufsicht soll keine Blankoschecks unterschreiben. 

Sie geben für die Bürger, Unternehmen, Stadt und Stadtwerke von Buchen jährliche Ausgaben von 40 Millionen Euro für Heizöl, Erdgas, Benzin und Diesel an. Um weitgehend erneuerbar zu werden, müsste die Kommune 340 Millionen Euro investieren. Damit sinken die Energiekosten auf 10 Millionen Euro pro Jahr.

In unseren drei Beispielkommunen landen wir bei einer Gesamtrendite von etwa 8,5 bis 9,5 Prozent. Das ist ordentlich. Im Gemeinderat von Buchen gibt es wie in anderen baden-württembergischen Kommunen eine Mehrheit der bürgerlichen Mitte. Als wir den Pfad vorgestellt haben, haben CDU und Freie Wähler gesagt: Das sollten wir angehen. 

Die meisten Ausgaben müssen aber von Unternehmen und den Bürgern gestemmt werden, nicht von den Kommunen selbst. 

Eine Kommune hat Ausgaben für eigene Kraftfahrzeuge, Strom und Gebäudewärme, aber ja: Der Löwenanteil der Investitionen betrifft Privathaushalte, Unternehmen und die Stadtwerke. 

Die Stadtwerke müssen in das Stromnetz investieren, damit Erneuerbare und Wärmepumpen angeschlossen und betrieben werden können. Diese Investitionen werden auf die Netzentgelte umgelegt und somit automatisch refinanziert. Aber einen Kredit bekommen die Stadtwerke nur, wenn sie 20 bis 30 Prozent der Kreditsumme mit Eigenkapital absichern. Ansonsten spielt die Bank nicht mit. Diesen Puffer gibt es nicht. Deshalb haben wir für die Stadtwerke auch tragfähige Finanzierungsstrategien entwickelt. Die Investitionen sind aber für Haushalte, Unternehmen, Stadtverwaltung und Stadtwerke rentabel. 

Wie lange dauert der Umstieg auf das erneuerbare System? 

Das hängt von der Geschwindigkeit ab. In Baden-Württemberg soll 2040 Klimaneutralität erreicht werden, auf Bundesebene 2045. Das sind 14 und 19 Jahre. Es ist also ein längerer Weg. 

Ab 2040 werden die Kredite zurückgezahlt? 

Nein, früher. Eine PV-Anlage auf dem Dach amortisiert sich nach etwa 8 Jahren. Die neue Heizung ist je nach Größe nach 10 bis 15 Jahren refinanziert, ein E-Auto je nach Modell nach 4 bis 6 Jahren. 

So schnell?

Ja. Die "Tankkosten" sind deutlich niedriger als beim Verbrenner. Das ist das große Problem der Energiewende: Die weitverbreitete Wahrnehmung ist, dass erneuerbare Technologien teuer und kompliziert sind, weil man etwa für die Wärmepumpe dämmen muss oder eine Fußbodenheizung benötigt. Das stimmt nicht. Da müssen wir aufklären. Dafür benötigen wir einen Schulterschluss aller Beteiligten. In unseren Modellkommunen sitzen deshalb Banken und Handwerksbetriebe mit am Tisch. Übrigens: Wenn man die Summen der kleineren Kommunen auf das Land Baden-Württemberg hochrechnet, reden wir von einer Gesamtinvestition von etwa 150 Milliarden Euro bis 2040. Anschließend sparen Bürger und Unternehmen jedes Jahr etwa 15 Milliarden Euro ein. Der Landeshaushalt würde jedes Jahr um etwa 500 Millionen Euro entlastet. Das wäre ein massiver Konjunkturschub, den das Land gut gebrauchen kann. Deshalb ist die Bremsbewegung auf Bundesebene wirklich unerklärlich. 

Dort ist die Erzählung ein wenig anders: Die Erneuerbaren schädigen den Wirtschaftsstandort. Der Netzausbau ist zu teuer. 

Den Netzausbau kann die Bundesregierung mit der Vergabe von Projekten über das Erneuerbare-Energie-Gesetz steuern: Im Süden wird mehr Wind benötigt, im Norden mehr PV. Das würde die Ausbaukosten für die Übertragungsnetze drastisch senken, denn Sonne und Wind speisen oft nicht gleichzeitig ein. 

Das macht Strom für die Verbraucher teils sehr teuer. 

Ich will nicht zu technisch werden, aber erneuerbarer Strom kostet in der Erzeugung 5 bis 6 Cent pro Kilowattstunde. Fossiler Strom kostet 9 bis 15 Cent. Je mehr Erneuerbare wir ins System integrieren, umso günstiger wird es. 

Die günstige Erzeugung frisst höhere Netzentgelte auf? 

Ja. Die Bundesregierung könnte Betreibern zudem ein Recht auf Überbauung von Netzanschlüssen einräumen, um die Netzentgelte zu dämpfen. Dann könnten Windparks und Solarparks an ihrem Netzanschlusspunkt einen Batteriespeicher bauen. Das würde ebenfalls mehr Platz für erneuerbaren Strom schaffen, ohne das Netz zu belasten, denn auch eine Solaranlage und ein Batteriespeicher speisen nicht gleichzeitig ein. Aber diese Option wird von der Bundesregierung gar nicht diskutiert. Das ist eine Verengung des Lösungsraums. Über die Ursache kann man nur spekulieren. 

Speziell das Wirtschaftsministerium rühmt sich mit einem großen Verständnis für das Energiesystem. 

Nach unseren Berechnungen könnten wir als Bundesrepublik etwa 120 Milliarden Euro im Jahr einsparen, wenn wir den Weg zu 100 Prozent Erneuerbaren klug gestalten. Das ist ein Stück komplexer als auf kommunaler Ebene, aber das Ergebnis ist letztlich dasselbe. Dieses Geld würde im Land bleiben - bei Bürgern, Unternehmen und öffentlichen Haushalten. Das müsste von der Bundespolitik verstanden und verbreitet werden. Dann könnte man mit einem parteiübergreifenden Konsens die stabile Umsetzung gewährleisten. Stattdessen sorgen eine CDU-geführte Bundesregierung und ein CDU-geführtes Wirtschaftsministerium mit Nebelschleiern für Planungs- und Investitionsunsicherheit. Davon sollte eine Partei, die sich für ihre Wirtschaftskompetenz rühmt, absehen. 

Mit Hartmut Fischer sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören. 

Quelle: ntv.de