EZB schiebt das schier Unvermeidliche auf

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EZB schiebt das schier Unvermeidliche auf

Stand: 23.07.2026, 18:18 Uhr

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Trotz deutlich gestiegener Ölpreise hat die Notenbank auf eine weitere Leitzins-Erhöhung verzichtet

Frankfurt – Fließt das Erdöl durch die Straße von Hormus bald wieder, oder nicht? Noch beschäftigt diese Frage in erster Linie Autofahrer, die infolge des gestiegenen Ölpreises immer mehr für Benzin und Diesel zahlen müssen. Doch diese Frage gewinnt auch für Sparer und Kreditnehmer zunehmend an Bedeutung. Denn klar ist: Je länger der Iran-Konflikt dauert und der zentrale Seeweg für die Erdölexporte blockiert ist, desto unwahrscheinlicher wird es, dass die Europäische Zentralbank ohne weitere Zinserhöhungen die Inflationsrate in der Eurozone mittelfristig auf ihren Zielwert von 2,0 Prozent drücken kann.

So hat in den vergangenen Tagen der wieder aufgeflammte Nahost-Konflikt die zwischenzeitlich gefallenen Ölpreise wieder kräftig nach oben getrieben: Auf rund 100 Dollar ist am Donnerstag der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent gestiegen, und damit auf den höchsten Stand seit Ende Mai. Damit steigt nicht nur das Risiko, dass sich die höheren Energiekosten über die Spritpreise hinaus in die gesamte Wirtschaft fressen und dabei immer mehr Güter verteuern, etwa Lebensmittel. Theoretisch steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Inflation am Ende über Zweitrunden-Effekte am Arbeitsmarkt vollends aus dem Ruder gerät – sprich: Arbeitnehmer angesichts steigender Preise höhere Löhne durchsetzen und damit eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen.

Trotzdem hat der 27-köpfige EZB-Rat bei seiner turnusmäßigen Sitzung am Donnerstag entschieden, die Leitzinsen nicht erneut zu erhöhen. Nachdem die Währungshüter im Juni angesichts des Iran-Kriegs die Leitzinsen um 25 Basispunkte erhöht hatten, bleibt der für Kredit- und Sparzinsen entscheidende Einlagensatz damit bei 2,25 Prozent. „Die Unsicherheit ist nach wie vor hoch, und die Auswirkungen des Energieschocks auf die Inflation sind noch nicht vollständig absehbar“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Donnerstagnachmittag zur Begründung. „Einige Ratsmitglieder haben sich zwar gefragt, ob wir die Leitzinsen heute erhöhen sollten. Aber am Ende haben wir einstimmig beschlossen, die Zinsen unangetastet zu lassen.“ Auch die Tatsache, dass bislang keine Zweitrunden-Effekte am Arbeitsmarkt erkennbar seien, habe den Rat zu diesem Beschluss bewogen, so Lagarde.

Erhöhung im September absehbar

Zwar räumte die EZB-Präsidentin ein, dass das Inflationsrisiko nun deutlich gestiegen sei, nachdem die Teuerungsrate in der Eurozone im Juni noch auf 2,8 Prozent gesunken war: Unternehmen hätten bereits begonnen, ihre höheren Kosten an die Verbraucher weiterzugeben. Und „die Auswirkungen des Energieschocks auf andere Preise sowie Löhne könnten stärker ausfallen als zurzeit erwartet“. Aber einen klaren Hinweis darauf, ob die EZB bei ihrer nächsten Sitzung im September die Leitzinsen erhöhen wird, wollte Lagarde nicht geben. „Bis zu unserer nächsten Sitzung werden wir eine ganze Reihe wichtiger Daten erhalten“, so Lagarde mit Verweis auf die erwarteten Inflationsraten für Juli und August, das Bruttoinlandsprodukt des zweiten Quartals und die aktualisierten Inflationserwartungen der Euro-Bürger.

An den Terminmärkten ist allerdings schon seit Wochen nicht nur eine zweite Zinsanhebung im September vollständig eingepreist, sondern auch eine dritte bis Ende des Jahres. Auch die Anleihen-Märkte rechnen angesichts der hohen Ölpreise fest mit steigenden Leitzinsen: So stiegen am Donnerstag die Renditen der Bundesanleihen auf den höchsten Stand seit 2011 – stolze 3,21 Prozent brachten zehnjährige Bundesanleihen. Und dass die Finanzmärkte mit ihren Erwartungen nicht ganz falsch liegen, bestätigte Lagarde indirekt: „Die Märkte wissen unsere Reaktionsfähigkeit sehr gut einzuschätzen“, sagte sie. Das sei ein wichtiger Faktor der Stabilität in der von hoher Unsicherheit geprägten Gegenwart. Einige Beobachter vermuteten am Donnerstag denn auch, dass die EZB nicht tätig geworden ist, weil sie die Märkte nicht auf dem falschen Fuß erwischen wollte.

Tatsächlich erscheinen nach derzeitigem Stand zwei weitere Leitzins-Erhöhungen auch angesichts der eigenen EZB-Logik geradezu zwingend. Denn nach Aussage von Lagarde bewegt sich der EZB-Rat „nahe am Basis-Szenario, das unsere Volkswirte im Juni entworfen haben“. In diesem Szenario wird vorhergesagt, dass bei einem durchschnittlichen Ölpreis von 96,90 Dollar pro Barrel und einem durchschnittlichen Gaspreis von 45,60 Euro je Megawattstunde die Inflationsrate von 3,0 Prozent in diesem Jahr erst Anfang 2028 auf den Zielwert von 2,0 Prozent sinken wird. Allerdings nur unter der Bedingung, dass die EZB die Leitzinsen dreimal anhebt – wie inzwischen aus dem Protokoll der EZB-Juni-Sitzung hervorgeht.

Da der Ölpreis nun wieder die 100-Dollar-Marke erreicht hat und der Gaspreis in diesem Monat sogar um fast 50 Prozent auf mehr als 62 Euro gestiegen ist, wäre es also konsequent, die Zinsleiter zwei weitere Stufen nach oben zu klettern. Es sei denn, der Iran-Krieg wäre bald beendet. Aber wie auch Lagarde am Donnerstag sagte: „Das erscheint sehr unwahrscheinlich.“

23.07.2026, Hessen, Frankfurt am Main: Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), beantwortet auf der Pressekonferenz die Frage eines Journalisten. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre jüngste Entscheidung zum Leitzins bekanntgegeben, einem der zentralen Instrumente ihrer Geldpolitik. Foto: Andreas Arnold/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

EZB-Präsidentin Christine Lagarde: „Die Situation im Nahen Osten könnte sich sehr schnell ändern – aber das erscheint sehr unwahrscheinlich.“ © Andreas Arnold/dpa