Amerika-Buchserie, Teil 32: Faulkners "Licht im August"

Es klingt wie ein Scherz auf eigene Kosten, aber William Faulkner meinte es ernst, als er seinen Roman „Licht im August“ als Stoff für einen Micky-Maus-Film empfahl – der 32. Teil der Serie „Amerika, wie es im Buche steht“.

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Amerika-Buchserie, Teil 32: Faulkners "Licht im August"

„Light in August“, der siebte Roman von William Faulkner, wurde von seinem New Yorker Verlag Smith & Haas am 6. Oktober 1932 an den Buchhandel ausgeliefert. Drei Tage zuvor hatte Faulkner nach dem Begräbnis seines Vaters seine Heimatstadt Oxford im Bundesstaat Mississippi verlassen, um nach Hollywood zurückzukehren, wo er als Drehbuchautor für Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) arbeitete. Als erstes Buch Faulkners wurde der Roman ins Deutsche übersetzt; „Licht im August“ erschien 1935 in Berlin bei Rowohlt.

Während Faulkner mit der Korrektur der Druckfahnen beschäftigt war, hatte der Chef der Drehbuchabteilung ihn gefragt, ob der Roman sich für eine Verfilmung eignen könnte. Die Antwort des Autors lautete, wie er in einem Brief an seinen Freund Ben Wasson berichtete, dass MGM mit dem Buch nichts werde anfangen können. Eine Kinoversion konnte sich Faulkner allerdings sehr wohl gut vorstellen: „It would make a good Mickey Mouse picture“. Wie war das gemeint?

Der Slapstick der Gewaltsequenzen

Faulkner wusste jedenfalls, wovon er sprach. Als er sich am 7. Mai 1932 auf dem Studiogelände zum Dienstantritt meldete, hatte er dem Chef vorgeschlagen, ihn Wochenschauen schreiben zu lassen – denn Wochenschauen und „Mickey Mouse“-Filme seien die einzigen Filme, die er möge. Es kam damals im Durchschnitt ein Micky-Maus-Kurzfilm im Monat ins Kino. Seinem Roman von 500 Seiten wollte Faulkner keinesfalls die Qualitäten des Familienfreundlichen und Niedlichen bescheinigen, die man heute mit der Marke Disney assoziiert. Im Star des Disney-Studios hatte Faulkner das Potential für einen Superschurken erkannt: Für Micky Maus sah er in seinem Brief an Wasson die Hauptrolle des Gangsters aus „Sanctuary“ („Die Freistatt“) vor, seinem Roman vor „Light in August“.

Titelseite der Erstausgabe
Titelseite der ErstausgabeSotheby’s

Als Micky-Maus-filmisch sind in „Light in August“ zuerst und vor allem die Gewaltsequenzen zu würdigen. Man betrachte zum Beispiel das neunte der 21 Kapitel. Joe Christmas, der wie das Fest der Geburt Christi heißt, weil er an diesem Tag im Waisenhaus abgegeben wurde, erschlägt seinen Adoptivvater. An Joe Christmas vollzieht sich das tragische Schicksal schlechthin, er setzt das ödipale Handlungsmuster der klassischen literarischen Tradition in eine spontane Tat um: planlos, aber nicht unvorbereitet.

Als Waffe dient ihm, was gerade zur Hand ist, als der Vater ihm eine Szene macht und ihn zur Rede stellt, in einem Tanzlokal, wo er sich heimlich mit einer Kellnerin trifft. Während der Vater ihm eine Predigt hält, saust ein Stuhl auf ihn herab. Joe lässt ihn wie tot liegen, und genau genommen erfährt der Leser gar nicht, ob der Vater tatsächlich tot war. Diese Gleichgültigkeit gegenüber den Weiterlebensmöglichkeiten von Gewaltopfern ist ein Genremerkmal des Trickfilms.

Den Stuhl aber legt Joe nach der Tat nicht aus der Hand. Er schwingt ihn über seinen Kopf, und sein Gesicht unter dem kreisenden Stuhl sieht ruhig aus. Wie von einem in aller Schnelle gedankenlos zusammengebastelten Propeller angetrieben, rennt er davon. Die Gewalt ist hier ebenso plötzlich wie zwangsläufig, eine verheerende Automatik. Das Slapstickhafte der Situation ist Ausdruck der Überdeterminiertheit des Geschehens: Der Überfluss an Gewaltgründen lässt sich nicht durch Schuldzuweisungen kanalisieren, schon gar nicht nach christlicher Lehre.

Das Leben von Joe Christmas, der die Feuersäule erzeugt, die dem Roman den Titel gibt und als Opfer eines Lynchmords stirbt, wird in einer Rückblende erzählt und als ein einziges ununterbrochenes Rennen beschrieben, als Flucht vor der Angst, wegen eines schwarzen Elternteils gehänselt zu werden. Diese Kompression von Zeit und Raum ist der zeichentricktechnische Königsweg. Der wahre Vater von Joe Christmas war vielleicht gar kein Schwarzer. Die sausende Maus steckt auch so in der Falle.

In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.