(+) Fünf Gefährder frei: Wie groß ist Hamburgs Islamisten-Szene?
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Hamburg
Gefährder auf freiem Fuß – so groß ist Hamburgs Islamisten-Szene
Wie ist die islamistische Szene in Hamburg aufgebaut – und wie gefährlich ist sie? Aktuelle Zahlen des Verfassungsschutzes.
In der Woche nach dem mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag auf den Berliner CSD, bei dem eine Frau getötet und 31 Menschen verletzt wurden, befinden sich in Hamburg fünf sogenannte Gefährder aus dem Bereich des religiösen Extremismus auf freiem Fuß. Das sind Personen, denen die Polizei schwere Gewalttaten bis hin zu einem Terroranschlag zutraut.
Insgesamt führt die Hamburger Polizei derzeit 19 Menschen als Gefährder. 14 von ihnen ordnet sie dem religiösen Extremismus zu. Die übrigen verteilen sich auf Links- und Rechtsextremismus, ausländische Ideologien und weitere Bereiche. Die Gesamtzahl ist gegenüber dem Vorjahr unverändert.
Die Identität der fünf Personen, die nicht in Haft sind, wie intensiv sie beobachtet werden und ob die Maßnahmen vor dem Hamburger CSD verschärft werden, verrät die Polizei aus taktischen Gründen nicht. Sie versichert auf MOPO-Anfrage lediglich, sie habe die Gefährder „im Fokus“.
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Innensenator Andy Grote (SPD) hat nach dem Berliner Anschlag eine Überprüfung der Sicherheitsvorkehrungen angekündigt. Zu der Demonstration am Samstag werden Hunderttausende Menschen erwartet.
1610 Personen aus dem islamistischen Spektrum gelten als gewaltorientiert
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Die 14 Gefährder dürfen nicht mit der Größe der gesamten islamistischen Szene verwechselt werden. Als Gefährder gelten Menschen, denen die Polizei eine schwere politisch motivierte Straftat zutraut. Der Verfassungsschutz erfasst dagegen ein viel breiteres extremistisches Umfeld.
Ende 2025 rechnete die Behörde 1925 Menschen dem islamistischen Spektrum in Hamburg zu – 25 mehr als im Jahr zuvor. 1610 von ihnen gelten als gewaltorientiert.
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Das bedeutet nicht, dass alle selbst gewalttätig sind oder Anschläge vorbereiten. Der Begriff umfasst auch Personen und Gruppen, die Gewalt befürworten, unterstützen oder als Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele nicht ausschließen.
Um diese Zahl einzuordnen: Von den 1,87 Millionen Einwohnern Hamburgs sind rund 13 Prozent Muslime – etwa 240.000 Menschen. Nur rund 0,8 Prozent der Muslime in Hamburg gehören zur islamistischen Szene, also ungefähr acht von 1000. Bezogen auf alle Hamburger liegt der Anteil bei rund 0,1 Prozent. Die Szene ist zahlenmäßig klein, für die Sicherheitsbehörden aber relevant.
450 Salafisten in Hamburg: Sie lehnen die Demokratie ab
Eine besondere Rolle spielt der Salafismus, der von politischer Missionierung bis zur jihadistischen Gewaltideologie reicht. Salafisten folgen einer besonders konservativen beziehungsweise fundamentalistischen Auslegung des sunnitischen Islam. Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes lehnt die Szene demokratische Prinzipien ab und strebt eine Ordnung an, in der ausschließlich als göttlich verstandene Regeln gelten.
Der Verfassungsschutz zählt in Hamburg aktuell 450 Salafisten, darunter 221 Anhänger der jihadistischen Strömung. Diese befürwortet Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele. Die meisten Hamburger Jihadisten bekennen sich nach Einschätzung der Behörde zum sogenannten Islamischen Staat. Dessen Propaganda erreicht neue Anhänger vor allem über Kurzvideos, Chatgruppen, Instagram, TikTok und Telegram.
Hizb u-Tahrir: 490 Anhänger wollen das Kalifat
Den größten Zuwachs verzeichnet der Verfassungsschutz bei der Hizb ut-Tahrir, kurz HuT. Die internationale islamistische Organisation lehnt Demokratie und Nationalstaaten ab. Ihr Ziel ist ein grenzübergreifendes Kalifat, das nach Koran, Sunna und Scharia regiert wird.
Obwohl die HuT in Deutschland seit 2003 mit einem Betätigungsverbot belegt ist, rechnet ihr der Verfassungsschutz in Hamburg 490 Anhänger zu – 40 mehr als im Vorjahr.
Als bekanntestes HuT-nahes Projekt gilt nach Einschätzung des Verfassungsschutzes Muslim Interaktiv. Die in Hamburg entstandene Gruppe bezeichnete Deutschland als muslimfeindliche „Wertediktatur” und inszenierte sich als Stimme aller Muslime. Im Oktober 2025 verbot das Bundesinnenministerium die Gruppierung.
Verfassungsschutz-Chef Torsten Voß: Islamisten „auf leisen Sohlen“
Nicht alle Islamisten treten mit martialischen Videos oder offenen Drohungen auf. Der Hamburger Verfassungsschutz warnt besonders vor der Muslimbruderschaft. Die 1928 in Ägypten gegründete Bewegung setzt nicht auf den schnellen gewaltsamen Umsturz, sondern auf eine schleichende Veränderung von Gesellschaft, Politik und Recht.
Hamburgs Verfassungsschutz-Chef Torsten Voß spricht von Islamisten „auf leisen Sohlen“. Extremistische Positionen würden hinter einem moderaten Auftreten verborgen. Ziel sei aber letztlich eine Staatsordnung, in der Recht und Politik an die Scharia gebunden sind. In Hamburg rechnet die Behörde der Muslimbruderschaft rund 60 Personen zu.
Der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Christoph de Vries warnt deswegen vor politischer Naivität. Hochrangige Politiker und Amtsträger dürften islamistische Organisationen wie das inzwischen verbotene Islamische Zentrum Hamburg nicht durch Besuche und gemeinsame Auftritte aufwerten.
Hamburg überprüft Verfassungstreue von Bewerbern
Um Extremisten im Staatsdienst zu verhindern, werden Bewerber im öffentlichen Dienst künftig vom Verfassungsschutz überprüft. Innensenator Grote zufolge wurden in den vergangenen Jahren rund 50 Fälle bekannt, in denen eine extremistische Ausrichtung erst nach der Einstellung auffiel – besonders häufig im islamistischen Spektrum und an Schulen.
Die Zahl der Straftaten im Bereich „religiöse Ideologie“ sank 2025 in Hamburg von 192 auf 65 Fälle. Darunter waren drei extremistische Gewaltdelikte. Die Statistik umfasst allerdings neben islamistischen auch andere religiös motivierte Straftaten.
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