Das Streiflicht

(SZ) Es gibt ein berühmtes, mit seiner Überblendung von Wirklichkeit und Traumhölle unsterblich gewordenes Bild des großen Spaniers Francisco de Goya, das folgendes Szenario zeigt: Ein Mann sitzt vollständig an...

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Das Streiflicht

(SZ) Es gibt ein berühmtes, mit seiner Überblendung von Wirklichkeit und Traumhölle unsterblich gewordenes Bild des großen Spaniers Francisco de Goya, das folgendes Szenario zeigt: Ein Mann sitzt vollständig angezogen auf einem Stuhl, den Kopf auf die Arme gelegt, die wiederum auf einem Tisch mit Papier und Feder liegen – kurzum, der Mann schläft, leicht zur Seite gebeugt, über seinem Schreibgerät. Er hat gearbeitet, etwas Geistvolles, vielleicht Schönes auf dem Papier geschaffen, dann schlief er ein. Aber es belohnen ihn nicht die Musen mit lieblichen Tänzen, noch ziehen bukolische Landschaften in sein Gemüt ein. Nein, hinter dem Mann versammeln sich düstere Albwesen, eulenartige Spukvögel, grimmig blickende katzenartige Tiere. Das Bild hat einen Titel, Goya hat ihn auf die Frontseite des Schreibtischs geschrieben: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.“ Es ist ein pessimistischer Blick auf die Aufklärung – die Vernunft mag ja vieles können, aber sie verdrängt eben auch die Ängste und Dämonen, die nun einmal in jedem von uns ihre Heimstatt haben und sich im Schlaf in unsere Träume schleichen.

Vor einigen Tagen gab Ralph Siegel durch die Bild-Zeitung Entwarnung, nachdem zuvor Berichte über den besorgniserregenden Gesundheitszustand des Mannes im Umlauf waren, den man mit dem Begriff Schlagerkomponist nur unzulänglich kennzeichnet. Ralph Siegel hat so gut wie alle bedeutenden, also erfolgreichen Schlager der letzten fünfzig Jahre komponiert. Wäre er nicht am Werk gewesen, dürfte man vom deutschen Schlagerwunder im Deutschland der Siebziger und Achtziger nur unter Vorbehalt sprechen. Siegel erzählte der Zeitung von den Erlebnissen, die er aus dem künstlichen Koma, in das er versetzt worden war, in die Realität habe retten können. Was er beschrieb, ähnelte durchaus den Schrecken und Finsternissen, welche Francisco de Goya in seiner berühmten Zeichnung für die schaudernde Ewigkeit festgehalten hat. Alle Grausamkeiten, Schlechtigkeiten und Niedrigkeiten der Welt seien ihm, Ralph Siegel, im Unterbewusstsein entgegengetreten. Man würde sich womöglich schaudernd von Siegels Schilderungen abwenden, hätte der Künstler nicht dem Münchner Merkur eine Sensation angekündigt: ein neues Lied! Er habe es quasi im Koma aufgenommen und werde es spätestens zum nächsten Eurovision Song Contest der Welt zu Gehör bringen.

Alle Witze mit ESC und Koma sind blöd und werden es nicht schaffen, den Wert von Siegels künstlerischer Beute aus dem Albtraumschlaf zu schmälern. Auch die wissend nickenden Neurologen sollen ruhig wissen und weiter nicken, weil sie das Phänomen angeblich längst kennen. Alle anderen rufen Ralph Siegel zu: Werde schnell gesund, alter Schlagerkaiser, und zeige uns, wie ein echter Künstler selbst aus der Hölle noch etwas Vernünftiges herausholen kann!