Hohe Kosten, viele Ausländer, weniger Platz: Ostdeutsche Gefängnisse am Limit?
Hinter den Mauern ostdeutscher Justizvollzugsanstalten spiegeln sich Probleme, die Politik und Gesellschaft seit Jahren diskutieren. Die zuständigen Ministerien liefern alarmierende Zahlen.
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Die Neiße trennt Deutschland von Polen. Wer von der Altstadtbrücke auf die pittoresken Häuserzeilen schaut, ahnt wenig davon, was sich ein paar Kilometer entfernt, hinter den Mauern der Justizvollzugsanstalt Görlitz, als ein stilles Abbild von Migrationsbewegungen abspielt.
Von den 167 Gefangenen, die dort im Juni 2025 einsaßen, hatten 115 keinen deutschen Pass. Das entspricht einem Ausländeranteil von 68,9 Prozent – dem höchsten Wert in allen ostdeutschen Bundesländern, für die dieser Zeitung Daten vorliegen.
Görlitz ist die Spitze eines Trends, der sich in den Gefängnissen aller fünf ostdeutschen Flächenländer ablesen lässt – in Zahlen, die die Justizministerien auf Anfrage dieser Zeitung offenlegten. Sie erzählen von steigenden Ausländeranteilen, wachsenden Tageshaftkosten und einem System, das unter Druck steht.
Der Trend: Mehr Ausländer in ostdeutschen Zellen
Brandenburg ist das Land, in dem der Wandel am deutlichsten ablesbar ist. Im März 2021 saßen in den fünf brandenburgischen Justizvollzugsanstalten – Brandenburg an der Havel, Cottbus-Dissenchen, Luckau-Duben, Neuruppin-Wulkow und Wriezen – insgesamt 284 Gefangene ohne deutschen Pass. Das entsprach einem Anteil von 25,4 Prozent. Vier Jahre später, im März 2025, waren es bereits 460 Personen – der Anteil war auf 39,9 Prozent gestiegen. Mehr als jeder dritte Gefangene in Brandenburg ist damit kein deutscher Staatsbürger.
Sachsen folgt diesem Muster. Zum Stichtag 1. Juni 2021 lag der Ausländeranteil landesweit bei 30,2 Prozent, 2025 waren es 36,8 Prozent. Besonders auffällig: In der JVA Dresden stieg der Anteil nichtdeutscher Gefangener auf 42,8 Prozent, in Leipzig sogar auf 47,7 Prozent.
Mecklenburg-Vorpommern verzeichnete im selben Zeitraum einen Anstieg von 14,6 auf 25,5 Prozent, Sachsen-Anhalt von 14,6 auf 23,4 Prozent. In Sachsen-Anhalt ist Syrien seit Jahren die häufigste Nationalität unter den nichtdeutschen Gefangenen. In Mecklenburg-Vorpommern führt Polen die Liste an, gefolgt von Syrien und Tunesien. In Thüringen stiegen die absoluten Zahlen ausländischer Gefangener von 240 im Jahr 2021 auf 301 im Jahr 2026 – hier dominieren syrische, afghanische und libysche Staatsangehörige.
Zum Vergleich: Ende 2025 lag der Ausländeranteil der Bevölkerung in Sachsen und Thüringen jeweils bei 8,4 Prozent. In Sachsen-Anhalt betrug er 7,9 Prozent, in Brandenburg 7,4 Prozent und in Mecklenburg-Vorpommern 6,5 Prozent. Berlin wies mit 22,5 Prozent einen deutlich höheren Anteil auf.
Angaben zum Migrationshintergrund werden von den Ministerien nicht erhoben. Wer also einen deutschen Pass besitzt, aber beispielsweise nicht in Deutschland geboren wurde, wird in der Statistik nicht gesondert ausgewiesen.
Experten wie Thomas Bliesener vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen vermuten, dass der hohe Ausländeranteil in deutschen Gefängnissen nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen ist. Eine wichtige Rolle spiele die Alters- und Geschlechtsstruktur, da unter der ausländischen Bevölkerung anteilig mehr junge Männer leben, die generell häufiger straffällig werden. Hinzu kommen soziale Faktoren wie Armut, unsichere Beschäftigung, schlechte Wohnverhältnisse und fehlende gesellschaftliche Integration.
Ausländische Beschuldigte kommen zudem wegen fehlenden Wohnsitzes oder unsicheren Aufenthaltsstatus häufiger in Untersuchungshaft und haben teilweise schlechtere Chancen auf Bewährung oder offenen Vollzug.
Die Haft wird teurer
Die Anstalten sind nicht voll – und trotzdem werden sie teurer. In Brandenburg lag die durchschnittliche Auslastung zwischen 2021 und 2025 nie über 79,8 Prozent. In Sachsen bewegte sie sich zwischen 74,9 und 78,6 Prozent. Mecklenburg-Vorpommern kam in keinem Jahr über eine Auslastung, die rechnerisch aus Kapazität und Belegung über 80 Prozent hinausgeht.
Sachsen-Anhalt meldete für den Juni 2026 eine Auslastung von 80 Prozent – und wies dabei ausdrücklich darauf hin, dass eine Differenzierungsreserve von zehn Prozent aus fachlichen Gründen vorzuhalten sei. Faktisch ist der nutzbare Spielraum also noch enger.
Einfahrt zur JVA in Cottbus: Im Bundesland Brandenburg werden die Plätze für die U-Haft knapp.
© Imago
Warum wird die Betreuung der Häftlinge im Gefängnis immer teurer? Die Antwort liegt in der Kostenstruktur des Strafvollzugs. Der überwiegende Teil der anfallenden Ausgaben – Personal, Betrieb, Unterhalt – entsteht unabhängig davon, ob ein Haftplatz belegt ist oder nicht. Das Brandenburger Justizministerium formuliert es in seiner Antwort nüchtern: „Dies trifft insbesondere auf Personal- sowie Betriebs- und Unterhaltungskosten zu.“ Weniger Gefangene bedeuten also nicht weniger Kosten – sondern höhere Kosten pro Kopf.
Die Zahlen belegen das eindrücklich. In Brandenburg stiegen die Tageshaftkosten von 198,29 Euro im Jahr 2021 auf 232,14 Euro im Jahr 2024 – ein Anstieg von fast 17 Prozent in drei Jahren. In Sachsen kletterten sie von 152,07 Euro (2021) auf 181,30 Euro (2025), ein Plus von knapp 19 Prozent. Mecklenburg-Vorpommern beziffert den aktuellen Tageshaftkostensatz auf 193,74 Euro, Sachsen-Anhalt auf 209,12 Euro für das Jahr 2024. Thüringen machte keine Angaben zu den Haftkosten.
Pro Jahr ergeben sich für die ostdeutschen Bundesländer Haftkosten im hohen dreistelligen Millionenbereich. Und die Kurve zeigt nach oben – ohne dass eine strukturelle Trendwende in Sicht wäre.
Brandenburg: U-Haft am Limit
Während die Gesamtauslastung der Anstalten moderat wirkt, verbirgt sich dahinter ein Ungleichgewicht. In Brandenburg sind es etwa die Untersuchungshaftplätze, die unter Druck stehen. 2021 waren die 281 verfügbaren U-Haft-Plätze zu 72 Prozent belegt. 2023 lag die Auslastung bereits bei 88 Prozent, 2024 bei 93 Prozent. Im Jahr 2025 schließlich waren die 267 verfügbaren Plätze zu 99 Prozent ausgelastet – faktisch ist damit kein Puffer mehr vorhanden. Jede neue Verhaftung, jede Haftverlängerung trifft auf ein System mit wenig Reserve.
Auch in Thüringen zeichnet sich Druck ab. Die JVA Tonna, mit 583 Haftplätzen die größte Anstalt des Freistaats, verzeichnete 2025 Spitzenbelegungen von 87,5 Prozent. Die JVA Arnstadt, die 2022 noch zu knapp 50 Prozent ausgelastet war, erreichte 2025 eine Durchschnittsbelegung von 83,3 Prozent – mit Spitzenwerten von fast 90 Prozent.
Die Ministerien machen deutlich, dass die Kostentreiber im Strafvollzug struktureller Natur sind: Personalkosten, Versorgungslasten, Betrieb. Ob ein Haftplatz von einem deutschen oder einem nichtdeutschen Gefangenen belegt wird, ändert an der Kostenkalkulation nichts.
Was die Zahlen jedoch zeigen: Die ostdeutschen Gefängnisse sind Seismografen gesellschaftlicher Entwicklungen. Der starke Anstieg des Ausländeranteils – in Brandenburg binnen vier Jahren um fast 15 Prozentpunkte – ist kein Zufall, sondern Ausdruck von Migrationsbewegungen, Kriminalitätsmustern und gerichtlichen Entscheidungen, die sich in der Belegungsstatistik niederschlagen.
Sachsen-Anhalt hat angekündigt, die JVA Volkstedt zu erweitern und in Weißenfels eine neue Anstalt zu bauen. Brandenburg verfügt offiziell über vier Justizvollzugsanstalten, die sich auf mehrere Standorte beziehungsweise Außen- und Teilanstalten verteilen. Die Frage, wie Ostdeutschland in Zeiten knapper Haushalte das Management seiner Haftplätze gestalten soll, stellt sich mit jedem Jahr drängender.
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