„Ich bin ein beispielloser Dichter“
Der ukrainische Dichter führte 1914 den Futurismus in Kyjiw ein und verbrannte das berühmteste Werk des Nationaldichters Taras Schewtschenko. 1937 wurde er während des Großen Terrors als Konterrevolutionär hingerichtet.
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Stand: 31.07.2026, 13:39 Uhr
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Kleine Ukraine-Bibliothek (82): Mychajl Semenkos „Wer will mich hindern, die Welt zu verkehren“.
Sich davonmachen, weg sein, das aber weltumspannend, von Wladiwostok bis ins „wilde Patagonien“. Was kein Wunder ist, denn Mychajl Semenko, als Telegraphist nach Sibirien abgeschoben, hielt mit der Welt drahtend Verbindung. Obendrein als „ein Poet der weltweiten Worte“ erst recht direkt.
Zur Reihe
Eine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung.
Zuletzt ins Regal gestellt: Martin Schulze Wessels „Die übersehene Nation“, Iryna Fingerovas „Zugwind“, Petro Rychlos „Regenbogen über der Donau“, Hryhir Tjutunnyks Erzählungsband „Drei Kuckucke und eine Verbeugung“, die „Zeitschrift Osteuropa“ mit dem Titel „Härtetest“ und Wolodymyr Jermolenkos „Eine Kultur des Trotzdem“.
Mychajl Semenko: Wer will mich hindern, die Welt zu verkehren? Gedichte und futuristische Skizzen. Herausgegeben von Serhij Zhadan und Claudia Dathe. Aus dem Ukrainischen übersetzt von Claudia Dathe. Wallstein Verlag 2026. 274 S., 24 Euro.
Die im Juli 2022 erstmals erschienene „Kleine Ukraine-Bibliothek“ wird in loser Folge fortgesetzt.
Ohne ein Sträfling des zaristischen Regimes zu sein, sah sich der gebürtige Ukrainer dennoch verbannt. „Jung, jung werde ich sterben“ – da war sich der 25-Jährige im Sommer 1917 zudem sicher. Drei Jahre zuvor hatte Semenko den Futurismus, seinen eigenwilligen Ableger dieser europäischen Avantgardebewegung in Kyjiw eingeführt. Sein Aufbegehren wendete sich gegen die „Sippe“, die Familie, sein Protest verschrieb sich der Absage an die Tradition. Namentlich dem ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko (1814–1861), Ikone des Widerstands gegen das russische Imperium, galt seine Verachtung. Sich auf seinen Furor verlassend, verbrannte er dessen berühmtestes Werk, den „Kobsar“, was er dem Publikum auch schriftlich gab, indem er sich zu seinem Frevel so höhnisch wie hymnisch bekannte.
An der Ukraine interessierte den Feuerkopf nicht das politische Beben einer verspäteten Nation, sondern ein ästhetischer Aufruhr. „Der Vergangenheit verlöschende Kadenz“ keine Silbe nachweinend, vollzog er eine rasante Entwicklung. Bald schon zurückgelassen wurden die intimen Introspektionen in den „Buchten seiner Seele“.
Der Glaube (des Kommunismus) an die Elektrizität versetzte Berge. Die Elektrizität setzte die Materie unter Strom, und der Glaube daran die Menschen. Der Schauplatz der Weltveränderung: die Stadt. Auf den Trottoiren ein gigantisches Tohuwabohu, immer mitreißend und verhetzt, gelegentlich komisch, sogar ulkig, nicht selten gewalttätig, sogar tödlich.
Einen besonders ekstatischen Synergieeffekt ruft der Prachtboulevard Kyjiws hervor, der Chreschtschatyk. „Preschte hervor. Heulte aus dem Dunkel./ Blendete äugend der elektrische Blick./ Brachte die Seele aus dem Takt. Glänzte. Übermannte die Augen/ das donnernde Kraftstofftier.“ In all dem Tempo ist die Tram ein gemächliches Vehikel. Wer wüsste es nicht: Im reißenden Strom der Stadt hält sie quietschend die Spur und ermöglicht nichts weniger als eine elektrifizierte Flanerie.
Nicht von ungefähr war es in der Ukraine nach der Revolution Charkiw, die Semenko nicht nur als Hauptstadt von 1918 bis 1934 kennenlernte, sondern als die ukrainische Kapitale der Avantgarde, des Konstruktivismus (besonders in der Architektur). Schon das dürfte Semenko für Serhij Zadan interessant gemacht haben, spielt doch eine Vielzahl der Geschichten dieses großen Erzählers im Bannkreis von Charkiw. So ausgeprägt Zhadans Bewunderung für den Poeten im Vorwort – ausgehend von dem Gedanken, dass Revolutionen oft von Kindern aus gutsituierten Familien stammen, mit Wohnzimmern und einer Bibliothek, sowie dem „Verlangen, all das niederzubrennen“, gehörte auch der Kommunist Semenko zu den Kindern der Revolution, für die diese sich „als tödliche Falle erwies“ (Zhadan).
Seit den späten 1920er Jahren vollzog Semenko den Tausch der Poesie gegen die Parole. Großgeschrieben der Gebrauchswert der Propaganda. „Ein Kompromiss“, so Zhadan, „der im Endeffekt zu nichts führte“. 1937 wurde Mychajl Semenko, während der „Große Terror“ durch die Sowjetrepubliken tobte, als Konterrevolutionär verleumdet. Auch Semenko zählte zur „Erschossenen Renaissance“, neben hunderten Schriftstellern und Intellektuellen allein in der Ukraine wurde er ein Opfer des stalinschen Massenmordens (bis heute im Täterjargon als „Säuberung“ etikettiert, auch auf dem Buchumschlag).
Zhadan, der über den Futurismus promovierte, verweist darauf, dass Semenkos literarisches Vermächtnis liquidiert wurde. Nach seiner Wiederentdeckung und Rehabilitation war allerdings die Verlegenheit groß, denn als „Klassiker ist Semenko zu kontrovers“. Dem sowjetischen Futur prophezeite er, dass es „die Kraftlosen“, „die Komischen“ und „die Kranken“ zurücklassen, ja „fallen“ lassen werde. Claudia Dathe, von der das zweite vortreffliche Vorwort stammt, verweist auf einen „Gestus des Bezwingens“, der nicht nur gegen die literarische Tradition rebellierte, sondern Gewalt legitimierte: „aus dem Bourgeois machen wir Bouletten:/ da gibt’s nichts zu verhätscheln.“
Jenseits solcher Parolen vom „organisatorischen Element“ der Kunst kommt der Zyklus „In die Revolution“ auf das Grauen des Bürgerkrieges im Kyjiw der Jahre 1918/19 zu sprechen, auf 23 Kinder: „entblößt - ohne Köpfe und gefleddert – (…) Ohne Haut und halb bedeckt.“ In einem anderen Gedicht heißt es: „einer rief einsam: ach bin ich fremd// und zielte zagend mit einer Kugel in die Stirn/ und den Boden rubinrötete das Blut//“.
Das Gedicht trägt den Titel „Ein Schrei“. Er liest sich leitmotivisch, denn was Semenko schrieb, versuchte sich lautstark zu verständigen. „Wer will mich denn hindern, die Welt zu verkehren?“ Umbruch, aber sofort. Radikal, bis aus Wort. Wie reizvoll das sein konnte, zeigte der Wortkünstler bei seiner Behandlung der Verben. Weil Bewegung alles war und Beschleunigung zwei Devisen des Futurismus, nahm er sich die Tätigkeitswörter vor. Auch Adjektive oder Adverbien nahmen neue Eigenschaften an, sie wurden aktiv. Ebenfalls durch Dathe verbalisieren seine neuen Tätigkeitswörter das Tempo einer so gewaltigen wie gewalttätigen Umbruchzeit. Der Wortführer des Futurismus baldowerte die Sprache für Verblüffendes aus – dem deutschen Lesepublikum nahegelegt durch die Übersetzung: „Pierrot naivt“, „Pierrot entschlossert“. Animiert vom Pierrot, gibt Dathe den Witz des Futurismus geistesblitzartig weiter: „Grübelnd-verlustlost sitzelten beieinander Gestalten.“
Der Autor wird zum Agitator
Dreizehn Kapitel versammelt dieser Band der „Ukrainischen Bibliothek“, neben Gedichten und Skizzen auch Semenkos „Poesiemalerei“ – nicht von ungefähr graphisch aufgemachte Manifeste. Das Plakative ist montiert aus Schlagwörtern, Thesen, Kalauern, verblüffend überschlagen sich schlagfertige Kombinationen. Umso trister die Essays: „Im Ausbruch der futuristischen Revolution mit ihrer radikalen Formel von der kategorischen Abkehr von der Vergangenheit ist dieser Prozess offen zutage getreten.“ Was in Semenkos Kunsttheorie für eine „Übergangsepoche“ ebenfalls offen zutage tritt, ist der Schauderwelsch eines Kulturfunktionärs.
Für Semenko wurde der Autor zum Agitator, der Futurist zum Produzenten von proletarischem Bewusstsein. Die Auswahl legt nicht nur einen Beleg vor, in der sich ein Auserwählter an „Destruktionen“ delektierte. Mit keinem Begriff betrieb Semenko eine solche Inflation wie mit der Parole Destruktion. Die Formel lautete: Futurismus = Furor – Skrupel. Also war es Semenko bitterernst mit der „Liquidierung der Kunst im bisherigen Verständnis“. Für seine literarischen Vorgänger hatte er schon 1919 Häme übrig: „heute ist die Stadt ohne Symbolisten/, die Symbolisten wussten ungestraft zu entkommen.“
Semenko sah sich selbst als Pierrot, dessen Programm lautete: „entlieb dich“. Worauf er mit er dem Novum hinauswollte: „entlieb dich der ausgestreckten Hand“. Sich losreißen, sich davonmachen, Bindungen wegmachen. Sich von der Liebe abnabeln? Ein Verbum als Monstrum.
Gepeinigt wie Semenkos „irrendes Herz“ war, „strotzte“ der Pierrot dennoch „vor berstender Kraft“. Wiederum an anderen Tagen war sich der Poet sicher: „Meine Welt ist zarte Miniatur./ Ich bin ein beispielloser Dichter.“ Punktum.