Schwul und verheiratet: Warum Y. (54) sein Geheimnis so lange verbarg
Über die Hälfte seines Lebens trägt Y. (54) ein Geheimnis mit sich. Der zweifache Vater ist schwul. Heute ist er geoutet und fühlt sich am wohlsten, wenn er als «Femboy» unterwegs ist.
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Publiziert13. Juli 2026, 18:31
Ehefrau wusste nichts«Ich war verheiratet und habe 2 Kinder – bin aber schwul»
Über die Hälfte seines Lebens trägt Y. (54) ein Geheimnis mit sich. Der zweifache Vater ist schwul. Heute ist er geoutet und fühlt sich am wohlsten, wenn er als «Femboy» unterwegs ist.

Darum gehts
- Nach über 30 Jahren des Versteckens lebt Y. (54) heute offen als schwuler Mann.
- Der zweifache Vater war fast 20 Jahre verheiratet und hatte seine Homosexualität tief in sich vergraben.
- Sein Outing stiess im Umfeld auf positive Reaktionen.
«Ich war 19 Jahre mit einer Frau verheiratet und habe zwei Kinder. Dabei bin ich schwul.» Mit diesen Worten meldet sich Y. auf einen Aufruf, bei dem es um die grössten Geheimnisse der Community geht.
Y. erzählt im Gespräch mit 20 Minuten, dass er schon mit zwölf Jahren gewusst habe, dass er schwul se. «Aber das war in der Gesellschaft und vor allem in meiner Familie nicht akzeptiert. Also verdrängte ich die Gefühle und begrub sie tief in mir. Das war mein Geheimnis, das niemand wissen durfte.»
So lebte Y. jahrzehntelang. «Am Anfang war für mich klar: Es darf nicht sein, dass ich homosexuell bin. Es war eine andere Zeit als heute.» Y. lebte sein Leben, hatte Beziehungen mit Frauen. Als seine Freundin schwanger wurde, heirateten sie, später folgte ein zweites Kind.
Er schauspielerte sein halbes Leben
Auf die Zeit schaut Y. mit gemischten Gefühlen zurück. «Meine Kinder sind das Beste, was mir je passiert ist. Ich bin unglaublich stolz auf sie. Darum bereue ich auch den Weg nicht, den ich gegangen bin. Denn sonst gäbe es meine Kinder nicht.»
Gleichzeitig sei es emotional schwierig gewesen. «Ich habe früh gelernt, zu schauspielern und mein Innerstes zu verleugnen. Das war extrem belastend.» Er habe zahlreiche Situationen erlebt, in denen er nicht er selber sein konnte, erzählt der Verkäufer. «Wenn ich mit Freunden unterwegs war und sie eine attraktive Frau wahrnahmen, guckte ich mit. Obwohl es mich komplett kaltliess.»
Die Seite an ihm, die sich zu Männer hingezogen fühlte, vergrub er tief: «Es wäre mir auch nie in den Sinn gekommen, heimlich Männer zu treffen. Dafür bin ich viel zu konservativ. Ich hätte meine Frau niemals betrogen.»
Bester Freund wusste es als Erster
Die Ehe zur Mutter der Kinder zerbrach nach fast 20 Jahren trotzdem. «Wir trugen beide Schuld daran. Aber ich habe sie nie geliebt und ich denke, dass sie das gespürt hat.» Auch nach der Trennung behielt Y. weiterhin für sich, dass er auf Männer steht. Zu tief war das Gefühl in ihm verankert, dass das nicht erlaubt war. Y. schauspielerte weiter, so lange, bis es nicht mehr ging.

Das Outing von Y. war ungeplant. «Eines Tages brach es aus mir raus, ich konnte es nicht mehr abstreiten. Als Erstes erfuhr es mein bester Freund.» Dessen positive Reaktion habe ihn bestärkt, offen damit umzugehen. «Am Anfang war es extrem schwierig, aber danach verspürte ich ein Gefühl der brutalen Erleichterung.»
Outing überraschte Umfeld
Dass er schwul sein könnte, habe nie jemand aus seinem Umfeld vermutet. «Es waren alle sehr überrascht. Aber es haben alle sehr positiv reagiert.» Das Outing bei seinen Kinder führte sogar dazu, dass sich die Beziehung verbesserte.
Hast du ein Geheimnis, das du schon lange mit dir herumträgst?
Ja, es belastet mich sehr.
Ja, aber es wurde mit der Zeit einfacher.
Ich habe keine belastenden Geheminisse.
«Vor allem mein ältestes Kind haderte mit der Trennung und machte mich dafür verantwortlich. Es dachte, dass ich vielleicht fremdgegangen sei. Seit ich offen erzählt habe, wer ich bin, verstehen wir uns wieder viel besser.»
Manchmal fühlt er sich unsicher
Sein Leben habe sich im Allgemeinen positiv verändert. «Heute kann ich sein, wer ich bin, und sagen, was ich denke, zum Beispiel, wenn ich einen hübschen Mann sehe.» Mit einer Beziehung hat es bis jetzt noch nicht geklappt, erzählt der 54-Jährige. «Manchmal fühle ich mich eingeschüchtert von anderen Männern. Sie sind seit 30 Jahren geoutet, für sie ist es ganz normal. Für mich ist es immer noch etwas neu.»
Am wohlsten fühlt er sich, wenn er als «Femboy» unterwegs ist, also wenn er sich bewusst weiblich anzieht und auch mal Make-up trägt. «In meinem Job laufe ich natürlich nicht so rum, aber privat mache ich es immer öfter. Wenn ich mich schminke und hübsch mache, kann ich endlich ich selbst sein.»
LGBTIQ: Hast du Fragen oder Probleme?
Hier findest du Hilfe:
InterAction, Beratung und Information für intergeschlechtliche Menschen
Lilli.ch, Information und Verzeichnis von Beratungsstellen
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Anja Zingg (anz), arbeitet seit 2020 bei 20 Minuten. Sie ist seit Juni 2023 Leiterin des Ressorts Gesellschaft & Community.