In der Ruhe liegt der Spielspaß: Spiele dürfen auch mal langweilig sein! - Meinung
Ich will nicht immer die Welt retten. Manchmal reicht es mir vollkommen, wenn der virtuelle Rasen ordentlich gemäht ist. Warum scheinbar öde Alltäglichkeiten in Games manchmal die größte Freude bereiten.
- 4 min read
Ich will nicht immer die Welt retten. Manchmal reicht es mir vollkommen, wenn der virtuelle Rasen ordentlich gemäht ist. Warum scheinbar öde Alltäglichkeiten in Games manchmal die größte Freude bereiten.
Ganz egal, ob „DOOM“ oder „Dark Souls“ – knackig schwere Action-Spiele sind toll. Sie treiben einen von einem Adrenalinkick zum nächsten und sorgen dafür, dass ich mich mit schweißnassen Händen an das Gamepad kralle. Aber manchmal will ich das nicht! Manchmal möchte ich meine Reflexe auf Sparflamme und mein Gehirn auf Stand-by stellen. Dann brauche ich gepflegte Monotonie und ein wenig virtuelles, graues Rauschen.
Es sind diese Augenblicke, in denen ich beispielsweise in „Stardew Valley“ in minutiöser Kleinstarbeit meine Farm aufbaue, in „Planet Zoo“ neue Gehege anlege oder schlicht durch ein Open-World-Spiel renne und dabei stumpfe Sammelaufgaben löse oder unnötig Ressourcen aufsammle. Was ich damit sagen möchte: Games dürfen auch mal langweilig sein.

In der Ruhe liegt der Spielspaß
Okay, „langweilig“ ist für ein Videospiel ein hartes Urteil. Wenn wir mal ehrlich sind, sind „Stardew Valley“ oder auch „Planet Zoo“ nicht unbedingt spielerisch öde, wohl aber dezent repetitiv und vielleicht auch gerade deshalb meditativ. Während viele Spiele vor allem das Lösen von Problemen in den Mittelpunkt rücken, gehören hier Wiederholungen zum Konzept. Sie sind also kein Designfehler, sondern ein tragendes Element, das für Sicherheit und geregelte Abläufe sorgt.
Aber manchmal braucht es genau das: keine Story, keine Explosionen, keine Bosskämpfe. Ich spiele inzwischen seit weit über 40 Jahren und habe (fast) alle Gamer-Phasen durchgemacht. War ich einst ein ambitionierter „Counter-Strike“-Schütze, teile ich mir meine Energie für Action-Erlebnisse inzwischen besser ein.
Und so passiert es, dass ich nach getaner Arbeit und wenn Ruhe in den heimischen vier Wänden einkehrt, vor allem eines möchte: Zerstreuung. Und dann habe ich auch kein Problem damit, mal ein paar virtuelle Blumen zu gießen, meinen Freizeitpark aufzubauen oder mit meinen Lieblingssuperhelden ein paar dusselige Sammelaufgaben zu absolvieren. Und ganz ehrlich: Manchmal schalte ich sogar auf den leichtesten Schwierigkeitsgrad, damit mir auch ja kein KI-Schurke mehr in die Parade fahren kann.
Der Spaß entsteht dann nicht aus der Spannung, sondern durch den Rhythmus und die Routine.

Und tatsächlich ertappe ich mich beim Spielen immer wieder dabei, wie ich mich an Alltäglichkeiten ergötze, für die ich etwa in der Realität keine Zeit oder (noch schlimmer) keine Lust habe. In „Two Point Museum“ erfreue ich mich daran, Räume bis ins kleinste Detail zu dekorieren. In „Stardew Valley“ pflüge und pflege ich meine Äcker mit größter Hingabe. Und ja, inzwischen habe ich sogar meine Liebe für den „Power Wash Simulator“ entdeckt.
Zugegeben, ich könnte auch einfach meinen Schreibtisch aufräumen oder mal wieder den Rasen mähen, aber dem stehen zwei Hindernisse im Weg. Zum einen die körperliche Aktivität, zum anderen das oftmals fehlende Belohnungsgefühl. Nur selten wird ein gewischter Boden mit einem befriedigenden „Pling“ belohnt. Diese virtuellen Alltäglichkeiten sind einfach herrlich konsequenzlos. Ich kann jederzeit pausieren oder sogar abbrechen.
Vielleicht ist „Langeweile“ deshalb der falsche Ausdruck. Eigentlich geht es um die gepflegte Monotonie des Alltags – ohne Stress, Verpflichtungen und schlechtes Gewissen. Ich darf mich beschäftigen, ohne produktiv sein zu müssen. Gerade darin liegt ein Luxus, den Spiele besonders gut ermöglichen.

Ich möchte nicht immer auf Progression spielen!
In den vergangenen zehn Jahren hat sich gerade das Mainstream-Gaming stark verändert. Nicht nur nehmen Videospiele ihre Nutzer immer stärker an die Hand und schiffen sie selbst nach dem Tutorial nur allzu gerne durch alle Tücken, sie belohnen sie auch noch am laufenden Band. „Oh gut, du hast eine Truhe geöffnet“ – dafür gibt es eine Trophäe. „Fein, du hast endlich Stufe 1 abgeschlossen“ – dafür bekommst du Ingame-Währung und einen bunten Pulli. Ich werde förmlich mit meiner eigenen Progression überschüttet. Das kann funktionieren, kann aber in bestimmten Situationen auch einfach aufgesetzt oder sogar störend wirken.
Ich für meinen Teil mag die Abwechslung. Ich habe nichts dagegen, mich auch mal durch Spiele zu grinden oder gezielt auf meine eigene Progression hinzuarbeiten. Genauso gut finde ich aber auch immer wieder Spiele mit einem eher langsamen Ansatz. „Death Stranding“ etwa war durch seine weiten Wege und das Lieferanten-Gameplay auch nicht immer besonders komplex, aber es war trotzdem unterhaltsam. Gerade weil moderne Spiele mich pausenlos motivieren und bestätigen wollen, empfinde ich bedeutungslose Routine bisweilen als wohltuend.
Games dürfen mich also herausfordern und fluchend auf dem Sofa zurücklassen. Aber genauso gut dürfen sie auch mal bedeutungslos, langsam und monoton sein. Die einen nennen dies langweilig, ich nenne es Spielspaß!
Bei Links zu Amazon, Media Markt, Saturn und einigen anderen Händlern handelt es sich in der Regel um Affiliate-Links. Bei einem Einkauf erhalten wir eine kleine Provision, mit der wir die kostenlos nutzbare Seite finanzieren können. Ihr habt dabei keine Nachteile.