Wie innovativ ist die Innovationsstrategie?

Mit der neuen Innovationsstrategie "InnoBB 2035" wollen Berlin und Brandenburg Wissenschaft und Wirtschaft enger verzahnen und die Hauptstadtregion international stärken. Doch was steckt konkret hinter dem Papier?

  • 3 min read
Wie innovativ ist die Innovationsstrategie?

InnoBB 2035

Wie innovativ ist die Innovationsstrategie?

Schönefeld: Die digitale Assistenz "Kiana" wird am Bahnhof Flughafen BER vorgestellt (Quelle: dpa/Jens Kalaene).
Schönefeld: Die digitale Assistenz "Kiana" wird am Bahnhof Flughafen BER vorgestellt (Quelle: dpa/Jens Kalaene).

Icon Kommentar

Von

Amelie Ernst

Benjamin Heese will, dass sich Autofahren an der Konsole oder am PC auch wirklich anfühlt wie Autofahren. 2019 gründete er in Potsdam sein Start-Up "Sensit!". 17 Mitarbeitende hat er inzwischen – die meisten kommen aus dem Ausland. Grundsätzlich findet er es gut, dass Berlin und Brandenburg Wirtschaft und Wissenschaft zusammen denken und Innovationen voranbringen wollen. "Aber die Einteilung der Innovationsbereiche funktioniert so nicht mehr", sagt der Gründer.

In der InnoBB 2025 machte man für die Hauptstadtregion fünf inhaltliche "Cluster" aus und versprach, die Zusammenarbeit speziell in diesen Bereichen zu verstärken: Gesundheitswirtschaft, Energietechnik, Verkehr/Mobilität/Logistik, Information/Medien/Kreativwirtschaft und Optik/Photonik. In der neuen Innovationsstrategie InnoBB 2035 heißen die "Cluster" nun "Zukunftsbereiche" – als da wären: Innovative Mobilität, Digitale Technologien & Creative Tech, Gesundheit und Teilhabe, Intelligente Energiesysteme und Innovative, nachhaltige Produktion & Materialien.

"Wir sind Weltmeister im Ideen-nicht-groß-machen"

Das Thema "Künstliche Intelligenz" hätte inzwischen ruhig ein eigener Zukunftsbereich sein können, findet Startup-Gründer Benjamin Heese. Aber immerhin tauche es unter der Überschrift "Digitale Technologien" auf. Dort wollen die Landesregierungen unter anderem Innovationen fördern zur "Sicherung der digitalen Souveränität in Europa und Stärkung der Verteidigungsfähigkeit und Resilienz durch die Entwicklung leistungsfähiger, vertrauenswürdiger Anwendungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz ('Responsible AI')". Doch trotz vielversprechender Ankündigungen stehe die Politik und vor allem die Verwaltung in Berlin und Brandenburg Innovationen noch zu oft im Weg, so Heese. "Zu viel Bürokratie – gefühlt kommen immer neue Regeln dazu." Es brauche den politischen Mut, nicht immer alles geregelt zu haben. "Wir sind Weltmeister im Ideen-nicht groß-machen."

Und offenbar auch im Über-Innovationen-reden: Die neue Innovationsstrategie InnoBB 2035 umfasst 27 recht luftig gestaltete Seiten – und recht luftig wirkt auch manches, was da zu lesen ist: "Die Hauptstadtregion ist eine der dynamischsten und zukunftsfähigsten Innovationsregionen Europas, die Innovationen aktiv entwickelt und in die Breite der Wirtschaft und Gesellschaft trägt. Die Stärkung der Innovationskraft ist dabei Antrieb für internationale Wettbewerbsfähigkeit, Lebensqualität und Resilienz der Hauptstadtregion." 244 Mal fallen in dem Papier die Worte "Innovation" und "innovativ" – im Vorgänger InnoBB 2025 waren es "nur" 97 Mal.

Ausländische Fachkräfte schneller anwerben

Nicht gerade innovativ klingt allerdings das, was die Amtschefinnen zur Innovationsstrategie sagen: "Innovationen dürfen nicht an den Stadtgrenzen enden, sondern müssen technologische Kompetenz, gute Arbeitsplätze und neue Wachstumschancen in allen Teilen Brandenburgs schaffen", sagt Brandenburgs Wirtschaftsministerin Martina Klement (CSU). Und Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) ergänzt: "Gemeinsam wollen wir weiterhin beste Rahmenbedingungen für Innovationen bieten und damit auch im Wettbewerb um EU-Fördergelder bestehen."

Doch dazu gehörten nicht nur allgemeine Vorhaben, sondern auch ganz konkrete Maßnahmen, findet Benjamin Heese, der auch Sprecher des Brandenburger Startup-Verbands ist. Zum Beispiel müssten hochqualifizierte Fachkräfte schneller nach Deutschland kommen können. Noch dauere das mindestens drei Monate, oft deutlich länger. "Wir reden hier über hochbezahlte Menschen, die die Wahl haben, ob sie in die USA, nach Deutschland oder Großbritannien gehen. Da müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass das schneller geht."

Bürokratie vs. Innovationen

Noch mehr Fördergeld für neue, innovative Unternehmen sei dagegen nicht unbedingt entscheidend, so Heese. "Aber die Förderungen, die da sind, müssen auch ausgezahlt werden. Ich kenne einige Startups in Brandenburg, die pleite gegangen sind, weil die Förderung dann nicht ausgezahlt wurde." Auch da bremse die Bürokratie neue Ideen aus.

Weiterer Knackpunkt der Innovationsstrategie: Die nachprüfbaren Erfolge und Zeitachsen. Zwar werden in allen fünf Zukunftsbereichen übergreifende Ziele genannt – beispielsweise die "Steigerung der Energieeffizienz im Gebäude-, Verkehrs- und Industriesektor" oder die "Etablierung barrierefreier, nutzerorientierter und bedarfsangepasster Mobilitätslösungen in urbanen und ländlichen Räumen". Doch diese Ziele bleiben so vage, dass sie voraussichtlich jeder Evaluierung standhalten werden.

Eine eigene Zwischenbilanz lieferten die Landesregierungen 2019 bei der Verabschiedung der InnoBB 2025 gleich mit: "Die gemeinsame Innovationsstrategie ist ein Erfolg."

Sendung: rbb24 Brandenburg Aktuell, 14.07.2026, 19:32 Uhr
Video: rbb24 Brandenburg Aktuell, 14.07.2026, Christoph Hölscher

Mehr bei rbb|24

Der "Urbanliner" steht bei der Präsentation der neuen Straßenbahn-Generation der Berliner Verkehrsbetriebe auf dem BVG-Betriebshof Lichtenberg © picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka
Symbolbild: Ein Flugzeug startet bei Sonnenaufgang am Flughafen Hannover. (Quelle: Picture Alliance/Julian Stratenschulte)
Symbolbild: Beschäftigte des Ordnungsamtes Bezirk Mitte sind mit Polizeibeamten im Bezirk Mitte im Einsatz. (Quelle: Picture Alliance/Paul Zinken)
Symbolbild: Mitarbeiter des Ordnungsamts (Quelle: Picture Alliance/Britta Pedersen)
Visualisierung des Waisentunnels. (Quelle: BVG Projekt GmbH)
Archivbild: Das Gelände des Bohrplatzes für das Tiefen-Geothermie-Projekt der Stadtwerke im Februar 2023 in Potsdam. (Quelle: Picture Alliance/Soeren Stache)