Ist die Klimakrise rassistisch?
StartseitePolitikStand: 20.07.2026, 13:04 UhrKommentareUns auf Google folgenProteste gegen den brasilianischen Bergbau-Konzern Vale S.A. wegen Staudamm-Bauvorhaben. © ANTONIO SCORZA/afpÜberschwemmungen und Hitz...
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Stand: 20.07.2026, 13:04 Uhr
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Überschwemmungen und Hitzewellen treffen nicht alle gleich. Warum arme, Schwarze und indigene Menschen besonders unter den Folgen der Erderwärmung leiden.
Im brasilianischen Petrópolis starben im Februar 2022 bei einer Flut 232 Menschen. Unter den Opfern waren 138 Frauen, 44 von ihnen waren Minderjährige. Besonders hart traf die Katastrophe Schwarze und indigene Menschen. Denn arme Bevölkerungsgruppen leben häufig in gefährdeten Gebieten. Sie wohnen an steilen Hängen, in Überschwemmungszonen oder in Vierteln mit mangelhafter Infrastruktur. Starkregen wird schnell zur Tragödie. In Brasilien spricht man nun deshalb von Klimarassismus.
Auch in Porto Alegre, der Hauptstadt des südlichen Bundesstaats Rio Grande do Sul, wurde 2024 deutlich, wie ungleich eine Flut wirkt: In den am stärksten betroffenen Gebieten lag laut einem Bericht des „Instituto Pólis“ der Anteil Schwarzer Menschen unter den Betroffenen mit 40,2 Prozent deutlich über dem Stadtdurchschnitt. Wo Schwarze und arme Menschen leben, gibt es oft weniger Grün, eine marode Kanalisation und eine schlechtere Gesundheitsversorgung. Deshalb sind sie Hitze, Überschwemmungen und ihren Folgen besonders stark ausgesetzt.
Dasselbe Muster findet sich in der Metropole Rio de Janeiro: Wohlhabende leben in den sicheren Ebenen der Stadt, während sich ärmere Familien in den Favelas drängen. Und selbst dort, wo Reiche ebenfalls am Wasser wohnen, trifft sie eine Flut anders: Im schlimmsten Fall verlieren sie ihr Ferienhaus, aber nicht ihre Existenz. Sie haben Versicherungen, Rücklagen und Ausweichmöglichkeiten.
„Fluten verursachen keine Desaster“, erklärt der britische Katastrophenforscher Ilan Kelman im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. „Die entstehen durch menschliche Entscheidungen.“ Verantwortlich seien Behörden, Unternehmen und Eliten, die darüber bestimmen, wer in sicheren Vierteln lebt und wer in riskanten und schlecht versorgten Randgebieten. „Die Probleme entstehen, weil Menschen gezwungen werden, an Orten zu wohnen und zu arbeiten, an denen ein Hochwasser verheerende Folgen hat“, sagt Kelman.
In der Forschung gibt es einen immer umfassenderen Konsens darüber, dass Erdbeben oder Fluten zwar Schäden anrichten, aber nur dort zur Katastrophe werden, wo Ausgrenzung, Unterdrückung und Ungleichheit Menschen schutzlos machen.
Reproduktion kolonialer Herrschaft
Studien zeigen: Die globale Wirtschaft erzeugt soziale Ungleichheiten, die oft die alter kolonialer Machtverhältnisse reproduzieren. Westliche Konzerne lassen ihre Produkte besonders günstig in Ländern herstellen, die einst ausgebeutet wurden und schwache staatliche Strukturen haben. Dort profitieren sie von laxeren Umweltauflagen, verschmutzen Böden und Flüsse und setzen sich über die Interessen der betroffenen Bevölkerung hinweg.
Konzerne wie Rio Tinto, Equinor oder Total bauen in Brasilien Minen aus, bohren nach Öl und treiben Straßenprojekte durch den Amazonas. Solche Großvorhaben zerstören Lebensräume und verschärfen die Umweltgefahren für indigene Gemeinschaften und andere marginalisierte Bevölkerungsgruppen.
Welche Folgen solche Großprojekte haben können, zeigte der Dammbruch von Mariana im Bundesstaat Minas Gerais. 2015 brach dort ein Rückhaltedamm des brasilianischen Bergbauunternehmens Samarco. Giftiger Bergbauschlamm begrub Dörfer und verseuchte den Rio Doce über Hunderte Kilometer. Die Folgen trafen vor allem arme, Schwarze, indigene und traditionelle Gemeinden entlang der Ufer. Sie hatten zuvor schon von den Gewinnen des Bergbaus am wenigsten, trugen seine Risiken aber am stärksten. Den Ertrag des geförderten Eisenerz dagegen erhielten Stahlkonzerne und Industriebetriebe weltweit.

Umweltzerstörung und Extremwetter zwingen Millionen Menschen, ihre Heimat zu verlassen. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) gab es in den vergangenen zehn Jahren weltweit rund 250 Millionen Binnenvertreibungen infolge extremer Wetterereignisse. Viele Menschen mussten dabei mehrfach fliehen.
Gleichzeitig leben rund 90 Millionen Menschen, die vor Krieg, Gewalt oder Verfolgung geflohen sind, in Staaten, die besonders stark von den Folgen der Klimakrise bedroht sind. Die Weltbank geht davon aus, dass der Klimawandel bis 2050 bis zu 216 Millionen Menschen zu Binnenmigration zwingen könnte, wenn Staaten nicht entschlossen handeln.
Doch nicht nur Armut und Herkunft sind entscheidende Faktoren dafür, wie verwundbar Menschen in Katastrophe sind. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle, die Klimakrise trifft Frauen besonders hart. In Indien kann schon Kleidung zur tödlichen Falle werden. Traditionelle Gewänder wie der Sari saugen sich im Hochwasser voll, werden schwer und machen es Frauen unmöglich, sich durch die Fluten zu bewegen oder zu schwimmen.
Frauen seien nicht per se verletzlicher als Männer, sie werden durch gesellschaftliche Strukturen verletzlicher gemacht, so Kelman. In Brasilien zögern viele Frauen, zu gehen oder in Notunterkünfte zu fliehen, weil sie dort sexuelle Übergriffe fürchten. Manche nehmen aus Angst vor Gewalt sogar die Flut in Kauf.
Eine 2025 veröffentlichte Studie zu den Überschwemmungen in Porto Alegre im Mai 2024 beschreibt, dass Frauen in Notunterkünften überproportional häufig Belästigung und sexualisierte Gewalt erleben. Teilweise mussten geschlechtergetrennte Unterkünfte her, um sie zu schützen. Frauen kümmern sich zudem oft zuerst um Kinder, ältere Angehörige und Kranke – erst danach um sich selbst.
„Naturkatastrophe“ als irreführender Begriff
Gerade diese zusätzliche Verantwortung macht sie bei Flucht und Vertreibung besonders verwundbar, beobachtet Sílvia Sander vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR der Zeitung „The Guardian“.
Dass Frauen die Hauptlast tragen, bedeutet allerdings nicht, dass sie nur Opfer sind. Die Psychologin Júlia Louzada von der Universität São Paulo, die mit Überlebenden in Rio Grande do Sul gearbeitet hat, beschreibt es dem „Guardian“ so: Frauen tragen die größte Last und stehen zugleich oft an der Spitze des Wiederaufbaus.
Politische Entscheidungen können dagegen Leben retten. Bangladesch hat in den vergangenen Jahrzehnten Tausende Schutzräume gebaut, Frühwarnsysteme ausgebaut, Freiwillige geschult und Evakuierungen professionalisiert. Die Zahl der Toten bei Zyklonen ist dadurch drastisch gesunken.
Auch Kuba gilt seit Jahren als Beispiel dafür, wie viel politische Vorbereitung ausrichten kann: mit engmaschigen Warnsystemen, klaren Evakuierungsplänen und einem Katastrophenschutz, der Menschen rechtzeitig in Sicherheit bringt.
Die Wissenschaft ist sich deshalb weitgehend einig, dass politische Entscheidungen maßgeblich darüber bestimmen, wie viele Menschen sterben – und von „Naturkatastrophen“ zu sprechen deshalb irreführend ist. Trotzdem hält sich der Begriff bis heute hartnäckig.
Wo stehen wir im Kampf gegen den Klimawandel? Eine zentrale Frage für die Frankfurter Rundschau.
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