Privatschule auf Kosten des Jugendamts: Zweifel an der Qualität der Förderung

Das gelbe Schlösschen liegt idyllisch in einem Park. Das alte Rittergut wirkt edel, fast schon herrschaftlich. Wer es sich leisten kann, der kann seine Kinder hier unterrichten lassen, ein Internat gibt es auch...

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Privatschule auf Kosten des Jugendamts: Zweifel an der Qualität der Förderung

Das gelbe Schlösschen liegt idyllisch in einem Park. Das alte Rittergut wirkt edel, fast schon herrschaftlich. Wer es sich leisten kann, der kann seine Kinder hier unterrichten lassen, ein Internat gibt es auch. Wer es sich nicht leisten kann, für den bezahlt unter Umständen das Jugendamt.

In dem Schlösschen in Willich hat die Privatschule Carpe Diem ihren Sitz, zwischen Düsseldorf, Krefeld und Mönchengladbach. Seit 2018 werden hier Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5 unterrichtet. Und zwar angeblich mit "bester Ausstattung" und von "qualifiziertesten Lehrkräften", wie es auf der Homepage heißt.

Das große Versprechen: individuelle Förderung

Das Versprechen: Besonders Schüler mit Einschränkungen oder Problemen würden hier "individuell gefördert", auch durch Einzelcoachings. Lernschwächen, Autismus, ADHS – für all diese Herausforderungen stellt sich die Carpe Diem als besonders gut aufgestellt dar. Den Eltern wird ein "Rundum Sorglos Paket" in Aussicht gestellt.

Zu Hause gab es davor viel Stress, Leon hatte Lernschwierigkeiten, Hausaufgaben fielen ihm schwer. Da wirkte die Privatschule wie ein Ausweg: Kleine Klassen, Hausaufgabenbetreuung, individuelle Förderung. "Ich hatte das Gefühl, das könnte eine Riesenentlastung für uns alle sein, wenn unser Kind hier zur Schule geht", erinnert sich Heike Müller im Interview mit dem WDR-Magazin Westpol.

Schule kostet mehr als 1200 Euro pro Monat

Sie hat noch genau das erste Gespräch mit dem Schulleiter vor Augen, einem zugewandten Mann, der "sehr gut reden" kann: "Es wurde extrem betont, dass jedes Kind wirklich da abgeholt werden kann, wo es steht. Das waren seine Worte. Und Musik in meinen Ohren."

Jugendämter zahlen für Schulplätze

In der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt: Die Schule wird auch von Jugendämtern genutzt für Kinder, die im Rahmen der Eingliederungshilfe gefördert werden sollen. Diese Schülerinnen und Schüler haben an Regelschulen meist Anspruch auf einen Schulbegleiter oder auf einen Platz an einer Förderschule, zum Beispiel mit Diagnosen wie Autismus oder starken Lerneinschränkungen. Teilweise sollen es auch Schulverweigerer sein.

Für die Jugendämter kostet der Besuch der Privatschule allerdings deutlich mehr als für Selbstzahler, nämlich mehr als 2.000 Euro monatlich. Der Schulleiter, der auch Geschäftsführer ist, rechtfertigt das mit deutlich höherem Aufwand, etwa um die Entwicklung der Schüler zu dokumentieren und sich mit dem Jugendamt darüber auszutauschen: "Diese Leistungen sind bei einer rein privat finanzierten Beschulung nicht automatisch in demselben Umfang enthalten, sondern werden bei Bedarf zusätzlich in Rechnung gestellt."

Wie vielen Schülerinnen und Schülern derzeit der Besuch der Carpe-Diem-Schule vom Jugendamt finanziert wird, sagt der Schulleiter auf Anfrage nicht. "Über die Jahre" seien es etwa ein Drittel der Schüler gewesen, das wären pro Jahrgang bis zu 40 Kinder. Laut WDR-Abfrage schickt etwa das Jugendamt in Mönchengladbach derzeit drei Schüler an die Schule, das im Kreis Viersen sieben, die Jugendämter in Willich und Krefeld jeweils fünf.

Mangelhafte Qualität des Unterrichts?

Auch in Leons Klasse waren Schüler, die über das Jugendamt kamen. Seiner Wahrnehmung nach wurden sie nicht viel anders behandelt als alle anderen. Ihm persönlich gefiel es am Anfang super an der Schule, der Druck sei weggewesen: "Es war für mich eine große Überraschung, wie locker da alles gehandelt wurde." Hausaufgaben sollen bei ihm selten kontrolliert worden sein, Regeln seien nicht allzu streng durchgesetzt worden.

Das bestätigt auch eine andere frühere Schülerin, die 2023 an die Carpe-Diem-Schule kam. Lehrkräfte sollen sich gegenüber Schülern häufig "eher wie Freunde als in einer professionellen Lehrerrolle" verhalten haben. Erst sei das angenehm gewesen, aber es fehlten dadurch "wichtige Grenzen und Strukturen".

Personalsituation laut Schulleiter "nicht dramatisch"

Teilweise sei es chaotisch gewesen im Unterricht. Viele Stunden sollen ausgefallen sein, Klassenarbeiten teils gar nicht benotet oder zurückgegeben worden sein. Manche Lehrerinnen und Lehrer seien zwar sehr motiviert gewesen, aber viele aus ihrer Sicht nicht qualifiziert genug.

Der Schulleiter der Carpe Diem weist diesen Vorwurf auf WDR-Anfrage zurück. Stunden seien nie ersatzlos ausgefallen. Im Vergleich zu den meisten, insbesondere öffentlichen Schulen, sei die Personalsituation auch nicht dramatisch. Sollte eine Lehrkraft einmal Klausuren nicht korrigiert und zurückgegeben haben, so bilde das natürlich nicht die Praxis ab.

Wie viele voll ausgebildete Lehrkräfte an der Privatschule arbeiten, lässt der Schulleiter offen. Ebenso, ob es voll ausgebildete Sonderpädagogen gibt.

Ehemaliger Lehrer: "Spagat häufig nicht zu bewältigen"

Ein früherer Lehrer, der bis vor ein paar Jahren an der Carpe Diem unterrichtet hat, sagt, dass er in seinen Stunden auch für die sonderpädagogische Förderung zuständig gewesen sei, weitgehend ohne Unterstützung. "Gerade in Klassen mit sehr unterschiedlichen Leistungsständen und Förderbedarfen war es kaum möglich, allen gleichzeitig gerecht zu werden. Dieser Spagat war im Schulalltag häufig nicht zu bewältigen", versichert er dem WDR.

Er habe beobachtet, wie Schülerinnen und Schüler, die mutmaßlich Unterstützung benötigt hätten, von Lehrkräften für längere Zeit einfach auf den Flur geschickt worden seien: "Aus meiner Sicht war dies keine nachhaltige pädagogische Lösung, sondern vielmehr Ausdruck der begrenzten Ressourcen, mit denen die Lehrkräfte im Schulalltag umgehen mussten." In einigen Fällen hätte es aus seiner Sicht eine Eins-zu-Eins-Betreuung gebraucht.

Der Schulleiter der Carpe Diem weist die Darstellung, Lehrkräfte seien regelmäßig unzureichend qualifiziert oder mit dieser Schülerschaft überfordert gewesen, zurück. Die sonderpädagogische Förderung erfolge nicht nach "starrem Schema". Es gebe Fortbildungen und pädagogische Fallbesprechungen, man arbeite mit Eltern, Jugendämtern und auch Therapeuten zusammen. Es gebe sogar eine Autismustherapeutin im Team.

Schulaufsicht darf Qualität von Privatschulen nicht prüfen

Die Aufsicht über die Carpe-Diem-Privatschule liegt bei der Bezirksregierung Düsseldorf. Die stellt im WDR-Interview klar, wie wenig Kontrollmöglichkeiten sie eigentlich hätten. "Die staatliche Anerkennung bedeutet erst einmal, dass die Jugendlichen an dieser Schule ihre Schulpflicht erfüllen können und gibt keine Aussage über die Qualität des Unterrichts oder der Schule", erklärt Sylvia Wimmershoff, Leiterin der Schulaufsicht. Sie hätten auch gar nicht die Möglichkeit, bei den Inhalten einzugreifen, die Privatschulfreiheit im Grundgesetz lasse das nicht zu.

Mehrere Jugendämter in der Region sind offenbar von der Qualität der Carpe-Diem-Schule in Willich überzeugt, die vereinbarten Ziele würden erreicht, heißt es. Und der Preis der Schule, mehr als 2000 Euro pro Monat, sei günstiger als andere Inklusionshilfen.

Die Stadt Düsseldorf schreibt auf Anfrage, dass ein Schulabschluss dabei gar kein vorrangiges Ziel sei: "Die Eingliederungshilfe dient nicht in erster Linie der Verbesserung schulischer Leistungen, sondern der Sicherung von Teilhabe."

Umgehen der zentralen Abschlussprüfungen?

Alle ehemaligen Schüler und Eltern, mit denen der WDR gesprochen hat, hatten allerdings besonders große Sorge vor den Abschlussprüfungen. Die meisten fühlten sich nicht gut vorbereitet. Für den Abschluss nach Klasse 10 müssen die zentralen Prüfungen an einer staatlichen Schule abgehalten werden, eine Ergänzungsschule darf das in NRW nicht selbst übernehmen.

Es gibt allerdings eine zweite Carpe-Diem-Schule in Rheinland-Pfalz, sie gehört demselben Schulleiter. Und dort darf die staatlich anerkannte Privatschule selbst prüfen, es gibt in Rheinland-Pfalz keine zentralen Prüfungen nach Klasse 10.

Genau das könnte den Recherchen zufolge von der Leitung der Schule ausgenutzt worden sein. Ein Teil der Schülerinnen und Schüler aus Willich in NRW macht jedes Jahr den Abschluss in der anderen Niederlassung in Bad Neuenahr. Das hat der Schulleiter auf Anfrage bestätigt. Das ist erlaubt, sofern jemand dort auch wirklich zur Schule gegangen ist. Den Behörden in Rheinland-Pfalz genügt als Nachweis der Lebenslauf eines Schülers.

Eltern sollen Lebenslauf von Schülern verändern

Die Schule in Willich hat Eltern in einem Schreiben, das dem WDR vorliegt, ausdrücklich geraten, in den Lebenslauf zu schreiben, dass ihr Kind ein halbes Jahr dort war. In Wahrheit sollen Schüler aus NRW allerdings nur für die Prüfungswochen nach Rheinland-Pfalz gebracht worden sein, ohne die Schule dort wirklich über längere Zeit besucht zu haben.

Ob dies stimmt, dazu äußert sich der Schulleiter nicht. Zu dem Schreiben an Eltern erklärt er zunächst: "Gemeint war nicht die Aufforderung zu unrichtigen Angaben, sondern die zutreffende Darstellung eines schulischen Werdegangs." Sein Anwalt stellt es später so dar: Der Schulleiter habe "ein solches Schreiben weder angeordnet noch gebilligt".

Ein ähnlicher Fall beschäftigt die Stadt Krefeld. Auf Anfrage teilt sie mit: Das Jugendamt finanziert derzeit einem Kind den Aufenthalt auf der Carpe Diem in Willich. Dem Amt wurden aber für die Prüfung in Rheinland-Pfalz Übernachtungen in Rechnung gestellt.

Forderung nach klaren Regeln für Ergänzungsschulen

Der Bedarf an Angeboten für inklusives Lernen wird steigen, da ist Schön sich sicher: "Wenn das Thema wichtiger wird, müssen wir auch genauer hingucken." Das Land und der Bund müssten für gesetzliche Klarheit sorgen.

Privatschule als Geschäftsmodell

Für die Betreiber von Ersatzschulen sind sie auch ein lukratives Geschäft: Der Standort in Willich warf zwischen 2021 und 2023 immerhin mehr als 3,4 Millionen Euro Gewinn ab. Ein Gutteil davon mutmaßlich aus den Kassen von Jugendämtern.

"Ich stehe dazu, dass unsere Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich sein sollen", teilt der Schulleiter mit, "ebenso klar stehe ich dazu, dass pädagogische Verantwortung, individuelle Entwicklung und der Schutz unserer Schülerinnen und Schüler die Grundlage unseres Handelns bilden." Er betont: Die allgemeine Zufriedenheit von Eltern und Schülern sei überdurchschnittlich hoch.

"Ich hab meinem Sohn damit geschadet"

Leon Müller ist auf der Carpe Diem geblieben, bis er im vergangenen Jahr durchs Abitur gefallen ist, so wie fast die Hälfte seines Jahrgangs. Er weiß, dass er auch selbst schuld ist. Aber er und andere fühlten sich auch nicht gut vorbereitet: "Es hätte mir einfach weitergeholfen, eine engmaschige Betreuung zu haben, wie es ja auch im Vorhinein versprochen wurde."

Heike Müller, Leons Mutter, ist sauer und enttäuscht. Sie bereut, ihren Sohn dort hingeschickt zu haben: "Es war eine Riesenbelastung für uns alle und natürlich vor allem für unseren Sohn. Ich hab ihm damit absolut geschadet, statt ihm zu helfen."

Unsere Quellen:

  • Gespräche mit ehemaligen Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern und Eltern
  • Schulische Unterlagen und eigene Recherchen
  • Antworten Schulleiter Carpe Diem
  • Bezirksregierung Düsseldorf
  • Stadt Krefeld
  • Jugendämter aus der Region Düsseldorf