„Lauter Frauen im Bikini“: Tempelstadt in Laos hadert mit Urlauber-Ansturm

Als sich die Männer in den orangefarbenen Roben nähern, werden die sitzend wartenden Menschen am Straßenrand hektisch. Schnell schöpfen sie etwas Reis aus ihrem Topf. Dann schreiten die Mönche schon vorbei. Im ...

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„Lauter Frauen im Bikini“: Tempelstadt in Laos hadert mit Urlauber-Ansturm

Als sich die Männer in den orangefarbenen Roben nähern, werden die sitzend wartenden Menschen am Straßenrand hektisch. Schnell schöpfen sie etwas Reis aus ihrem Topf. Dann schreiten die Mönche schon vorbei. Im Dunkeln halten sie Schüsseln auf Hüfthöhe, damit die Sitzenden ihre Gaben überreichen können. Blickkontakt gibt es keinen, auch keine Worte. Hunderte Mönche gehen die Straße entlang, um noch von viel mehr Menschen Geschenke anzunehmen. Was ist hier los?

In Luang Prabang, einer 50.000-Einwohnerstadt im zentralen Norden von Laos, bietet sich dieses Bild jeden Morgen gegen halb sechs, vor Sonnenaufgang. Johnny, ein junger Touristenführer, flüstert stolz: „Diese Almosenzeremonie ist eine buddhistische Tradition! Vor vielleicht 1000 Jahren hat man das hier schon gemacht. Dabei geht es darum, zu geben, was man hat.“ In anderen Situationen im Leben werde ja oft verhandelt, verkauft. „Aber gegenüber Mönchen sollen wir nur geben.“

Um diese Tradition des guten Karmas – wer gibt, sät Samen für Glück in der Zukunft – weiterzugeben, hat Johnny in der Nacht Reis gekocht. Am Straßenrand postierte er Stühle für alle, die die Zeremonie erleben wollen. Der Blick durchs Morgengrauen zeigt: In dieser für ihre Tempel bekannten Stadt sind es vor allem Reisende aus dem Ausland, die Almosen reichen. Johnny, der für seine Vorkehrungen 15 US-Dollar berechnet, freut sich – nicht nur finanziell: „Es ist so toll, wenn die Leute hierfür nach Laos kommen!“

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Luang Prabang gilt als spirituelles Zentrum

Laos, ein weitgehend armes Land mit knapp sieben Millionen Menschen, ohne Küste oder besondere Reichtümer, ist international bisher für kaum etwas bekannt. Aber dieser alte Tempelort Luang Prabang rühmt sich mit einem Weltrekord: Nirgendwo sonst sollen pro Kopf so viele Mönche leben wie hier. Seit 1995 ist Luang Prabang – das schon lange ein spirituelles Zentrum der Region ist – Unesco-Weltkulturerbe. Und das befeuert zusehends den Tourismus.

4,5 Millionen Menschen reisten 2025 nach Laos – elf Prozent mehr als im Jahr zuvor. Luang Prabang gilt als die beliebteste Destination im Land. Hier mischen sich Tempel mit französischer Kolonialarchitektur, der Fluss Mekong schlängelt sich durch hügelige Landschaften. Eine Art alter Wallfahrtsort für Laoten. Wobei die Schönheit des Ortes traditionelle Bräuche wie die allmorgendliche Almosenzeremonie zu einem Bestseller macht.

Guide über Touristen: „Das sollte man nicht tun“

Als um halb sieben die Sonne aufgegangen ist, alle Mönche durch die Straßen gezogen sind, und die Gaben mit in die Klöster genommen haben, ist das Stadtzentrum unordentlich. Hier haben Touristen Abfälle zurückgelassen, da stehen Reisende mitten auf der Straße, um Fotos von sich oder Locals zu schießen. Johnny und andere Guides räumen hinterher. Einige Einheimische, die für die Almosenzeremonie selbstgekochten Reis an Mönche übergeben haben, schauen missmutig rüber. Gibt es hier ein Problem?

Ein Mann mit einer weißen Scherpe sitzt auf einem Stuhl und schaut in die Kamera.

Johnny ist einer der vielen Touristenguides in Luang Prabang. © Felix Lill | Felix Lill

Johnny, der am Tourismus verdient, weiß, dass es mal zu Reibungen kommt: „Klar, Touristen machen mal Fehler.“ Nicht alle hätten einen Guide, der alles erklärt. „Es gibt heute zu viele Touristen, als dass wir mit allen vorher sprechen können. Vor allem größere Gruppen beachten Regeln manchmal nicht.“ Einige nähmen Videos von den Mönchen auf und kommentierten gleichzeitig über Social Media. „Das sollte man nicht tun. Man soll sich ruhig verhalten und sich aufs Geben konzentrieren.“

Sich bei einer traditionellen Almosenzeremonie aufs Geben zu konzentrieren, mag naheliegen. Aber schon die Dienstleistung von Touristenguides wie Johnny erzeugt ein Spannungsfeld: Sie bietet ein Rundum-Sorglos-Paket, bei dem der Reis, den man den Mönchen in deren Schüsseln schöpft, bereits gekocht ist. Neben dem Stuhl steht eine Flasche Wasser bereit. Am Ende bauen die Guides alles wieder ab. Die Urlauber – anders, als es Einheimische hier seit Jahrhunderten tun – konsumieren das Geben.

Wichtiger Wirtschaftstreiber: Regierung investiert in Tourismus

Als der Morgen vergangen ist, und die Sonne Luang Prabang zu einem Hitzekessel werden lässt, tummeln sich überall im Ort Touristinnen. In knappen Hosen und Tops mit Spaghettiträgern spazieren sie über Tempelgelände, halten den Verkehr auf, posieren mitten auf der Straße für Fotos. Und es stellt sich die Frage: Verliert hier ein Ort, der für die Laoten etwas fast Heiliges hat, gerade seine Seele an den Massentourismus?

Die Vereinten Nationen listen Laos in der Kategorie der „am wenigsten entwickelten Länder“. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt bei rund 2000 Euro. Das ist knapp halb so viel wie der östliche Nachbar Vietnam, weniger als ein Drittel des Wertes in Thailand, an das Laos im Westen grenzt. 70 Prozent der Menschen arbeiten in der Landwirtschaft. Ansonsten werden Rohstoffe – wie Gold, Eisenerz und Kupfer – vor allem nach China exportiert.

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Aber dann wäre da noch der Tourismus mit all seinen Potenzialen, so Mike Dwyer. Er ist Professor für Geografie an der US-amerikanischen Indiana University und Experte für Laos. Schon vor Jahren habe man versucht, Laos als Ökotourismusdestination zu etablieren. „Teils ist das auch gelungen.“ Aber nicht überall wurden die gewünschten Gewinne erzielt. So werde aktuell mehr auf Rohstoffgewinnung gesetzt und eben die Art von Tourismus, die man in Luang Prabang sieht: „Die Regierung hat jedenfalls viele Ressourcen in den Tourismus investiert.“ Der Sektor dürfte weiterwachsen, und damit die Einkommen.

„Lauter Frauen im Bikini“: Einheimische entsetzt über Urlauber

Nur gefällt Touristinnen aus dem Inland oft nicht mehr, was sie sehen. Die 18-jährige Mary Soutacheng zum Beispiel, die in der Hauptstadt Vientiane studiert und zum ersten Mal nach Luang Prabang gereist ist, schildert in einem Café im Zentrum ihre Eindrücke mit ungläubiger Miene: „Ich mag diesen Ort, mit all den Tempeln, mit dem Fluss. Aber es ist mir zu voll.“ Und zu wild: „Mein Freund und ich haben eine Bootstour gemacht. Da sahen wir lauter Frauen im Bikini. Das gehört sich hier nicht!“

Wird sich das sakrosankte Luang Prabang, seit Jahrhunderten das spirituelle Zentrum von Laos, an solche Anblicke gewöhnen müssen? Jedenfalls wird an vielen Orten der Stadt gebaut, es entstehen neue Hotels. Aber nicht alle – auch nicht im Tourismussektor – wollen das hinnehmen.

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Einheimischer über Touristen: „Haben die Straßen erobert“

Zur Mittagszeit bietet Alex, ein 30-jähriger Ex-Mönch, eine Walkingtour durch einige Tempel der Stadt. Die Mönche müssten mittlerweile so ziemlich alles mitmachen, weil viele Touristen ja auch für sie hergekommen seien. „Als ich vor ein paar Jahren noch Mönch war, war es noch nicht so extrem“, sagt Alex und geht voran. „Es geriet noch nicht außer Kontrolle. Heutzutage ist ja sehr viel los, besonders hier oben an der Hauptstraße, wo die Touristen die Straßen erobert haben.“

Wie viele andere Mönche und Novizen stieß Alex einst als Jugendlicher zu einem Kloster, weil seine Familie ihn nicht weiter ernähren konnte. Im Tempel lernte er Englisch – ähnlich wie Johnny, der ebenfalls Jahre im Kloster lebte –, ehe er einen Tourismusjob begann, bei dem er Besuchern die Almosenzeremonie zeigt. Vor dem Hintergrund der neuen Möglichkeiten im Tourismus kommt unter den Teilnehmenden der Walkingtour die Frage auf, ob es bald an Mönchen mangeln könne. Schulterzucken. Wer wisse das schon?

„Ich glaube, die Magie ist verloren gegangen“

So oder so: In den Tourismus wird hier weiter investiert – und man baut gezielt auf das ausländische Interesse am Buddhismus. 20 Autominuten von der Altstadt entfernt hat im November ein Opernhaus eröffnet, finanziert durch Steuergelder. Seitdem läuft hier jeden Abend die „Buddha-Light-Show“. „Es geht um den Werdegang des Buddha, wie ein Mönch zum Buddha wird, stirbt, wiedergeboren wird“, erklärt Opern-Manager Long Somboun.

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Als das Spektakel zu Ende ist, bleibt ein älteres britisches Ehepaar noch auf seinen Sesseln sitzen. Robin und Margareth Cooter waren vor 20 Jahren in Luang Prabang. Heute, als Rentner, sind sie zurück – mit geteilten Eindrücken. Die „Buddha-Light-Show“ habe sie begeistert. Aber vor allem die auf der Bühne nachgestellte Almosenzeremonie habe Erinnerungen wachgerufen.

Die sei nicht mehr, was sie mal war: „Das ist so traurig!“ Sie hätten sich die Almosenzeremonien angesehen. „Die ganze Straße voller Stühle für Touristen. Als wir noch etwas weitergingen, sahen wir, wie die Einheimischen keine Stühle hatten, sondern die Mönche ehrfürchtig auf Knien erwarteten.“ Auch wegen der entstandenen Zwei-Klassengesellschaft – von Arm und Reich, Gläubigen und Konsumenten – ist Robin Cooter nicht sicher, ob er noch einmal nach Luang Prabang reisen möchte.

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„Ich glaube, die Magie ist verloren gegangen“, sagt Cooter und seufzt. Ein Ort voller Schönheit sei Luang Prabang noch immer. Aber, so meint der Brite hier verstanden zu haben, wachsender Wohlstand habe eben seinen Preis. Und manchmal müsse man den wohl mit einem Teil der eigenen Kultur bezahlen.