Schleuser-Ermittlungen gegen Landrat: Aufmerksame Mitarbeiterin auf politischen Druck versetzt?

Kurz vor der Kommunalwahl im Herbst 2025 soll Frank Rock (CDU), seit 2020 Landrat des Rhein-Erft-Kreises, im Kreistag Details zu den vier Mitarbeitern seiner Kreisverwaltung nennen, die im Luxusschleuser-Verfah...

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Schleuser-Ermittlungen gegen Landrat: Aufmerksame Mitarbeiterin auf politischen Druck versetzt?

Kurz vor der Kommunalwahl im Herbst 2025 soll Frank Rock (CDU), seit 2020 Landrat des Rhein-Erft-Kreises, im Kreistag Details zu den vier Mitarbeitern seiner Kreisverwaltung nennen, die im Luxusschleuser-Verfahren als Beschuldigte gelten. Was genau den Mitarbeitern vorgeworfen wird und ob sie trotzdem weiterhin ihren bisherigen Aufgaben nachgehen. Antworten bekommt die Opposition vor Ort allerdings nicht.

Er wolle, so Landrat Rock, "zum Schutz laufender Verfahren" keine Details nennen. Kurz danach wurde er von den Bürgerinnen und Bürgern im September 2025 wiedergewählt. 

Staatsanwaltschaft führt Landrat als Beschuldigten

Jetzt zeigen WDR-Recherchen, dass Rock selber zu den Beschuldigten zählt. Der Landrat steht gemeinsam mit drei weiteren, zum Teil hochrangigen Kreismitarbeitern, im Verdacht, Anfang 2022 zugunsten des hauptbeschuldigten Rechtsanwalts Claus B. in die Abläufe bei der Ausländerbehörde des Kreises eingegriffen zu haben. Dort hatte Claus B. zusammen mit seinen mutmaßlichen Komplizen wiederholt auf die Erteilung von Niederlassungserlaubnissen für seine reichen chinesischen Klienten gedrängt.   

Der Medienanwalt des Rhein-Erft-Kreises bestätigt auf WDR-Anfrage mehrere Treffen von Rock mit Claus B. zwischen 2019 und 2022, bestreitet aber dass der Landrat in einzelne Verfahren eingegriffen habe:

"Bei keinem der Gespräche oder Kontakte ging es um die Erteilung, Beschleunigung oder sonstige Einflussnahme auf konkrete Aufenthaltsgenehmigungen oder ausländerrechtliche Verfahren. Entsprechende Einflussnahmen hat es nicht gegeben." Anwalt Rhein-Erft-Kreis

Spenden an CDU im Rhein-Erft-Kreis

Was zusätzlich Fragen aufwirft: Der CDU Kreisverband erhielt zwischen August 2020 und Dezember 2023 mehrere Spenden aus dem Kreis der mutmaßlichen Schleuserbande: Insgesamt 12.500 Euro. Akten, die das WDR-Magazin Westpol einsehen konnte, zeigen außerdem, wie vertrauensvoll der Kontakt zwischen Landrat Rock und dem Rechtsanwalt Claus B. gewesen zu sein scheint. Claus B. selbst behauptet demnach in einer E-Mail an einen anderen Beschuldigten, Rock habe ihm nach seiner Wahl zum Landrat im Herbst 2020 zugesagt, die Niederlassung der Chinesen im Kreis zu unterstützen. Bei einem späteren Treffen zwischen Rock und B. soll es explizit "um die Chinesen" gegangen sein.

Zum Zeitpunkt der ersten Spende von 8.000 Euro war Rock Vorsitzender der CDU im Rhein-Erft-Kreis, Schatzmeister war ein anderer hochrangiger CDU-Politiker: Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Willi Zylajew.

Vermittlung durch ehemaligen Bundestagsabgeordneten

Doch wie kam der Kontakt zwischen Rock und Claus B. überhaupt zu Stande? Zu einem ersten Treffen soll es bereits Ende 2019 gekommen sein, als Rock noch gar nicht Landrat, sondern Landtagsabgeordneter in Düsseldorf war. 

Eingefädelt wurde das Treffen, so geht aus Ermittlungsakten hervor, offenbar von Zylajew. Nach seiner Zeit in Berlin war der Ex-Bundestagsabgeordnete weiter eine echte Größe im Rhein-Erft-Kreis und bis Sommer 2025 auch Fraktionschef der CDU im Kreistag. Laut den Akten wurde Zylajew Ende 2019 gezielt von Claus B. kontaktiert, mit der Bitte bei der Ausländerbehörde des Kreises Druck zu machen. Was Zylajew und Claus B. nicht wussten: Schon zu diesem Zeitpunkt, Ende 2019, liefen Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Schleuser. Später wurden die Telefongespräche von Claus B., darunter zahlreiche mit Zylajew, von der Polizei abgehört. 

Als die Ermittler das mutmaßliche Schleusernetzwerk im April 2024 auffliegen ließen, wurde deshalb auch der Bungalow von Zylajew in Hürth durchsucht und potentielle Beweisstücke wie Mobiltelefone, Computer, Kalender und Akten beschlagnahmt. Zylajew hat nach WDR-Recherchen inzwischen gegenüber den Ermittlern eingeräumt, sich ab Ende 2019 offensiv für Claus B. eingesetzt zu haben. Dass dessen Geschäftsmodell mutmaßlich illegal gewesen sei und die Aufenthaltsgenehmigungen der Chinesen mit Scheinwohnsitzen und Fantasieanstellungen erschlichen worden sein dürften, will er allerdings nicht gewusst haben. Über seinen Anwalt teilt Zylajew auf WDR-Anfrage mit: 

"Unser Mandant hatte keine Kenntnis von kriminellen Schleuser-Aktivitäten, die dem beschuldigten Rechtsanwalt vorgeworfen werden. Zu keinem Zeitpunkt hat er diesen in Erwartung einer Spende oder als Gegenleistung hierfür unterstützt." Anwalt von Willi Zylajew

Schleuser wollten kritische Mitarbeiterin loswerden

In den Telefonaten zwischen Zylajew und Claus B. ging es immer wieder um die Versetzung einer kritischen Mitarbeiterin in der Ausländerbehörde des Rhein-Erft-Kreises, die der mutmaßlichen Schleuserbande ab Ende 2019 Probleme machte. Die Frau hatte offenbar gemerkt, dass mehrere der Chinesen, die bereits im Rhein-Erft-Kreis angemeldet worden waren, sich gar nicht oder nur selten tatsächlich dort aufhielten. Als Wohnanschriften dienten zum Teil auch Bürogebäude, in denen es gar keine Wohnungen gegeben haben soll. Von ihr veranlasste Kontrollbesuche durch den Außendienst bestärkten sie in ihrem Verdacht. Die Mitarbeiterin nahm deshalb Kontakt mit der Polizei auf. Es folgte ein regelmäßiger Austausch mit den Ermittlern. Die Anträge der Chinesen wurden auf Eis gelegt.  

Zum Ärger des Hauptbeschuldigten: Er wollte die Frau offenbar aus dem Weg haben. Claus B. soll Zylajew laut Abhörprotokollen 2021 und 2022 mehrfach gebeten haben, in der Kreisverwaltung und beim Landrat dafür zu sorgen. B. erinnerte Zylajew dabei an die Unterstützung, die Landrat Rock ihm 2020 angeblich zugesagt habe. Im gleichen Jahr also, in dem auch die erste Spende von Claus B. an die Rhein-Erft-CDU floss: 8.000 Euro, für den Kommunalwahlkampf von Willi Zylajew. 

Mitarbeiterin wurde tatsächlich versetzt

Im September 2021 hatte CDU-Fraktionschef Zylajew dann endlich gute Nachrichten. Er berichtet am Telefon: Landrat Rock habe ihm am Wahlkampfstand zur Bundestagswahl 2021 mitgeteilt, dass die Frau bald in eine andere Abteilung versetzt werden solle. Im März 2022 bekam sie dann tatsächlich einen anderen, besser bezahlten Posten in der Kreisverwaltung. Gegenüber den Ermittlern gab die Frau später an, dass sie sich selbst beworben hätte und nicht den Eindruck habe, dass sie "weggelobt" worden sei.  

Die bis dahin eingefrorenen Niederlassungserlaubnisse werden im März 2022 schließlich doch erteilt. Der Medienanwalt des Rhein-Erft-Kreises begründet das auf WDR-Anfrage damit, dass Claus B. bezüglich der angezweifelten Wohnsitze vorgetragen habe, dass die Chinesen aus beruflichen Gründen länger abwesend sein. Den Inhabern einer sogenannten Blue Card sei es zudem ausdrücklich erlaubt, sich bis zu einem Jahr lang nicht an ihrem Wohnsitz in Deutschland aufzuhalten. Unter diesen Voraussetzungen sei es für den Kreis nahezu unmöglich gewesen, zu beweisen, dass es sich tatsächlich nur um Scheinwohnsitze gehandelt habe.

"Dankeschön"-Spenden an die CDU?

Nach der Versetzung der Mitarbeiterin war das mutmaßliche Schleusernetzwerk in Feier- und Spendierlaune. Im Sommer 2022 und Ende 2023 folgten zwei weitere Spenden an die CDU, eine von Claus B. selbst, eine von der BECO Real Estate GmbH, einer Firma aus dem mutmaßlichen Netzwerk.  

Die Vorsitzende der CDU im Rhein-Erft-Kreis, Romina Plonsker teilt auf WDR-Anfrage mit, ihre Partei sei entsetzt über die öffentlich bekannt gewordenen Vorwürfe der Schleuserkriminalität gegen verschiedene Verdächtige. Die Vorwürfe seien schwerwiegend und verlangten nach einer umfassenden Aufklärung. Man habe deshalb nach Bekanntwerden der Ermittlungen selbst die Staatanwaltschaft Düsseldorf informiert und zusätzlich eine Prüfung der Zahlungen durch eine Rechtsanwaltskanzlei durchführen lassen. Ein Interview dazu wollte Plonsker auf mehrfache Anfrage nicht geben.  

"Verletzungen des Parteiengesetzes durch die Spenden sind nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht erkennbar." CDU Rhein-Erft

Welche Rolle spielte der Bau einer Hochschule in Frechen?

Die Muttergesellschaft der BECO Real Estate und die damalige Rechtsanwaltskanzlei von Claus B. saßen im gleichen Bürogebäude an der Elisabethstraße in Frechen. Dort waren übrigens auch einige der angeblichen Wohnsitze der Chinesen. Und: Die BECO Gruppe war auch die Bauherrin für das Gebäude der Fachhochschule des Mittelstands. Die private Hochschule ist ein wichtiges akademisches Aushängeschild für die Kleinstadt vor den Toren Kölns.  

Der ehemalige CDU-Bürgermeister der Stadt wollte die Fachhochschule unbedingt nach Frechen holen, sein Parteifreund Frank Rock hat die fertige Hochschule mehrfach besucht. Dabei wurde er jeweils von Claus B. und einem Geschäftsführer der BECO begleitet.  

Rock lässt auf Anfrage über den Medienanwalt des Kreises ausrichten, dass alle seine Kontakte mit Claus B. im Zusammenhang mit der Fachhochschule gestanden hätten. Dabei sei es konkret um deren Studienangebote, die weitere Etablierung im Rhein-Erft-Kreis sowie "allgemeine Fragen der Fachkräftesicherung" gegangen. Die Besuche der Fachhochschule hätten dem Austausch über Kooperationsmöglichkeiten zwischen Hochschule, Unternehmen und Verwaltung, insbesondere im Zusammenhang mit dem Strukturwandel im Rheinischen Revier gedient.

Kreis kooperierte früh mit Ermittlern

Tatsächlich bleibt offen, ob es darüber hinaus konkrete Unterstützung von Landrat Rock für Claus B. gab. Der Rhein-Erft-Kreis verweist darauf, dass auch die Verwaltungsspitze über die Zusammenarbeit der Ausländerbehörde mit den Ermittlern informiert gewesen sei und diese unterstützt habe. Welche Personen genau darüber informiert waren und ob auch Landrat Rock dazu gehörte, beantwortet der Kreis auf konkrete Nachfrage allerdings nicht. 

Sicher ist: Da den Ermittlern bewusst war, wie gut Claus B. auch in anderen Kreisen und Städten in Politik und Verwaltung vernetzt war, liefen alle Maßnahmen verdeckt. Die kritische Mitarbeiterin der Ausländerbehörde im Rhein-Erft-Kreis soll von ihnen deshalb explizit daraufhin gewiesen worden sein, keine Informationen weiterzugeben.

Mutmaßliche Schleuserbande zog nach Düren weiter

Trotzdem führten die zwischenzeitlichen Probleme im Rhein-Erft-Kreis offenbar dazu, dass die mutmaßlichen Schleuser ihre Geschäfte verlagerten: In den Kreis Düren. Dort sollen mehr als 220 Ausländer illegal angesiedelt worden sein. Auch gegen den dortigen früheren Landrat Wolfgang Spelthahn (CDU) wird weiterhin ermittelt. Er wurde 2024 von der Bezirksregierung abgesetzt, weil er versucht haben soll, Einfluss auf die Ermittlungen zu nehmen.

Der Hauptbeschuldigte Claus B. lässt über seinen Anwalt ausrichten, dass er sich zum laufenden Verfahren nicht äußern möchte:

"Es liegt weder eine Anklage vor, noch sind Gerichtstermine anberaumt, auch sind die Ermittlungen nach hiesigem Kenntnisstand noch nicht abgeschlossen." Anwalt von Claus B.

Tatsächlich ermittelt die Staatsanwaltschaft auch zwei Jahre nach den Razzien gegen die mutmaßlichen Luxusschleuser weiter. Die Staatsanwaltschaft spricht von mehr als 500 Beschuldigten, zu denen auch mehrere hundert mutmaßlich illegal geschleuste Chinesen zählen. Anklage wurde bislang gegen niemanden erhoben. 

Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

Sendung: WDR.de, "Schleuser-Ermittlungen gegen weiteren CDU-Landrat", 12.07.2026, 18 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol 12.07.2026, 19:30 Uhr