Frankreich: Ärger über Paris-Urlauber wächst – „Führen sich auf wie zu Hause“

Es ist ja nicht so, dass das Pariser Volk prüde wäre. Trotzdem verdrehen einige die Augen, wenn die Touristen auf dem pittoresken Dalida-Platz die nackten Brüste der Bronzefigur in die Hand nehmen. Ein Fremdenf...

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Frankreich: Ärger über Paris-Urlauber wächst – „Führen sich auf wie zu Hause“

Es ist ja nicht so, dass das Pariser Volk prüde wäre. Trotzdem verdrehen einige die Augen, wenn die Touristen auf dem pittoresken Dalida-Platz die nackten Brüste der Bronzefigur in die Hand nehmen. Ein Fremdenführer hat ihnen über sein Mikrofon erklärt: Wer die mittlerweile hell polierten Teile der in Montmartre wohnhaft gewesenen Chanson-Legende Dalida berühre, gewinne an Lebensfreude. Zwei Chinesinnen schreiten kichernd zur Tat. „Das geht hier jeden Tag so“, sagt eine Anwohnerin mit ihrem Pudel. „Oft bildet sich vor der Skulptur eine Schlange. Das kann gefährlich werden, denn die Lautsprecher sind so laut, dass die Touristen den elektrischen Minibus für die Quartierbewohner gar nicht vorbeifahren hören.“

Montmartre ist nicht mehr der Hügel der Maler und Dichter, der Bohemiens und der Kommune-Rebellen. Heute ist das Viertel mit dem schönsten Panoramablick über Paris im Griff der Touristenmassen. In den Gässchen stauen sich die Fußgänger. Die kunsthistorisch banale Sacré-Cœur-Kirche zuoberst zählt jährlich elf Millionen Besucher, so viele wie der bisherige Spitzenreiter der Pariser Monumente, die historische Kathedrale Notre-Dame unten an der Seine.

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„Emily in Paris“: Netflix-Serie lockt Touristen ins „Maison Rose“

Den Hund zieht es weiter. Auf dem Weg über die Rue de l’Abreuvoir erzählt die Pariserin mit Sonnenhut, die zahllosen Touristenführer seien mehrheitlich „Free Guides“, eine Art Uber-Führer, die den Touristen bei den Metro-Ausgängen am Fuß der „Butte“, des Hügels, ihre Dienste anböten. Das sei illegal, aber auch die Chauffeure missachteten die Fahrverbote, weiß die Dame.

Beim Restaurant „Maison Rose“ angekommen, zeigt sie auf die Tischreihe auf dem Trottoir. „Dafür hat der Wirt auch keine Genehmigung. Aber er profitiert halt von der Touristenmasse.“ Das rosa Haus ist voller ausländischer Gäste. Warum? Weil das niedliche, typisch pariserische Café in der Netflix-Serie „Emily in Paris“ vorkommt. Das ist sogar dem gestressten Kellner Clément zu viel. „Wir lehnen Drehtermine im Lokal heute ab“, sagt er, bevor er zum nächsten Tisch eilt. „Das ändert nicht viel, die Touristen filmen sich ohnehin alle auf Instagram. Sie führen sich auf, als wären sie bei sich zu Hause.“

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Montmartre: Immer mehr Einwohner verlassen das überlaufene Viertel

Laut einem Weißbuch, das der Verein zur Verteidigung von Montmartre (ADDM18) kürzlich veröffentlicht hat, zählt das Quartier mit seinen 27.000 Einwohnern heute täglich 30.000 Besucher. „Und immer mehr Einwohner ziehen weg“, merkt Vereinspräsidentin Béatrice Dunner an.

Die seit Jahrzehnten auf Montmartre wohnhafte Übersetzerin führt uns zu ihrer Bäckerei „Pain Pain“ in der Rue des Martyrs. Die Touristen stehen folgsam Schlange. Einmal an der prächtigen Auslage angelangt, zücken aber nicht alle die Brieftasche, sondern ihr Telefon – zum bloßen Fotografieren der leckeren Patisserien. Im Nu sind sie auf Facebook. Dunner macht es anders: „Wenn ich abends meine Baguette hole, klopfe ich, wie mit der Gerantin vereinbart, an die Scheibe, und sie lässt mich durch die Seitentür rein, damit ich nicht eine halbe Stunde anstehen muss.“

Filmorte aus «Die fabelhafte Welt der Amélie»

Filme wie „Die fabelhafte Welt der Amélie“ haben Montmartre zu einem Touristen-Hotspot gemacht.© Sabine Glaubitz/dpa | Sabine Glaubitz

Wir gehen die Rue des Abbesses hoch zu einem hübschen Park. Er ist voller Touristen, die eine Mauer mit „Je t’aime“-Inschriften fotografieren – oder „instagramieren“, wie Dunner sarkastisch meint. „Bloß kommen die im Viertel wohnenden Mütter mit ihren Kinderwagen gar nicht mehr in den Park rein. Vor dem Lift zur Metro-Station Abbesses oder an der Standseilbahn warten wir Ortsansässigen manchmal ewig.“

Massentourismus verdrängt traditionelle Läden aus Montmartre

Wann der Tourismus auf Montmartre zum Übertourismus mutiert ist? Die Vereinspräsidentin antwortet, ohne zu zögern: 2001. Damals sei der Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ erschienen. Heute geselle sich „Emily in Paris“ dazu. „Die Folgen sind massiv“, sagt die Pariserin. Die Airbnb-Vermietungen hätten sprunghaft zugenommen, die Immobilienpreise seien auf 15.000 Euro pro Quadratmeter hochgeschnellt. Das können sich die Handwerker, Studenten und Arbeiter nicht mehr leisten. Sie ziehen in die Vorstadt; an ihre Stelle treten Anwälte, Ärzte, Banker.

Dunner betont, sie neige nicht zur Nostalgie. Aber sie erinnert sich: „Als ich meine Wohnung in den 1970er-Jahren kaufte, befand sich die Toilette noch auf dem Gang, und im Hof versorgte eine Fontäne die Leute ohne Wasseranschluss“, erzählt sie. „Bei mir um die Ecke gab es einen Coiffeur, eine Blumenhändlerin, eine Drogerie, ein Stickereigeschäft und einen Lampenschirm-Hersteller. Sie sind alle verschwunden.“ Dafür sind dort nun Boutiquen und Souvenirshops zu Hause, sagt Dunner. „Die Boulangerie gegenüber dem Bistro von Amélie Poulin hat sich in ‚Urban Bakery‘ umbenannt.“

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2024 gab es auf Montmartre einen symbolischen Wechsel: Der alteingesessene Pétanque-Verein Clap wich einem Luxushotel. Die rot-grüne Stadtregierung musste den Rauswurf abnicken. Der zuständige Vizestadtrat Frédéric Badina-Serpette beteuert, er wolle die Anwohner vor den Exzessen des Übertourismus schützen. Die illegalen Car-Parkplätze und Führungen per Lautsprecher würden unterbunden, verspricht er.

Parkverbote in Montmartre verschärfen Probleme für Anwohner

In der Rue Lepic, der Hauptader der „Butte“, hat er bereits Parkplätze aufgehoben und Fußgängerzonen eingeführt, um die Touristenströme zu kanalisieren. Béatrice Dunner schüttelt den Kopf: „In Wahrheit leiden die einfachen Anwohner unter den Park- und Fahrverboten. Sie können sich keine Privatgarage leisten und müssen in der Straße parken. Die Verkehrsberuhigung fördert den Exodus der Einwohner.“

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Und den Übertourismus, fügt Dunner an: „Sie werden sehen, in 20 Jahren ist Montmartre ein Museum!“ Dazu trägt auch der Bezirksbürgermeister bei. Er will Montmartre ins Kulturerbe der Unesco einschreiben. Vor einem Jahr fuhr die Tour de France für die letzte Etappe erstmals durch die steilen Gassen von Montmartre. Am 26. Juli kommt es zur zweiten Auflage. Damit wird das Radrennen auf der „Butte“ zweifellos zum Regelfall. Béatrice Dunner sagt, sie habe nichts gegen die Tour. „Aber natürlich wird das auf die Dauer weitere Besucherströme anziehen. Genau das, was wir nicht wollen.“