Patriot für die Ukraine: Erste Raketen könnten in Deutschland entstehen – Bericht
Die von US-Präsident Donald Trump zugesagte Patriot-Produktion für die Ukraine könnte zunächst nicht in der Ukraine, sondern in Deutschland oder einem anderen europäischen Land beginnen.Zwei mit den Gesprächen ...
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Die von US-Präsident Donald Trump zugesagte Patriot-Produktion für die Ukraine könnte zunächst nicht in der Ukraine, sondern in Deutschland oder einem anderen europäischen Land beginnen.
Zwei mit den Gesprächen vertraute Personen gehen nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters davon aus, dass neue Abfangraketen aus Sicherheitsgründen zunächst außerhalb der Ukraine hergestellt werden. Erst nach einem Ende des Krieges könnte die Produktion in die Ukraine verlagert werden.
Kriegsführung
Mit US-Lizenz: Trump will Ukraine eigene Patriot-Produktion erlauben
Patriot für die Ukraine: Produktion könnte nach Bayern kommen
Trump hatte dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am Mittwoch beim Nato-Gipfel in Ankara zugesagt, eine ukrainische Lizenzproduktion von Patriot-Raketen zu ermöglichen. Details sind allerdings noch offen. Der US-Präsident räumte ein, zuvor nicht mit den Herstellern Raytheon und Lockheed Martin gesprochen zu haben. Selenskyj sagte laut Reuters am Donnerstag, er wolle die Produktion „so schnell wie möglich“ in der Ukraine beginnen lassen.
Deutschland verfügt bereits über eine eigene Produktionskette für PAC-2-Abfangraketen. Der US-Hersteller Raytheon, dessen deutsche Tochter ihren Sitz im bayerischen Freising hat, hatte sich 2024 mit dem europäischen Rüstungskonzern MBDA darauf verständigt, sogenannte GEM-T-Raketen für das Patriot-System in Deutschland zu fertigen. Die ersten Lieferungen werden allerdings erst Anfang 2027 erwartet. Gespräche über eine deutsche Produktion der moderneren PAC-3-Raketen von Lockheed Martin führten bislang zu keinem Ergebnis.
Konkret dürfte sich eine mögliche Produktion also vor allem auf bestehende Standorte in Bayern stützen. In Schrobenhausen baut das Joint Venture COMLOG von Raytheon und MBDA bereits seine Fertigung für Patriot-GEM-T-Raketen aus. Im oberbayerischen Aschau am Inn erweitert die MBDA-Tochter Bayern-Chemie parallel die Produktion der Raketenmotoren.
Patriot-Produktion dürfte mindestens ein Jahr dauern
Selbst bei einer schnellen Einigung dürfte die neue Produktion der Ukraine kurzfristig kaum helfen. Der Aufbau einer Fertigung, die Suche nach Zulieferern und die Beschaffung knapper Bauteile brauchen Zeit.
„Ich wäre sehr überrascht, wenn das schneller als zwölf Monate geht“, sagte der Raketenexperte Fabian Hoffmann vom Norwegischen Institut für Verteidigungsstudien zu Reuters. Er rechne sogar mit einer „deutlich längeren“ Anlaufzeit.
Ein gefechtsbereites Flugabwehrraketensystem der Deutschen Bundeswehr vom Typ Patriot. Die Bundeswehr hat ihre Patriot-Systeme über Jahrzehnte aus den USA beschafft.
© Axel Heimken/dpa
Dabei ist die Lage für die Ukraine akut. Patriot ist derzeit das einzige System in ihrem Arsenal, das russische ballistische Raketen abfangen kann. Nach ukrainischen Angaben wurden in diesem Monat lediglich vier von 54 eingesetzten ballistischen Raketen zerstört. Selenskyj erwartet zwar in den kommenden Tagen eine weitere Lieferung von PAC-3-Abfangraketen aus den USA. Diese dürfte den chronischen Mangel jedoch nur vorübergehend lindern.
Die wenigen verfügbaren Raketen zwingen die Ukraine zu harten Entscheidungen: Großstädte, Kraftwerke, Rüstungsbetriebe und militärische Einrichtungen können nicht gleichzeitig geschützt werden. „Man kann nur einen sehr kleinen Teil der Ziele verteidigen, die man gern verteidigen würde“, sagte Hoffmann.
Iskander und Kinschal: Russlands Raketenproduktion übersteigt westliche Lieferungen
Das Missverhältnis ist enorm. Russland produziert nach Schätzungen von Experten jährlich mindestens 700 bis 800 ballistische Raketen der Typen Iskander und Kinschal. Um einen sicheren Abschuss zu erreichen, werden häufig drei Patriot-Abfangraketen gegen ein einziges anfliegendes Geschoss eingesetzt. Bei gleichbleibender russischer Produktion wären damit rechnerisch rund 2400 Abfangraketen pro Jahr nötig.
Davon ist die westliche Industrie weit entfernt. Lockheed Martin lieferte im vergangenen Jahr etwas mehr als 600 PAC-3-Raketen aus. Bis 2030 soll die Jahresproduktion auf etwa 2000 steigen. Eine zusätzliche Fabrik für die Ukraine könnte Hoffmann zufolge möglicherweise 200 bis 300 Raketen jährlich herstellen.
Eine russische Iskander-M-Rakete wird während einer Demonstration des Internationalen Militärtechnischen Forums ARMY-2016 im Patriot-Park der russischen Streitkräfte auf den Abschuss vorbereitet.
© Sergei Ilnitsky
„Selbst mit einer lizenzierten Produktionsanlage in der Ukraine wird es sehr, sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, diese Zahl zu erreichen“, sagte der Experte.
Hinzu kommt die technische Herausforderung. Abwehrsysteme gegen Raketen, die sich mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit bewegen, gehören zu den anspruchsvollsten Bereichen der Rüstungsproduktion. Der ukrainische Verteidigungsberater Serhij Beskrestnow warnte, es sei unklar, wie schnell Zulieferer die Fertigung knapper Komponenten ausweiten könnten.
Selenskyj sucht bereits nach einem Plan B
Die Ukraine setzt deshalb parallel auf europäische Alternativen. Selenskyj sprach selbst von der Notwendigkeit eines „Plans B“. Hoffnung richtet sich unter anderem auf das Projekt Freya des ukrainischen Unternehmens Fire Point. Europäische Partner sollen dafür Radartechnik, Datenverbindungen und Zielsuchsysteme liefern. Fire Point hofft, dass eine günstigere Alternative zu Patriot nach den Plänen noch vor Jahresende fertig werden könnte.
Experten warnen allerdings, dass das Vorhaben technisch riskant ist. Jack Watling vom britischen Forschungsinstitut RUSI bezeichnete Freya als ambitioniertes Projekt mit hohem Risiko, das im Erfolgsfall jedoch enorme Vorteile bringen könnte.
Als weitere Option gilt das europäische Luftverteidigungssystem SAMP/T NG, das vom Gemeinschaftsunternehmen Eurosam aus MBDA und dem französischen Konzern Thales entwickelt wird. Nach Einschätzung Watlings wären dafür vor allem technische Anpassungen und eine Kalibrierung des Radars nötig. Selenskyj hofft nach eigenen Angaben auf baldige Lieferungen aus Frankreich.
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