Ein Rocky in Rente: A$AP Rockys „Fashion Killa“

A$AP Rocky zählt in drei Minuten siebenundzwanzig Designermarken auf. Doch wer das als bloße Prahlerei abtut, hat nicht richtig zugehört. Sein Song „Fashion Killa“ war 2013 wegweisend für einen neuen Ästhetizismus im Rap.

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Ein Rocky in Rente: A$AP Rockys „Fashion Killa“

Reiche Ehefrau, drei Kinder, Teilzeitmodel: So muss das gute Leben eines Stay-at-Home-Dads wohl aussehen. Aber hatte es Anzeichen für all das gegeben? War es eine Überraschung, dass sich ausgerechnet A$AP Rocky mit Mitte 30 in den vorzeitigen Ruhestand verabschieden sollte? Dass der Weg der Verbürgerlichung auch vor ehemaligen Straßenrappern nicht haltmacht, ist nicht erst seit Jay-Z bekannt. Und klar, zu gleichen Teilen Fashionista wie Rapper zu sein, war schon immer A$APs Markenzeichen.

Dass zwischen seiner medial ausgeschlachteten Verhaftung in Schweden, Trumps Intervention und der Geburt seines ersten Kindes nur drei Jahre lagen, wird rückblickend vielleicht nur biographische Randnotiz bleiben. Und dennoch: Seit seiner Schlägerei in Schweden, seiner Verlobung mit Rihanna und der Geburt dreier Kinder hatte sich der Rapper zurückgezogen. Mehr Markendeals als Songs: Das war die persönliche Bilanz der letzten sieben Jahre bis zum neuen Album in diesem Jahr.

Das Who’s who der Modeindustrie wird durchprobiert

Wer in seiner Biographie nach Anzeichen für das bürgerliche Coming of Age im Schnelldurchlauf sucht, wird schnell auf ein Musikvideo aus dem Jahr 2013 stoßen. Ein Fahrstuhl öffnet sich, eine junge Frau mit Supreme-Trikot tritt in einen Hotelflur. Mit einem bewussten Kurzhaarschnitt wird erst auf den zweiten Blick deutlich, dass es sich hier um jene Rihanna handelt, die wenige Wochen zuvor ihren siebten Grammy gewonnen hatte. In puncto Popularität war die Beziehung mit A$AP Rocky schon damals ein unausgeglichenes Verhältnis. Doch im Video wirkt es wie eine Begegnung unter Gleichen. Auch Rocky trägt eine Snapback-Cap und ein Longsleeve mit fettem Supreme-Schriftzug. Vom Hotel aus geht es in eine Modeboutique; Arm in Arm wird das Who’s Who der amerikanischen Modeindustrie spielerisch anprobiert. Die passende videographische Begleitung für einen Song, bei dem man sich nicht ganz sicher sein kann, ob er als Hymne auf Rihanna oder auf A$AP selbst angestimmt wurde.

DSGVO Platzhalter

„Fashion Killa“ wäre schließlich für beide eine passende Beschreibung. Nicht ohne Grund endet der Refrain mit der Bemerkung: „’Cause she a fashion killer, and I’m a jiggy n**ga“. Fremdbeschreibung von Rihanna und Selbstbeschreibung von A$AP gehen hier fließend ineinander über. Wenn man heute von einem „Swag Gap“ spricht, um ein ausgeprägtes Stilungleichgewicht in einer Beziehung zu beschreiben, ist „Fashion Killa“ die Antithese all dessen.

Unübersetzbar: Was ist „Jigginess“?

Die Einladung an Rihanna, am Musikvideo teilzuhaben, war für Rocky eine naheliegende Entscheidung: „I respect her jigginess. I respect her fashion sense so that’s why I used her as a female.“ „Jigginess“ ist eines dieser Wörter aus dem A$AP-Vokabular, das sich nicht übersetzen lässt, aber sofort einleuchtend ist: als besondere Gabe, Stil nicht nur zu tragen, sondern ihn verkörpern zu können. Auch in den Lyrics wird ihre „Jigginess“ zelebriert: „Her attitude Rihanna / She get it from her mama / She jiggy like Madonna, but she trippy like Nirvana“, heißt es, während die Sängerin im zebragestreiften Kleid an Rockys Arm durch die Boutique flaniert. Eine frühe Liebeserklärung oder ein geschickter Flirt? So oder so: Im Musikvideo von 2013 reflektiert sich neben A$APs Zukunft an der Seite der milliardenschweren Popikone mit Haus und Kind auch seine rasante Karriere.

Sein steiler Aufstieg hängt eng damit zusammen, dass Rocky für eine gewisse Generation mit einem Geburtsdatum zwischen den späten Neunzigern und den frühen Nullerjahren, die sich dem amerikanischen Hip-Hop verschrieben hatte, bis heute einen ikonischen Status verkörpert. Schneller, besser, schöner – schon der Name „A$AP“, also „as soon as possible“, war Programm eines avantgardistischen Mannes, der all das Schöne der frühen 2010er-Jahre in Reinform verkörperte. Lange vor der Tiktok-Reizüberflutung hatte mit Tumblr und Pinterest der Ästhetizismus das Internet erreicht. Und der junge Rapper aus Harlem sollte neben Frank Ocean oder Tyler the Creator ein neues afroamerikanisches Selbstbewusstsein verkörpern, das im Windschatten der Obama-Präsidentschaft schwarzen Hip-Hop mit Humor und Stil endgültig im Mainstream verankerte.

Ein Roger Federer des Raps?

Der Neunzigerjahre-Gangster-Rap aus New York hatte sich nicht aufgelöst, er wurde in Lyrics weiter zelebriert, sublimierte sich aber in einem neuen Stilbewusstsein: ästhetische Musikvideos, „tumblreske“ Albumcover und besser produzierte Beats. Dass sein Debütalbum „Long.Live.A$AP“ 2013, mitsamt „Fashion Killa“ und anderen Songs, direkt auf Platz eins der Charts segelte, erschien nicht wie das Ergebnis harter Arbeit, sondern wie die logische Folge einer ästhetischen Übermacht. A$AP trug Snapback-Caps, bevor sie cool wurden, hatte mit zerrissenen Jeans schon wieder aufgehört, als sie plötzlich out waren, und machte Babushka-Schals durch seinen Song „Babushka Boi“ eigenständig wieder zum Modetrend.

Stil der Frühzeit: A$AP Rocky bei Rock am Ring 2013
Stil der Frühzeit: A$AP Rocky bei Rock am Ring 2013Picture Alliance / POP-EYE

Als „Roger Federer des Raps“ wurde Rocky zwinkernd gerne beschrieben. Ein passender Vergleich, denn wie bei Federers ikonischem „Tweener“ wirkte auch bei Rocky selbst das Prätentiöse noch prätentionslos. „Never met a mothaf*er fresh like me / All these mothaf*ers wanna dress like me“ – noch das größte Overstatement wirkte wie ein Understatement. Neben einem ausgeprägten Distinktionsverständnis zeichnete den Rapper eine besondere Kuratiergabe aus. Seit dem ersten Mixtape konnten langsame Stoner-Balladen („Demons“, „L$D“ oder „Kids Turned Out Fine“) neben gradlinigen Bangern („Praise the Lord“, „Goldie“, „Tony Tone“) und poppigen Hits („Peso“, „Everyday“, „Fukk Sleep“) problemlos koexistieren. Während „Fashion Killa“ nicht nur wegen Rihanna in die Kategorie poppiger Hits fällt, kommt dem Song eine besonders exponierte Rolle zu, weil hier die Leichtigkeit des frühen Rockys auf sein industrielles Ich in einer einzigartigen Synthese trifft.

Irgendwann wird es doch industriell

Wer nach den typischen Bausteinen eines A$AP-Klassikers sucht, wird in „Fashion Killa“ schnell fündig. Da hört man zunächst einen Refrain, der mit einem aufgefrischten Sample von The Dream begeistert: „Her pistol go bang-bang, boom-boom, pop-pop“ – das bleibt im Kopf und ist so leicht zu merken, dass es bereits bei der zweiten Wiederholung ein Ohrwurm ist. Im Vers geht es dann mit der klassischen Selbstbeweihräucherung los. Ein „Flex“ ist nicht nur die Frau an seiner Seite; „My bitch a fashion killer, she be busy poppin’ tags“, sondern auch die eigene Attitüde: „Rocking, rolling, swagging to the max“. Weil Distinktion bei A$AP eh immer auf der Tagesordnung steht, wird das Shoppingerlebnis zum lyrischen Programm: von Helmut-Lang-Jeans über Jil-Sander-Shirts bis zu Alexander-Wang-Schuhen. Siebenundzwanzig Marken in einem einzigen Song. Wenn Rocky zelebrierend singt „Mami in that Tom Ford / Papi in that Thom Browne“, könnte man annehmen, dass die Beziehung der Fashion Killa rein von dieser Oberflächlichkeit lebt.

Doch diese Mutmaßung würde die Rolle der Mode in A$APs Kunst verfehlen. Ästhetizismus als Selbstzweck könnte eine passende Beschreibung für das sein, was hier vonstattengeht. Virgil Abloh, der kurz darauf als Modeschöpfer Weltberühmtheit erlangen und 2021 viel zu früh sterben sollte, hatte das eingangs beschriebene Musikvideo gefilmt. Das passt. Auch der entspannte Flow – „laid back“ nennt man im Hip-Hop jenes Segeln über einen Beat – unterstreicht das. Für den Normalsterblichen unbezahlbare Designerstücke waren in dieser Hinsicht nur die letzte Konsequenz im musikalischen Gesamtpaket A$AP. Letztlich vermittelt der Song eine Lebenseinstellung, in der Mode nicht nur Dekoration ist, sondern Ausdruck seiner Sprache. Nonchalance könnte diese Haltung auf den Punkt bringen, wäre da nicht die konstante Überbetonung seines Stils und seiner Frauen. Doch unerzwungen cool wirkt selbst das. Fast als folgten sein Erfolg und das musikalische Zelebrieren seines Erfolgs einer positiven Rückkopplung. Je erfolgreicher Rocky, desto authentischer erscheint das konstante Overstatement als Understatement.

A$AP Rocky (mit Getränk), Rihanna und weitere Prominente bei einem Spiel der Fußball-WM 2026
A$AP Rocky (mit Getränk), Rihanna und weitere Prominente bei einem Spiel der Fußball-WM 2026Reuters

Als Endgegner der protestantischen Ethik müsste man den frühen A$AP beschreiben. Doch in „Fashion Killa“ wird zugleich deutlich, wie leicht seine Coolness in industrieller Verwertbarkeit untergehen kann. Wenn Modemarken die spielerisch verarbeitete Herkunft aus Harlem ersetzen, wenn hochwertig produzierte Musikvideos an die Stelle von lässigen Handyvideos treten, dann wird aus aller Nonchalance trotzdem irgendwann ein Produkt industrieller Musik. Eine gewisse Verwunderung hatte es über „Fashion Killa“ schon beim Release seines Albums gegeben. Es passte nicht zur allgemeinen Soundkulisse, zur „Street Credibility“ seiner restlichen Lyrics. Von einem „blatantly fawning song for the ladies“ hatte ein szenebekannter Musikkritiker von rapreviews.com gesprochen. Was einen Old-School-Hip-Hopper noch anwiderte, war als neue Synthese aus rapperischem Machogehabe und androgynem Stilbewusstsein – wenn Harlem auf Haute Couture trifft – zugleich der Grundstein für ein Erfolgsmodell, das Rocky in den nächsten Jahren perfektionierte.

Als Avantgarde gestartet, aber mittlerweile saturiert?

Die habituelle Lässigkeit aus dem New Yorker Ghetto funktionierte bis zum vorletzten Album auch in ihrer massenindustriellen Verarbeitung bestens. Doch schon vor einigen Jahren scheint seine musikalische Karriere ihren Zenit erreicht zu haben. Die Coolness ist geblieben; in Werbespots, auf dem Laufsteg oder auf dem roten Teppich an der Seite von Rihanna in beeindruckenden Outfits demonstriert, aber musikalisch folgte daraus immer weniger. Wie bei seiner Partnerin hatte man jüngst den Eindruck bekommen, dass Musik neben all den anderen Berufen keine Rolle mehr spielte. Das viel erwartete Comeback-Album aus diesem Frühjahr („Don’t Be Dumb“) ist nicht schlecht, beweist das altbekannte Distinktionsgefühl und überzeugt durch eine breite Palette an Songs. Aber richtig euphorisch wird man schon deshalb nicht, weil es in erster Linie zu einem nostalgischen Rückblick einlädt. Das mag das Schicksal jedes Künstlers sein, aber eine bittere Pille ist es für Rocky schon deshalb, weil er als Avantgarde gestartet war, in seiner Coolness aber mittlerweile saturiert erscheint.

Aber vielleicht liegt das nicht an A$AP, sondern an unserer Zeit. Auch seine avantgardistischen Zeitgenossen Tyler the Creator oder Frank Ocean können ihrem alten Ich nicht mehr standhalten. Mac Miller ist tot, Frank rappt schon lange nicht mehr, Tyler spielte zuletzt in „Marty Supreme“ an der Seite von Timothée Chalamet – vergessen sind sie nicht, aber die Playlists werden durch ihre alten Klassiker gefüllt. Als melancholische Musik funktionieren sie gut, weil ihre Songs für viele eine bessere Zeit verkörpern: die amerikanische Aufbruchsstimmung nach der Finanzkrise und die Romantik der frühen Techindustrie. Sie stehen für Plattformen wie Tumblr und Pinterest, wo sich ein authentischer Stil abseits der Algorithmen des heutigen Instagrams entdecken ließ. Für das frühe Youtube, das 2013 noch ein Hobby von Wenigen war. In gewisser Weise spiegelt sich in der Musik von A$AP und Tyler die Nostalgie einer Zeit, in der noch nicht alles für die Massen verarbeitet war. In der es noch jene Nischen gab, die heute keine Nischen mehr sind.

Die Methode A$AP hat sich heute überall etabliert: Jeder Rapper hat einen guten Stil, ästhetische Musikvideos und lässige Lyrics. Die Musikindustrie hat all das, was Rocky und seinesgleichen populär machten, in letzter Konsequenz zu Ende gedacht. Die Coolness ist mittlerweile allgegenwärtig, doch dabei ist etwas verloren gegangen: die Ungezwungenheit, von der sie einst lebte. In unserer Zeit, wo überall Performativität zu drohen scheint,  steht Coolness unter Generalverdacht. Auf Rockys letztem Album hat es ein Song geschafft, der mit den Worten „First you stole my flow, so I stole yo’ bitch“ beginnt. Was als Diss-Track gegen den kanadischen Rapper Drake gemeint ist, ließe sich auf die gesamte amerikanische Szene übertragen. Fast jeder industrielle Rapper muss heutzutage den großen Vorbildern um Rocky und Tyler folgen. Nur konsequent ist es also, dass seine Vorstellungen aus „Fashion Killa“ Realität wurden. Der Song war Visitenkarte für die Modeindustrie und seine zukünftige Ehefrau zugleich. Seite an Seite mit der Inkarnation der weiblichen Popindustrie: Manifestieren lohnt sich also auch als „Pretty Motherfucker“. Teilzeitmodeln, Freizeitmusizieren und weitere Kinder mit Rihanna bekommen: Man kann sich eine schlechtere Rente vorstellen.