Psychische Gesundheit von Kindern: Elternverband warnt vor Kürzungen zulasten von Familien - News4teachers
MÜNCHEN. Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat sich auch Jahre nach der Corona-Pandemie noch nicht erholt. Gleichzeitig geraten Familien durch Kürzungen und steigende Kosten zunehmend unter...
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MÜNCHEN. Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat sich auch Jahre nach der Corona-Pandemie noch nicht erholt. Gleichzeitig geraten Familien durch Kürzungen und steigende Kosten zunehmend unter Druck, während Fachverbände vor einer weiteren Schwächung der psychotherapeutischen Versorgung warnen. Der Bayerische Elternverband (BEV) sieht darin eine gefährliche Entwicklung – und fordert Bund und Freistaat Bayern auf, Kinder und ihre Entwicklungschancen endlich stärker in den Mittelpunkt der Politik zu stellen.

Der Bayerische Elternverband (BEV) warnt vor einer Politik, die Familien finanziell stärker belastet und gleichzeitig Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche schwächt. Angesichts anhaltend hoher psychischer Belastungen junger Menschen seien weitere Einschnitte bei Familienleistungen oder der psychotherapeutischen Versorgung nicht vertretbar. Psychische Gesundheit sei eine zentrale Voraussetzung für Bildung, Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe – und müsse deshalb auch bildungspolitisch deutlich höher gewichtet werden.
Aus Sicht des Verbandes verschärfen sich derzeit mehrere Entwicklungen gleichzeitig. Auf Bundesebene werden Kürzungen unter anderem beim Elterngeld, beim Unterhaltsvorschuss und beim Kinder-Sofortzuschlag diskutiert oder vorbereitet. In Bayern entfallen für Kinder ab dem Geburtsjahrgang 2025 das Familien- und Krippengeld. Gleichzeitig steigen vielerorts die Gebühren für Kindertageseinrichtungen, zudem wurde das Landespflegegeld in diesem Jahr halbiert. Besonders betroffen seien Familien mit geringem Einkommen, deren Kinder ohnehin häufiger psychisch belastet seien.
Der Verband verweist darauf, dass sich das psychische Wohlbefinden vieler Kinder und Jugendlicher seit der Corona-Pandemie bis heute nicht vollständig erholt habe. Nach verschiedenen Studien seien weiterhin etwa 20 bis 25 Prozent psychisch belastet oder auffällig. Besonders häufig träfen psychische Probleme Kinder aus armutsgefährdeten Familien sowie Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Hinzu kämen Belastungen durch Kriege, Klimawandel und Zukunftsängste.
„Kinder können psychische Belastungen nicht einfach wegorganisieren“, erklärt BEV-Landesvorsitzender Martin Löwe. „Wenn es ihnen nicht gut geht, betrifft das ihre gesamte Entwicklung – in der Schule, in der Familie, im Freundeskreis und weit darüber hinaus.“
Erschwert werde die Situation durch lange Wartezeiten auf psychotherapeutische Hilfe. Nach einer bundesweiten Befragung vergehen zwischen der ersten Anfrage und dem Beginn einer regulären Psychotherapie im Durchschnitt mehr als 28 Wochen. Bereits bis zu einem Erstgespräch müssten Betroffene häufig mehrere Monate warten. Gerade bei Kindern und Jugendlichen könne eine solche Verzögerung schwerwiegende Folgen haben, weil sich psychische Belastungen in einer entscheidenden Entwicklungsphase verfestigten und sich schulische Probleme verschärfen könnten.
„Kinder und Jugendliche dürfen nicht erst dann wahrgenommen werden, wenn sie nicht mehr funktionieren“
Vor diesem Hintergrund kritisiert der BEV aktuelle Eingriffe in die Finanzierung der Psychotherapie. Bereits beschlossene Honorarkürzungen sowie geplante Budgetierungen und der Wegfall einzelner Zuschläge könnten nach Einschätzung von Fachverbänden dazu führen, dass insbesondere für Kinder und Jugendliche weniger Behandlungskapazitäten zur Verfügung stünden und sich die Wartezeiten weiter verlängerten.
Der Verband fordert deshalb einen politischen Kurswechsel hin zu Prävention und früher Unterstützung. Schulpsychologische Angebote, Beratungsstellen und Hilfen für Familien müssten ausgebaut werden. Zudem brauche es mehr Therapieplätze und eine Bedarfsplanung, die sich am tatsächlichen Versorgungsbedarf orientiere.
Ein weiterer Schwerpunkt der Forderungen betrifft die Beteiligung junger Menschen. Kinder und Jugendliche sollten stärker in Entscheidungen einbezogen werden, die ihren Alltag betreffen. Wer erlebe, dass die eigene Meinung gehört werde und Veränderungen mitgestalten könne, entwickle Selbstwirksamkeit und Vertrauen – wichtige Schutzfaktoren für die psychische Gesundheit.
Der BEV verweist zudem auf die langfristigen gesellschaftlichen Folgen. Viele psychische Erkrankungen beginnen bereits im Kindes- und Jugendalter und wirkten bis ins Erwachsenenleben fort. Frühzeitige Unterstützung könne deshalb nicht nur Bildungs- und Entwicklungschancen verbessern, sondern auch spätere Gesundheits-, Sozial- und Folgekosten senken. Dass psychische Erkrankungen inzwischen auch im Erwerbsleben eine wachsende Rolle spielen, zeigten aktuelle Daten der DAK: Im ersten Halbjahr 2026 waren sie die häufigste Ursache für krankheitsbedingte Fehlzeiten unter den dort versicherten Beschäftigten.
Konkret fordert der Elternverband den Ausbau präventiver und niedrigschwelliger Hilfen, eine verlässliche Finanzierung der psychotherapeutischen Versorgung, mehr Beteiligungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche, den Verzicht auf weitere Kürzungen von Familienleistungen sowie den Erhalt individueller Unterstützungsangebote für Kinder mit besonderem Förderbedarf.
Mit Blick auf die Politik richtet Martin Löwe einen eindringlichen Appell an Bund und Freistaat Bayern: „Kinder und Jugendliche dürfen nicht erst dann wahrgenommen werden, wenn sie nicht mehr funktionieren. Das Kindeswohl muss Maßstab politischen Handelns sein. Dazu gehören starke Familien, frühe Unterstützung, echte Beteiligungsmöglichkeiten und eine verlässliche psychotherapeutische Versorgung. All das stärkt die Resilienz, das Wohlbefinden sowie die Bildungs- und Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen und wirkt sich langfristig auch gesellschaftlich und volkswirtschaftlich positiv aus. Wer heute bei der psychischen Gesundheit von Kindern spart, gefährdet ihre Entwicklungschancen von morgen.“ News4teachers
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