Psychologe über Spinnenphobie: „Betroffene müssen lernen, Angst auszuhalten“
Kaum ein Tier löst so viel Ekel und Abscheu aus wie die Spinne. Die sogenannte Arachnophobie gehört zu den Angststörungen und ist die weltweit am meisten verbreitete spezifische Phobie. Rund fünf Prozent der De...
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Kaum ein Tier löst so viel Ekel und Abscheu aus wie die Spinne. Die sogenannte Arachnophobie gehört zu den Angststörungen und ist die weltweit am meisten verbreitete spezifische Phobie. Rund fünf Prozent der Deutschen leiden darunter, ganze 30 Prozent verspüren zumindest ein starkes Unwohlsein in Anwesenheit der Achtbeiner.

Prof. Dr. Jan Richter vom Fachbereich Experimentelle Psychopathologie im Institut für Psychologie an der Universität Hildesheim forscht und therapiert seit Jahren im Bereich der spezifischen Phobien. Im Interview mit dieser Redaktion erklärt er, was die Wissenschaft zu Ursachen und Behandlungsmethoden sagt, warum die Therapie bei allen Phobieformen so schnell Erfolge zeigt und ob man sich auch einfach selbst therapieren kann.
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Spinnen-Therapie: In diesen Fällen zahlt die Krankenkasse
Wann ist es eine Phobie – und wann einfach nur Ekel?
Prof. Dr. Jan Richter: Eine Spinnenangst wird in dem Moment zu einer Phobie, in dem Betroffene merken: Ich leide stark darunter und will das so nicht mehr. Oder aber die Angst beeinträchtigt den Alltag spürbar. Nur wenn etwas tatsächlich Krankheitswert hat, darf es auch im Rahmen der gesetzlichen Krankenkassen behandelt werden. Meist geschieht das durch einen psychologischen Psychotherapeuten im Rahmen einer Expositionstherapie.
Wie ist der typische Ablauf einer Expositionsübung?
Ein schrittweises Annähern an den Reiz. Man geht so weit, wie die Person es gerade noch tolerieren kann, aber auch so, dass es bereits eine echte Herausforderung ist. Man beginnt beispielsweise mit Bildern oder Videos, bevor man sich an ein echtes Tier heranwagt. Die Betroffenen lernen dabei zuerst, die Angst überhaupt zu tolerieren und sie für eine gewisse Zeit auszuhalten. Wenn man nicht mehr gegen die Reaktion ankämpft, sinkt das Angstniveau häufig durch Gewöhnung.
Gleichzeitig wissen wir aus neueren Forschungen, dass es sehr wichtig ist, auch gedanklich zu arbeiten: Was, glaube ich, könnte im schlimmsten Fall passieren? Diese Annahmen müssen aktiv überprüft werden, damit Betroffene erleben: Das, was ich befürchtet habe, tritt gar nicht ein.
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Positive Effekte merkt man dabei ziemlich schnell, oder?
Absolut. Häufig machen wir einen intensiven Behandlungstag mit mehreren Stunden am Stück. Das reicht oft schon, um Vermeidung deutlich abzubauen. Danach bekommen die Patienten meist Übungen für zu Hause, und etwa eine Woche später folgt oft noch ein weiterer intensiver Termin. In vielen Fällen ist die Behandlung dann bereits mit sehr gutem Erfolg abgeschlossen. Die wenigsten wissen, wie schnell sie ihre Phobie in den Griff kriegen könnten, was sehr schade ist – vor allem für Menschen, deren Lebensqualität beeinträchtigt ist.
Angst: „Körper kann sie nicht ewig aufrechterhalten“
Interessant ist vor allem, wie der Körper mit Angst umgeht …
Ein sehr spannender Punkt. Der Körper aktiviert dabei ein uraltes Schutzprogramm: die Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Herzschlag, Schwitzen, Anspannung – all das dient dazu, auf eine akute Bedrohung zu reagieren. Das ist ein hochintensiver, aber kurzfristiger Zustand. Der Körper kann ihn gar nicht ewig aufrechterhalten, weil das energetisch nicht möglich wäre. Deshalb ist es auch so wichtig, die Angst auszuhalten, damit sie abebben kann.

Prof. Dr. Jan Richter arbeitet am Fachbereich Experimentelle Psychopathologie am Institut für Psychologie an der Universität Hildesheim.© Privat | Privat
Was weiß man heute zu den Auslösern von Spinnenphobie?
Wir wissen heute ziemlich gut, dass es eine biologische Preparedness gibt – also eine evolutionär verankerte Bereitschaft, auf bestimmte Reize besonders schnell und intensiv mit Angst zu reagieren. Für unsere Vorfahren waren Spinnen, Schlangen, große Höhen oder tiefes Wasser potenziell gefährlich. Deshalb haben sich im Laufe der Evolution bestimmte Reaktionsmuster verankert, die unser Überleben sichern sollten. Diese Mechanismen sitzen sehr tief im Gehirn und funktionieren gewissermaßen automatisch. Problematisch wird es, wenn dieser Modus bei manchen Menschen viel zu schnell anspringt, also auch in Situationen, die objektiv gar nicht gefährlich sind.
Noch wichtiger als diese biologische Grundlage sind aber Lernprozesse, vor allem das Modelllernen. Ein Kind sieht zum Beispiel, dass die Mutter panisch auf eine Spinne reagiert. Daraus lernt es: Wenn Mama Angst hat, muss diese Spinne gefährlich sein. Hinzu kommt semantisches oder instruktives Lernen: Wenn Kindern gesagt wird, Spinnen seien eklig oder gefährlich, verstärkt das die Bedrohungswahrnehmung zusätzlich.
Therapie von Phobien: Die Angst kann zurückkehren
Kann man sich auch selbst therapieren?
Ja, grundsätzlich schon. Es gibt auch inzwischen internetbasierte Programme und appgestützte Angebote. Sie sind bisher meist nicht ganz so wirksam wie eine echte Präsenztherapie, aber sie zeigen durchaus Effekte. Viele benötigen aber trotzdem zunächst Unterstützung, weil sie in einem klassischen Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt stecken: Ein Teil weiß, dass die Exposition helfen würde, der andere möchte sofort weglaufen.
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Kann die Angst denn wiederkommen, wenn man sie einmal überwunden hat?
Ja. Man kann sich das wie zwei konkurrierende Gedächtnisspuren vorstellen. Wenn jemand ausgeprägte Spinnenangst hat, gibt es ein Furchtgedächtnis: Darin ist gespeichert, dass Spinnen gefährlich sind. Immer wenn eine Spinne auftaucht, wird dieses System aktiviert und damit auch die Angst. In der Expositionstherapie entsteht eine neue Gedächtnisspur: ein Sicherheitsgedächtnis. Darin wird abgespeichert: Ich habe erlebt, dass die Spinne nicht gefährlich ist. Dadurch wird dieses ursprüngliche, meist viel ältere und stabilere Angstgedächtnis allerdings nicht gelöscht.
Wenn das Sicherheitsgedächtnis nicht mehr gut abrufbar ist, kann die alte Angst wieder dominanter werden. Genau deshalb ist es so wichtig, das Gelernte immer mal wieder aufzufrischen. Die gute Nachricht ist aber: Wenn die Angst wiederkommt, ist das Sicherheitsgedächtnis meist nicht verschwunden. Es muss nur wieder aktiviert und gestärkt werden. Dann reicht oft schon eine Auffrischung – man muss nicht wieder ganz von vorne anfangen.