Putins Schicksalswochen: Vor dieser Kriegsentscheidung steht der Kreml jetzt
Die kommenden Wochen könnten zu den wichtigsten Entscheidungen des Kremls seit Beginn des Krieges führen. Die ukrainische Armee hat ihre Angriffe auf Ziele tief im russischen Hinterland in den vergangenen Woche...
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Die kommenden Wochen könnten zu den wichtigsten Entscheidungen des Kremls seit Beginn des Krieges führen. Die ukrainische Armee hat ihre Angriffe auf Ziele tief im russischen Hinterland in den vergangenen Wochen massiv ausgeweitet, westliche Politiker sprechen seitdem von einem möglichen Wendepunkt im Ukraine-Krieg. Kremlchef Wladimir Putin steht währenddessen vor einer strategischen Weichenstellung: den Krieg wie bisher fortführen, drastisch eskalieren oder doch in Richtung eines Waffenstillstands gehen?
Zu diesem Schluss kommen mehrere ukrainische wie auch russische Analysen. In Kiew und Moskau verweist man darauf, dass der bisherige russische Kriegsansatz zunehmend infrage gestellt wird.
Wie geht Putin weiter vor?
Seit nun schon mehr als vier Jahren setzt Putin auf einen langen Abnutzungskrieg gegen die ukrainische Bevölkerung. Russland hoffte, dank seiner größeren personellen Ressourcen und der Kriegswirtschaft die Ukraine langfristig zu zermürben, ohne eine weitere große Mobilmachung ausrufen zu müssen.
Doch genau dieses Modell werde – auch im Umfeld des Roten Platzes – inzwischen immer häufiger infrage gestellt. Vor allem die anhaltenden ukrainischen Drohnenangriffe auf Raffinerien, Industrieanlagen und Logistikzentren könnten Russlands Wirtschaft erheblich belasten. Hinzu kämen sinkende Ölpreise und steigende Kosten für den Krieg.
US-Präsident Donald Trump erklärte auf dem Nato-Gipfel in der Türkei, die ukrainischen Angriffe auf russische Ölraffinerien seien „eine Eskalation, die helfen könnte, den Krieg zu beenden“. US-Außenminister Marco Rubio sagte, dadurch entstehe „jetzt Raum für Verhandlungen mit dem Ziel, den Krieg zu beenden“. Das britische Magazin Economist schrieb jüngst, bis zum Herbst müsse der Kreml entscheiden, „ob er eine Herbst-Winter-Offensive beginnt oder einen Waffenstillstand schließt“.
Öffentlich zeigt sich der russische Präsident davon allerdings unbeeindruckt. Auf dem Parteitag von Einiges Russland erklärte Putin, die Lage sei weiterhin unter Kontrolle. „Wir passen einige Pläne der speziellen Militäroperation an die aktuelle Situation an, aber alle strategischen Ziele werden erreicht werden“, sagte er laut der russischen Nachrichtenagentur Tass und mehreren russischen Staatsmedien.
Außerdem behauptete Putin, Russland könne auf dem Schlachtfeld nicht besiegt werden. Der Westen versuche lediglich, Russland „als weltpolitischen Faktor auszuschalten“. Mit Blick auf die für 2026 geplanten Duma-Wahlen kündigte der Kremlchef an, diese sollten wie vorgesehen stattfinden und vor „äußeren Manipulationsversuchen“ geschützt werden. Von einem grundsätzlichen Kurswechsel ist also in Putins Öffentlichkeitsarbeit bisher nichts zu spüren.
Drei Szenarien für den Kreml
Nach Einschätzung ukrainischer Medien steht Putin vor drei grundsätzlichen Optionen, sollte sich der militärische und wirtschaftliche Druck weiter erhöhen.
Erstens: Russland könnte den Krieg deutlich verschärfen, ohne die Strategie grundsätzlich zu ändern. Dazu würden eine neue Mobilmachung, weitere Einschränkungen für die Bevölkerung (beispielsweise weitere Benzinrationierungen, Internet-Ausschaltungen), stärkere Repressionen sowie eine noch konsequentere Ausrichtung der Wirtschaft auf den Krieg gehören.
Am Rande des Nato-Gipfels in Ankara kam es auch zu einem Treffen zwischen US-Präsident Trump und seinem ukrainischen Amtskollegen Selenskyj.
© Daniel Torok/imago
Zweitens: Der Kreml könnte den Krieg weiter militärisch eskalieren. In ukrainischen Analysen wird dabei auch die Möglichkeit einer nuklearen Drohung oder anderer massiver Eskalationsschritte genannt. Ob ein solcher Schritt tatsächlich in Moskau in Betracht gezogen wird, bleibt allerdings reine Spekulation.
Drittens: Putin könnte einem Waffenstillstand entlang der derzeitigen Frontlinie zustimmen. Gerade diese Möglichkeit hält die Führung in Kiew bislang jedoch für wenig wahrscheinlich.
Selenskyj drängt weiter auf direkte Gespräche
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erneuerte zuletzt sein Angebot zu direkten Verhandlungen mit Putin. „Putin muss sich für Diplomatie und einen normalen Frieden entscheiden“, sagte Selenskyj in einer abendlichen Videoansprache Anfang Juli. „Unser Angebot eines Treffens – das Angebot an Putin – zu einem direkten und ehrlichen Gespräch im Format Ukraine–Russland unter Beteiligung unserer Partner bleibt bestehen.“
Nach Einschätzung des amerikanischen Institute for the Study of War (ISW) gibt es bislang jedoch keinerlei Anzeichen dafür, dass der Kreml bereit ist, von seinen maximalen Kriegszielen abzurücken. Russland signalisiere zwar grundsätzlich Gesprächsbereitschaft mit der ukrainischen Seite, knüpfe mögliche Verhandlungen jedoch weiterhin an Bedingungen, die faktisch einer Kapitulation der Ukraine gleichkämen.
Allen voran in der Ukraine geht man deshalb davon aus, dass die kommenden Wochen entscheidend werden könnten. Sollte es Russland gelingen, die ukrainischen Angriffe auf Raffinerien und andere Infrastruktur deutlich einzudämmen, könnte der Kreml seinen bisherigen Abnutzungskrieg fortsetzen. Gelingt dies hingegen nicht, dürfte Putin vor einer für seine Vorstellungen schwierigen Entscheidung stehen.
Welche Option er letztlich wählen wird, lässt sich derzeit kaum seriös vorhersagen. Seine jüngsten öffentlichen Äußerungen sprechen zwar dafür, dass er vorerst an seinen strategischen Zielen festhalten will. Gleichzeitig könnte sich der Handlungsspielraum des Kremls verkleinern, falls sich wirtschaftlicher Druck, Probleme im Hinterland und militärische Belastungen weiter verschärfen.
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