„Radeln ohne Alter“: Saarbrücker Rikscha-Projekt bringt Saarbrücker Senioren neue Lebensfreude
Die Initiative „Radeln ohne Alter" bringt Saarbrücker Senioren per Rikscha raus in die Welt und sorgt damit für Teilhabe und neue Mobilität. Das Projekt, das es bisher in drei Seniorenheimen gibt, möchte wachsen und sucht weitere ehrenamtliche Fahrer und Fahrerinnen.
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„Radeln ohne Alter“ Saarbrücker Rikscha-Projekt bringt Saarbrücker Senioren neue Lebensfreude
Saarbrücken · Die Initiative „Radeln ohne Alter" bringt Saarbrücker Senioren per Rikscha raus in die Welt und sorgt damit für Teilhabe und neue Mobilität. Das Projekt, das es bisher in drei Seniorenheimen gibt, möchte wachsen und sucht weitere ehrenamtliche Fahrer und Fahrerinnen.
14.07.2026 , 07:03 Uhr
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Rikscha-Fahrt rund um den Burbacher Waldweiher
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Foto: Christine Funk
Schon eine halbe Stunde bevor es losgeht, sind Trudi Zimmer (89), Christa Bramer (93) und Gitta Mörsdorf (67) am Eingang des Willi-Graf-Seniorenheimes der Stiftung Langwied in Burbach. An ihren Rollatoren oder im Rollstuhl warten sie auf einen Höhepunkt der Woche: den Ausflug mit der Rikscha. An diesem Samstagmorgen geht es ins Grüne, an den nahe gelegenen Burbacher Waldweiher.
„Ich fahre fast immer mit, wenn es geht“, erzählt Trudi Zimmer. Sie hat sich chic gemacht, trägt eine fröhlich floral-bunte Hose, dazu ein strahlend grünes T-Shirt. Ein passendes, buntes Band schmückt ihren Sonnenhut. „Ich mag die Tour in den Wald, aber noch lieber fahre ich an der Saar entlang in die Stadt“, verrät die alte Dame. „Manchmal halten wir dann am St. Johanner Markt und essen ein Eis.“ Die Rikscha-Ausflüge, die die Initiative „Radeln ohne Alter“ derzeit in drei Seniorenheimen anbietet, haben der an den Rollstuhl gefesselten Saarbrückerin ein Stück Mobilität und Teilhabe zurückgegeben. Und Lebensfreude.
Auch Elisabeth Stork ist immer gerne dabei. An diesem Tag ist die 97-Jährige mit ihrem Rollator vor lauter Vorfreude eine Stunde zu früh am Abfahrtsort vor der Tür des Seniorenheimes. Es dauert ein bisschen, bis alle zusammen ihr lautstark klar gemacht haben, dass sie erst für die zweite Rikscha-Tour an diesem Morgen gebucht ist. „Ich bin taub wie eine Nuss“, antwortet sie mit einer guten Portion Selbstironie. Aber Lesen, das geht noch ganz gut. Im Ablagefach von Elisabeth Storks Rollator fährt eine druckfrische „Saarbrücker Zeitung“ mit.
In der Rikscha blühen die Seniorinnen auf. „Die Rikscha-Fahrten sind sehr beliebt und super als Deprivations-Prophylaxe“, schwärmt Christina Echternach vom Sozialen Dienst. Deprivations? Sie meint damit die „Reizarmut“ durch mangelnden Kontakt zur Außenwelt, die alten Menschen nicht guttut, sie oft traurig und depressiv werden lässt. In der Rikscha – den Fahrtwind um die Nase, den Sonnenschein auf dem Gesicht und jede Menge Eindrücke bei gemächlicher Fahrt durch Natur und Stadtviertel – erleben sie das alte, neue Gefühl von Freiheit. „Es tut Körper und Seele einfach gut“, sagt Trudi Zimmer und lacht. Wie viele andere Senioren ist auch sie nicht mehr mobil. In der Rikscha erobert die 89-Jährige sich nun ein Stück Welt zurück.
Dann geht es los. Manuel Hüther, einer der beiden ehrenamtlichen Fahrer heute und Koordinator von „Radeln im Alter“, hilft Trudi Zimmer vom Rollstuhl in die Rikscha. Die zweite Rikscha wird an diesem Tag von Franz Riedel gefahren, Guido Vogel-Latz fährt mit dem „Begleitfahrzeug“ (ein Einsitzer-Rikscha-Fahrrad) mit. Latz ist aktiv in der Bürgerinitiative „Mags – Malstatt gemeinsam stark“, die neben dem Fahrradclub (ADFC) Partner von „Radeln im Alter“ ist.
Unterwegs erzählt Manuel Hüther von dem Projekt, des es nun schon einige Jahre in Saarbrücken gibt. „Wir bieten das derzeit wöchentlich an drei Standorten an, außer am Willi-Graf-Haus in Burbach auch im Haus des Langwiedstiftes in der Saarbrücker Innenstadt und für Senioren der Dorea-Familie in der Großherzog-Friedrich-Straße“, erzählt der ausgebildete Sozialarbeiter, während er die Rikscha – mit Elektroantrieb – durch die Kleingartensiedlung am Burbacher Waldweiher steuert. Für die Initiative treten derzeit rund 15 Ehrenamtliche regelmäßig in die Pedale, man macht aber auch Ausflüge mit Menschen mit körperlichen Einschränkungen und mit Kindern. „Beim Sprachcamp in Malstatt, wo Kinder mit wenig Deutschkenntnissen im Sommer ihr Deutsch verbessern können, sind wir auch dabei.“ Projekte und Anfragen gibt es also viele. Und deshalb sind weitere Ehrenamtliche gesucht, die gerne Rad fahren, mit Menschen plaudern und einfach ein bisschen Zeit für eine gute Sache aufwenden wollen.
Die Rikscha rumpelt gemütlich über Waldwege, am Wasser vorbei. Hüther kennt fast jedes Schlagloch, er weiß, wo die Bordsteinkanten am niedrigsten sind und der Asphalt zu Kopfsteinpflaster wird. Behutsam steuert er die Rikscha über diese kleinen Hindernisse. „Gute Fahrt“, rufen Spaziergänger am Wegesrand und winken. „Habt ihr mal schönes Wetter“, finden die Angler am Weiher. „Man bekommt einfach viel zurück, wenn man mit diesen Rikschas unterwegs ist“, freut sich Manuel Hüther. „Selbst Autofahrer werden ganz entspannt im Straßenverkehr und lassen uns die Vorfahrt“, erzählt Guido Vogel-Latz. Tatsächlich ist eine solche Rikscha-Fahrt ein beglückendes Erlebnis. Und sehr kommunikativ.
Deshalb lässt Manuel Hüther die Gelegenheit nicht aus, für dieses Ehrenamt zu werben. Denn noch immer werden Rikscha-Piloten und -Pilotinnen gesucht. „Wir schulen alle Fahrerinnen und Fahrer und erst, wenn sie sich ganz sicher fühlen, fahren sie alleine“, sagt Hüther. Angst vor körperlicher Hochleistung müsse auch niemand haben, die modernen Rikschas haben Elektroantrieb, sodass man damit auch gut Steigungen bewältigen kann. „Für beide Seiten, für Fahrer und Fahrgäste, sind die Ausflüge eine Bereicherung.“ Nach einer knappen Stunde biegen wir wieder ein auf die baumbesäumte Seebohmstraße, es geht zurück zum Startpunkt. Vorm Pflegeheim wartet schon die nächste Gruppe. Winkend werden wir empfangen. Trudi Zimmer steigt mit viel Hilfe aus der Rikscha zurück in ihren Rollstuhl. „Es war wieder so schön“, sagt sie und lächelt zufrieden. Nächste Woche will sie auf jeden Fall wieder mitfahren. (jos)
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