Ramblin' Jack Elliott: Imitieren, um als Original zu überleben
StartseiteKulturMusikStand: 31.07.2026, 13:42 UhrKommentareUns auf Google folgenJack Elliott (l.) mit seiner Frau June und Pete Seeger. © Imago ImagesRamblin’ Jack Elliott, ein Pionier des US-Folk-Revivals der ...
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Stand: 31.07.2026, 13:42 Uhr
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Ramblin’ Jack Elliott, ein Pionier des US-Folk-Revivals der frühen 1960er Jahre, wird 95.
Als Ramblin’ Jack Elliott mit Cowboy-Hut und Nickelbrille die Szene betrat, waren die umherziehenden Abenteurer des Schienenstrangs längst sesshaft geworden. Aber es gab die Bücher Jack Kerouacs und die Lieder Woody Guthries, die von Hobos erzählten und dem unbändigen Drang, einfach weiterzuziehen.

Dabei war das Cowboy-Outfit mehr als eine Pose. Der 1931 in Brooklyn geborene Elliott Charles Adnopoz trug es, seit der gut behütete Sohn eines Chirurgen mit 15 von zu Hause abgehauen war und sich vorübergehend einem professionellen Rodeo angeschlossen hatte. Und so kam es, dass er als Ramblin’ Jack Elliott später ein bisschen sich selbst nachahmte und im New Yorker Großstadtdschungel das Klischee des streunenden Sängers abgab.
Sein Liedgut aber war echt, bevorzugt griff er auf die Songs seines Freundes Woody Guthrie zurück, der schwer an der Nervenkrankheit Chorea Huntington litt und weder Konzerthallen noch kleine Clubs bespielen konnte. Dem Ruhm seiner Lieder tat das keinen Abbruch, und Ramblin’ Jack Elliott war deren eifrigster Botschafter. Bei seinen Auftritten verstand er sich als Werkbeauftragter Guthries, der über seinen Freund mit Hut gesagt haben soll, er klinge sehr viel mehr nach Guthrie als er selbst. Spätestens von da an lief das Legendenhafte Ramblin‘ Jack beharrlich hinterher.
Munter sabbelnder Sänger
Das lag wohl auch an seinem überbordenden Charme. Wenige Monate nach dem Unfalltod des Schauspielers James Dean heiratete er dessen Freundin June und ging mit ihr nach England. Keith Richards, John Lennon und Co. werden später sagen, nicht zuletzt von Ramblin‘ Jack Elliott beeinflusst worden zu sein. Die in der britischen Musikszene zirkulierenden Vibes brachte Elliott zurück nach New York, wo er, in seiner Rolle als Folkie deutlich gefestigt, im Greenwich Village zur umtriebigen Szene-Berühmtheit wurde. Woody Guthries Sohn Arlo gestand, die meisten Lieder seines Vaters erst durch Jack Elliott kennengelernt zu haben.
Nicht ohne Rührung stößt man heute im Internet auf Videos, in denen der längst ergraute Arlo Guthrie und sein väterlicher Freund ein paar dieser Lieder singen und spielen, oft unterbrochen von Elliotts langatmigen Moderationen, in denen die Pointen nicht aufhören wollen, einen Ausgang zu suchen. Der Witz bestand schon in den frühen 1960er Jahren darin, dass sich der Beiname Ramblin‘ weniger auf den Ruf eines Umherziehenden bezog, sondern auf die ziellos-mäandernden Liedankündigungen des munter sabbelnden Sängers.
Er zögerte keine Sekunde
Einen starken Eindruck hat Ramblin’ Jack Elliott auf den jungen Bob Dylan gemacht, die beiden hatten sich am Krankenbett von Guthrie im Greystone Hospital in New Jersey kennengelernt. Für einige Monate schien es, als würde Dylan den Guthrie-Interpreten Elliott und nicht zuletzt auch dessen Posen kopieren, was dieser ihm jedoch nie übel nahm.
Zum Selbstverständnis des in den frühen 1960er Jahren blühenden Folk-Revivals gehörte es, das Liedgut zu pflegen und weiterzugeben. Nichts anderes als Ahnenpflege betrieb Ramblin’ Jack Elliott mit den Liedern Woody Guthries. Und Dylan? Binnen weniger Wochen hatte der ein paar Dutzend eigene Songs geschrieben, so dass es sich für ihn bald erübrigte, als Epigone Elliotts weiterzumachen. Der in Richtung Ruhm abbiegende Dylan ließ mit dem Greenwich Village auch Ramblin’ Jack hinter sich, der eine eher durchwachsene Karriere fortsetzte, aber nie ganz verschwand. Wenn ihm die Musik nicht dazwischengekommen wäre, bilanzierte er halb scherzend einmal sein Leben, hätte er ein gutes Auskommen als Truckdriver oder Lagerarbeiter haben können. Tatsächlich verdiente er sein Geld zwischenzeitlich mit der Restaurierung in die Jahre gekommener Segelschiffe, was eine hübsche Metapher für Elliotts Künstlerkarriere abgibt. Er zögerte denn auch keine Sekunde, als Bob Dylan ihn 1975 dazu einlud, an der Rolling Thunder Revue teilzunehmen, einem wild-skurrilen Tournee-Zirkus, aus dem der Film „Renaldo & Clara“ hervorging, in dem Elliott die Rolle des geheimnisvollen Hutträgers Longheno de Castro übernahm. Die Rolle des Troubadours mit Geschichte spielte er ebenso glamourös wie unprätentiös. Als der deutsche Liedermacher Hannes Wader ihn zur zweiten Ausgabe seiner Folk-Friend-Sessions in eine Mühle bei Husum einlud, spielte Elliott, nerdig in sich zusammengekauert, mit hiesigen Folkgrößen wie Werner Lämmerhirt, Lydie Auvray und Danny Thompson.
Die Bühne, auf der vieles begann, erklomm er noch einmal 2013. Für die Besucherinnen und Besucher des Folk-Festivals von Newport war Elliotts Gegenwart das Naheliegendste ihrer Vorstellungswelt. War er jemals fort gewesen? Mit weit über 90 lässt er es sich noch immer nicht nehmen, seine Gitarre zu traktieren und in einigen Klubs aufzuschlagen. Seine ins Unendliche tendierende Karriere setzt er womöglich auch deshalb fort, weil ihm die Suche nach neuen und besseren Pointen noch nicht abgeschlossen scheint. Und die dazu passenden Akkorde ergeben sich für Ramblin’ Jack Elliott, der heute 95 Jahre alt wird, ganz von selbst.