Rente mit 63 vor dem Aus? Handwerk warnt vor drastischen Folgen

Die Bundesregierung will das Rentensystem mit einer umfassenden Reform langfristig sichern. Dazu sollen Menschen unter anderem länger arbeiten. Doch gerade in körperlich anstrengenden Berufen wie dem Dachdeckerhandwerk stößt das auf Zweifel. Ein Familienbetrieb in Wernigerode zeigt, wo die Rentenkommission in der Praxis an Grenzen geraten könnten – und warum davon nicht nur Beschäftigte, sondern auch viele Betriebe in Sachsen-Anhalt betroffen sind.

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Rente mit 63 vor dem Aus? Handwerk warnt vor drastischen Folgen

Rentenreform

Mehr arbeiten, länger leiden? Kritik aus dem Handwerk an neuen Rentenplänen

Stand: 17.07.2026 07:10 Uhr

Die Bundesregierung will das Rentensystem mit einer umfassenden Reform langfristig sichern. Dazu sollen Menschen unter anderem länger arbeiten. Doch gerade in körperlich anstrengenden Berufen wie dem Dachdeckerhandwerk stößt das auf Zweifel. Ein Familienbetrieb in Wernigerode zeigt, wo die Rentenkommission in der Praxis an Grenzen geraten könnten – und warum davon nicht nur Beschäftigte, sondern auch viele Betriebe in Sachsen-Anhalt betroffen sind.

von Laura Sinem Hönes, MDR SACHSEN-ANHALT

Der erste Griff am Morgen fällt schwer. Hände, Schultern, Rücken – nach mehr als drei Jahrzehnten auf dem Dach macht sich die körperliche Arbeit bemerkbar. Für Thomas Fischer gehört das inzwischen zum Alltag. Der 61-Jährige arbeitet als Dachdecker im Familienbetrieb seines Bruders in Wernigerode. Zuvor war er zehn Jahre Koch, bevor er Anfang der 1990er-Jahre umschulte. "Arme, Hände, kann kaum noch greifen. Schultern – naja, alles tut weh", sagt er.

Ein Mann mit Strohhut trägt ein Dachteil.

Thomas Fischer spürt täglich die Folgen seines langen Berufslebens.

Noch sechs Jahre trennen ihn vom regulären Renteneintritt. Gleichzeitig hätte er dann auch seine 45 Versichertenjahre erfüllt – bisher eine Voraussetzung, um ohne Abschläge auch mit 63 in Rente gehen zu können. Genau diese Möglichkeit soll nach den Empfehlungen der Rentenkommission künftig entfallen.

Arme, Hände, kann kaum noch greifen. Schultern – naja, alles tut weh. Thomas Fischer

Rentensystem soll langfristig stabil bleiben

Die Reform ist Teil eines deutlich größeren Umbaus der gesetzlichen Rente. Hintergrund ist der demografische Wandel: Immer weniger Beitragszahler müssen künftig immer mehr Rentner finanzieren. Die Rentenkommission schlägt deshalb unter anderem vor, das gesetzliche Renteneintrittsalter langfristig über 67 Jahre hinaus an die steigende Lebenserwartung der Menschen anzupassen.

Außerdem soll eine Kapitalrente eingeführt werden. Ein Teil der Beiträge würde künftig am Kapitalmarkt angelegt, um die gesetzliche Rente langfristig zu stabilisieren. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) haben bereits angekündigt, die Vorschläge grundsätzlich umsetzen zu wollen.

Meinung Rente

Liebe zum Job trotz Schmerzen

Im Dachdeckerbetrieb Fischer beschäftigt das Thema gleich mehrere Mitarbeiter. Sieben Menschen arbeiten dort – vier von ihnen sind inzwischen um die 60 Jahre alt. Auch Dachdecker Thorsten Hahn kann sich nur schwer vorstellen, deutlich länger auf dem Dach zu stehen. Seit über 40 Jahren arbeitet er in diesem Beruf.

"Morgens aus dem Bett aufstehen. Die Knochen bleiben liegen, aber das Fleisch will", beschreibt er seinen Alltag. Rückenprobleme, Bandscheibenbeschwerden und Arthrose gehören inzwischen dazu. Trotzdem sagt er: "Ich liebe meinen Job!"

Eine Gruppe von Handwerkern steht vor einer Baustelle

Vier Mitarbeiter der Firma sind 60 oder älter.

Zwischen Fachkräftemangel und körperlichen Grenzen

Genau hier zeigt sich der Zielkonflikt der Reform. Einerseits sollen längere Lebensarbeitszeiten helfen, das Rentensystem finanzierbar zu halten. Gleichzeitig bleiben erfahrene Beschäftigte länger im Beruf – ein möglicher Vorteil in Zeiten des Fachkräftemangels.

Doch Geschäftsführer Guido Fischer sieht Grenzen. "Die können logischerweise nicht mehr alles machen. Man muss gucken, wo man sie einsetzt", sagt er. Zwar erleichterten Kräne oder andere technische Hilfsmittel die Arbeit. "Es bleibt aber immer noch sehr viel körperliche Arbeit."

EIne Krette aus Zahrädern ist unterbrochen, weil ein Rad herausgebrochen wurde

Handwerk ohne Nachwuchs: Die eigentliche Herausforderung

Für den Familienbetrieb ist die Zukunft trotzdem gesichert. Sohn Marcel hat sich nach einem begonnenen Studium doch für das Dachdeckerhandwerk entschieden und soll den Betrieb eines Tages übernehmen. Eine Selbstverständlichkeit sei das allerdings nicht gewesen. Denn Nachwuchs zu finden, werde immer schwieriger, sagt der junge Dachdeckermeister.

Gerade im Handwerk fehlten Auszubildende. Daran werde auch eine längere Lebensarbeitszeit wenig ändern. Guido Fischer bringt es noch deutlicher auf den Punkt: "Rente mit 63 ist eigentlich schon zu lang – eigentlich mit 60. Aber nicht Rente mit 70 für einen Dachdecker. Das geht nicht."

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Sachsen-Anhalt besonders betroffen

Die Diskussion dürfte in Sachsen-Anhalt besonders aufmerksam verfolgt werden. Das Bundesland hat die älteste Bevölkerung Deutschlands. Gleichzeitig arbeiten allein im Dachdeckerhandwerk rund 3.100 Menschen in mehr als 500 Betrieben. Hinzu kommen viele weitere körperlich belastende Berufe – etwa im Straßen-, Tief- oder Gerüstbau.

Eine aktuelle Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes zeigt außerdem: Mehr als jeder dritte Beschäftigte in Deutschland glaubt, nicht bis zur Rente durchhalten zu können. Besonders häufig gilt das für Beschäftigte im Bau, Handwerk und in der Pflege.

Video: Debatte um Rentenpläne der Bundesregierung (3 Min)

Wie lange hält der Körper durch?

Bis aus den Empfehlungen der Rentenkommission tatsächlich Gesetze werden, dürfte es noch einige Monate bis nach der Sommerpause dauern. Doch die Debatte hat längst begonnen – und auf den Dächern von Wernigerode stellt man sich schon heute dieselbe Frage wie in vielen körperlich belastenden Berufen: Wie lange macht der Körper noch mit?

MDR (Laura Sinem Hönes, Oliver Leiste)