Jonathan Franzens Roman "Die Korrekturen"
Vor 25 Jahren erschien Jonathan Franzens Roman „Die Korrekturen“. Ein Welterfolg bei Lesern und Kritikern. Er schildert die Neunzigerjahre und ist ungebrochen aktuell – die 46. Folge unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“.
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„Haben Sie eine Sekunde Zeit?“, fragt Doug, ein Bekannter, den gescheiterten Unidozenten Chip: „Stellen Sie sich vor, jemand bietet Ihnen eine neue Persönlichkeit an. Würden Sie die annehmen?“
Chip hätte womöglich Grund, über ein solches Angebot nachzudenken, besonders in dem Augenblick, in dem Doug ihm seine Frage stellt. Er steht an der Kasse eines sündhaft teuren Feinschmeckerladens, und weil er das Lachsfilet, das er sich gerade an der Fischtheke hat einpacken lassen, gar nicht bezahlen kann, hat er sich das kalte, nasse Paket in den Hosenbund geschoben, um es hinauszuschmuggeln. Jede Bewegung erinnert ihn daher an seine verkrachte Existenz, an den Weg, den er als aufstrebender, betont antikapitalistischer Literaturwissenschaftler begonnen hatte und der ihn nun, nach diversen persönlichen Katastrophen, nur noch wünschen lässt, irgendwie würdevoll im System zu bestehen. Wäre es nicht erstrebenswert, Entscheidungen im Verlauf dieses Wegs nachträglich zu ändern, für ein besseres Ergebnis?
Souveräner Stil und überlegene Komposition
Vor 25 Jahren, im September 2001, erschien Jonathan Franzens dritter Roman „Die Korrekturen“, im selben Moment also, in dem die islamistischen Anschläge in Manhattan, Washington und Pennsylvania unwiderruflich klarmachten, dass die Welt in einer Krise steckt, aus der sie seither nicht mehr herausgekommen ist. Das Buch schildert die Jahre vor der Zeitenwende am Beispiel einer Familie aus dem Mittleren Westen: Der Patriarch Alfred ist an Demenz erkrankt, seine Frau Edna sorgt sich um ihn und den Zusammenhalt der Familie, die Kinder Gary, Chip und Denise leben an der Ostküste und haben jeweils ihr eigenes Päckchen zu tragen.

Franzens Roman hat sich millionenfach verkauft und fehlt auf keiner Bestenliste der Literatur der vergangenen Dekaden. Das liegt an seinem souveränen Stil, am nur ganz selten grimmigen Witz der Erzählweise, an der überlegenen Komposition, die kapitelweise von den einzelnen Familienmitgliedern berichtet und doch immer von allen fünf bis hin zum furiosen Schluss einer hochaufgeladenen Feier, bei der allzu viel schiefgeht.
Aber der Erfolg rührt, gerade aus dem Abstand eines Vierteljahrhunderts gelesen, auch von dem stupenden Gespür Franzens für diejenigen Erscheinungen her, die in den Neunzigerjahren auf unsere Gegenwart vorausdeuteten, vom Raubtierkapitalismus der Investmentfonds über den aufkommenden Internetbetrug bis hin zum Optimierungswahn, der auf uns selbst zielt.
Franzen schildert eine aufgeregte Zeit, in der sich das Netz, das jeden Einzelnen auffangen sollte, als brüchig erweist, materiell wie emotional. Und er lässt aufscheinen, dass es daneben doch etwas anderes gibt, das dabei hilft, den Dauerkrieg mit den anderen und mit sich selbst wenigstens in einen Waffenstillstand zu überführen. Der Alkohol, der hier in Strömen fließt, ist es jedenfalls nicht.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.