Scheinhinrichtungen im SA-Keller: Ein Erpressungsversuch läuft aus dem Ruder

Von Ulli Kulke, Freier Mitarbeiter14.07.2026, 13:37 UhrBevorzuge uns auf GoogleEin brutales Verbrechen aus dem Jahr 1934: SA-Mitglieder entführen den jüdischen Fabrikanten Otto Schlesinger nahe Chemnitz und ver...

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Scheinhinrichtungen im SA-Keller: Ein Erpressungsversuch läuft aus dem Ruder
Von Ulli Kulke, Freier Mitarbeiter14.07.2026, 13:37 Uhr

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Ein brutales Verbrechen aus dem Jahr 1934: SA-Mitglieder entführen den jüdischen Fabrikanten Otto Schlesinger nahe Chemnitz und verschleppen ihn nach Berlin, um ihn dort grausam zu foltern. Das Unfassbare: Die Täter kamen am Ende fast ungeschoren davon. Die neue Folge unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“ beleuchtet die erschütternden Hintergründe.

Die Geschäfte in Charlottenburg schlossen um 18.30 Uhr. Und wer an jenem Dienstag, 6. Februar 1934, kurz danach in der Nähe des Zoos auf dem Heimweg war, wähnte sich womöglich in einem turbulenten Kriminalfilm: Zwei schwere Limousinen jagten mit quietschenden Reifen mehrmals um die Gedächtniskirche, dann über die Hardenbergstraße, Kantstraße, Savignyplatz, Carmerstraße. Immer wieder gab der Fahrer des Horch Vollgas, doch den Maybach, eine der größten und schnellsten Limousinen auf Berlins Straßen, konnte er nicht abschütteln. Schüsse fielen, jede Menge sogar.

An der Gedächtniskirche in Berlin kam es zu einer Verfolgungsjagd.

An der Gedächtniskirche kam es zu einer Verfolgungsjagd.© Imago I Arkivi

Zwischendurch schaltete man im Maybach die Polizeisirene an, worauf die Uniformierten auf den Straßen hektisch den Querverkehr stoppten. Die Kugeln flogen derweil weiter. Erst Am Knie, dem heutigen Ernst-Reuter-Platz, schafften es die Verfolger, das Fluchtauto zu rammen. Die Verfolgungsjagd war beendet.

Entführt von den Nazi-Schergen: Die Fakten zum Fall im Überblick

FallEntführung von Otto Schlesinger
Tat-ZeitpunktFebruar 1934
TatortRaum Chemnitz und Berlin
StatusAufgeklärt, Täter vorzeitig entlassen
BesonderheitenTäter waren SA-Mitglieder

True Crime Berlin: Der berühmte Ernst Gennat stellt die SA-Schergen

Aus dem Maybach stürmten Polizisten zum Horch, dem nach und nach vier Braunhemden entstiegen: SA-Männer in ihren Uniformen. Sie hoben die Hände, übergaben ihre Waffen den Polizisten, ließen sich festnehmen, grinsten verlegen, während der Maybach-Fahrer immer noch jubelnd rief: „Ich habe ihn erwischt, ich habe ihn erwischt.“

Dann betrat Berlins wohl berühmtester Ermittler den Ort des Geschehens: Ernst Gennat. Reichlich schwerfällig kletterte der Zweieinhalb-Zentner-Mann aus dem Polizeiauto. Gennat, heute bekannt aus der Serie „Babylon Berlin“, war damals Oberkriminalrat und Leiter der Mordkommission, Mitte 50. Man nannte ihn „Buddha vom Alexanderplatz“ oder auch „Voller Ernst“.

Das dunkle Berlin: Die Entführung

Ernst Gennat, Berlins berühmtester Ermittler, ist heute auch aus der Serie „Babylon Berlin“ bekannt.© Picture Alliance Rolf Kremming

Schließlich stieg ein 49-jähriger, kahlköpfiger Mann mit Nickelbrille und grauem Anzug aus dem Fluchtauto und man sah ihm seine Erleichterung deutlich an: Otto Schlesinger, Textilfabrikant aus Chemnitz.

Fünf Tage in der Gewalt der Entführer

Fünf Tage war der Unternehmer zuvor in der Gewalt der Braunhemden gewesen, sie hatten ihn entführt. Schlesinger war Jude. Doch darum ging es den Kidnappern nicht – abgesehen davon, dass sie sich deshalb im Recht sahen. Nein, sie waren auf Lösegeld aus. Gennats Beamte nahmen die SA-Leute mit aufs Kommissariat am Alexanderplatz. Auch Schlesinger kam mit. Er wollte nichts lieber als zu seiner Familie. Sie hatte Gennat ins Revier gebeten, als Vorsichtsmaßnahme, um sie alle zu schützen.

Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“

Die Entführung war beendet, es war um Leben und Tod gegangen. Doch die Probleme begannen erst. Der bizarre Kriminalfall, nur ein Jahr nach Beginn der Nazi-Herrschaft, gehörte zu den Ereignissen, die das Verhältnis zwischen der Polizei und den Nationalsozialisten neu ordneten. Auch wenn zunächst andere Töne anklangen. Kurz nachdem alle am Alexanderplatz eingetroffen waren, trat dort Karl Ernst auf, SA-Chef von Berlin. Er brüllte seine Leute an: „Eigenmächtige Aktion“, „undisziplinierte Rabauken“, „Schande für die Partei“. Doch das war nicht das letzte Wort.

Karl Ernst, SA-Chef von Berlin

Karl Ernst, SA-Chef von Berlin© Picture Alliance I SZ Photo I Scherl

Fast vergessener True-Crime-Fall: Die Entführung von Otto Schlesinger

Seltsam, dass die Entführung Schlesingers heute kaum noch ist. Schließlich hatte sie eine enorme politische Tragweite. Und Gennat spielte für die Berliner Kriminalgeschichte eine so wichtige Rolle.

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Fünf Tage zuvor: Am Donnerstag, 1. Februar, war Schlesinger abends im Auto von Chemnitz ins 15 Kilometer entfernte Dorf Wilischthal im Erzgebirge unterwegs, wo er mit seiner Familie lebte. Die Straßen waren glatt. Trotzdem wurde er von einer Horch-Limousine überholt, die in einer Kurve hinten ausbrach, und plötzlich quer vor ihm stand.

Schlesinger stieg aus, wollte sehen, ob er helfen konnte. Doch ehe er sich versah, war er umzingelt von vier Männern in Regenmänteln, die ihn mit Pistolen bedrohten, in den Horch zwangen, ihm die Augen verbanden und abfuhren. Einer der vier Männer folgte in Schlesingers Ford. Unter der Augenbinde hindurch konnte er erkennen, dass es in Richtung Berlin ging.

Kein Lebenszeichen: Schlesingers Familie in Sorge

In einem Hotel in Oberwiesenthal im Erzgebirge wuchsen derweil die Sorgen. Otto Schlesingers Frau Elli war dort mit einem Verwandten, Rolf Meyerheim, abgestiegen. Die Familie wollte dort ein Skiwochenende verbringen. Otto, so war der Plan, sollte nachkommen, wenn er nicht, das war noch nicht klar, Donnerstagabend mit dem Nachtzug geschäftlich nach Amsterdam fahren musste.

Er kam nicht, meldete sich auch nicht telefonisch – weder zu Hause in Wilischthal noch im Hotel in Oberwiesenthal. Was sollten, was konnten sie tun? Auch am Freitag: keine Nachricht von Otto. War er doch nach Amsterdam gefahren, ohne Bescheid zu sagen? Elli wandte sich an die Polizei.

SA-Männer bei einer Demonstration

SA-Männer bei einer Demonstration© Picture Alliance I SZ Photo

Schläge und Scheinhinrichtungen: Horrortage im SA-Keller

Am späten Donnerstagabend, als sie ihm nach der Fahrt die Binde abgenommen hatten, war Schlesinger klar geworden, dass die SA-Leute ihn nach Berlin gebracht hatten. Sie stießen ihn in ein Kellerverlies und drohten ihm mit dem Tod, wenn er Lärm mache. Am nächsten Morgen, nach einer jämmerlichen Tasse Tee, brachte man ihn nach oben. Er traute seinen Augen nicht, war bestürzt, als er erkannte, dass er in einem SA-Quartier gelandet war. Was würde dort mit ihm geschehen?

Eine tagelange Tortur stand ihm bevor. Die SA-Männer waren Schläger, verprügelten Schlesinger und führten ein inszeniertes Tribunal gegen ihn, den Juden, auf. Feind des Dritten Reiches, Pazifist, Kommunist, Kapitalist, Internationalist – die Anklagepunkte gingen ihnen nicht aus. Zwischendurch Scheinhinrichtungen. Man stellte ihn auf einen Stuhl, legte ihm eine Schlinge um den Hals, stieß den Stuhl weg – und fing ihn auf, ein halbes Dutzend Mal.

Obendrein wurde ihm immer klarer, wie dumm seine Peiniger waren. Sie hatten keine Ahnung, wie sie an das Lösegeld kommen sollten – 10.000 Mark, die sie für ihren neuen Horch brauchten, bei dessen Anschaffung sie sich übernommen hatten.

In ihrer Anfangszeit sorgte die Berliner Morgenpost mit der Erfolgsserie „Über das dunkle Berlin“ für Aufsehen. Nun knüpfen wir daran an – und berichten über die aufsehenerregendsten Verbrechen der Stadt. Unsere True-Crime-Serie: Das dunkle Berlin.

Am Ende stand eine spektakuläre Verfolgungsjagd

Inzwischen konnten Ehefrau Elli und Freund Rolf die Polizei überzeugen, dass Otto nicht allein einen Ausflug, womöglich mit einer anderen Frau, unternommen hatte. Gennat in Berlin wurde eingeschaltet. Er war auf der richtigen Spur, fragte seine NSDAP-Kontaktleute, doch die wussten von nichts. Nach drei Tagen dann die erste Nachricht von Otto, ein Telegramm: Er brauche umgehend 10.000 Mark, sie sollten an die Hauptpost geschickt werden. Gennat war nun überzeugt: Es war eine Entführung.

Die Geldübergabe hatten sich die Entführer so einfach vorgestellt: Schlesinger sollte zum Schalter gehen, das Geld abheben, an sie übergeben und dann könne er gehen. Niemand würde etwas mitbekommen, auch die Polizei nicht. Die konnte sich so viel Dilettantismus zwar schlicht nicht vorstellen – brachte sich aber dennoch im Postamt in Position. Doch Schlesinger kam nicht. Auch der SA-Trupp hatte dann eingesehen: zu riskant.

Plan B kam zum Zug: Schlesinger musste Rolf Meyerheim anrufen, der sollte um 18 Uhr zur Hardenbergstraße kommen. Vor der Nr. 14 werde er, Otto, in einem Wagen warten und das Geld in Empfang nehmen. So geschah es dann auch. Schlesinger nahm durchs Fenster des Horch die 10.000 Mark in Empfang, rechts und links von SA-Leuten eingepfercht. Der Mann am Steuer gab Gas, die Verbrecherjagd nahm ihren Lauf – und Am Knie klickten die Handschellen.

Am Ende sind die Machtverhältnisse geklärt

Gennat setzte alles daran, dass es zu einem ordnungsgemäßen Gerichtsverfahren kam. Die NSDAP schaltete sich ein, hinderte den Kommissar zunächst daran, auch SA-Leute an die Staatsanwaltschaft zu übergeben, die nicht im Auto gesessen hatten, die Schlesinger aber auch gequält hatten. „Die haben doch gar nicht geschossen“, hieß die Ausrede.

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Gennat setzte sich durch, bekam alle vor Gericht, ließ die Familie Schlesinger zu ihrer Sicherheit vorübergehend in die Schweiz bringen. Und tatsächlich erhielten sieben der Täter Zuchthausstrafen zwischen fünf und sechseinhalb Jahren. Doch nur drei Monate später war die neue Realität da: Alle waren wieder entlassen. Nachrichtensperre.

Den Entführern fehlte aber immer noch das Geld für ein neues Auto. Doch das Innenministerium, längst von den Nazis kontrolliert, fand eine Lösung: Schlesinger hatte für die Aufklärung des Falles, für Gennats Polizeitruppe, den Maybach-Fahrer, die Ermittler und alle anderen eine Belohnung in Höhe von insgesamt 5000 Mark vorgesehen. Aus dem Ministerium aber erhielt Gennat die Order: Das Geld habe an die SA-Truppe zu gehen, die ihren Horch noch abzuzahlen hatte. Die Machtverhältnisse waren geklärt.