Radikalisierung auf TikTok : Selbstversuch: In 30 Minuten in den Dschihadismus | Kleine Zeitung
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Immer mehr junge Menschen radikalisieren sich übers Netz. Wie leicht kippt man in den Extremismus und wie leicht kommt man wieder raus?

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vor 2 Stunden
30. Juli 2026 um 05:04
Der Weg in den Extremismus führt übers Handy. Der Terrorismusforscher Peter Neumann weiß: Über Predigten muss niemand mehr IS-Kämpfer rekrutieren. „Immer mehr radikalisieren sich ausschließlich über diese und ähnliche Plattformen, es gibt dort auch islamistische Influencer mit Hunderttausenden von Followern“.
Ein Selbstversuch zeigt: Mit einem frischen TikTok-Profil dauert es 30 Minuten von einem Wildwuchs an Videos zu einem einschlägig fundamental-religiösen Profil. Der Weg verläuft nicht geradlinig, ist aber dennoch ein Sprint. Ein Video folgt aufs nächste. Zu Beginn sind es Videos über Luxusautos, Millionäre und ein reiches Leben. „Andere machen Party, aber ich hustle hier für meinen Traum“ – der Tenor: Wenn man nur fest daran glaubt, kann man reich und erfolgreich werden. Das „Mindset“ muss stimmen.
Wie leicht radikalisiert man sich selbst?
Wir bleiben bei diesen Videos drauf, schauen sie bis zum Ende, drücken Gefällt-mir und speichern sie ab. Wir zeigen dem Algorithmus dadurch, wir wollen mehr solcher Inhalte. Wir bekommen mehr. Wir bekommen Videos, in denen Erfolg und Glaube in Verbindung gesetzt werden. Wir bleiben dran. Die Erzählungen werden direkter, die Appelle extremer. „Wenn du als Mann nicht kämpfen kannst, lebst du ein unterwürfiges Leben“. Und dann tauchen sie auf: die Online-Prediger. Wir bleiben lange dran, drücken Gefällt-mir, speichern das Video und gehen auf das Profil. Die Radikalisierung nimmt Fahrt auf. „Vor allem junge Männer ohne Perspektive verirren sich überraschend schnell in der Radikalisierungsspirale. Wer keinen Halt hat, kein Umfeld, keine klare Struktur ist anfällig für Extremismus jeder Art“, sagt Susanne Pekler von Neustart Steiermark.
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In der Radikalisierung gibt es also einen Paradigmenwechsel. Aber wie sieht es bei der Deradikalisierung aus? Experten wie Neumann, aber auch der Politikwissenschaftler und Islamexperte Thomas Schmidinger sagen: Wir brauchen auch Präventionsprogramme und gute Arbeit in der Deradikalisierung. Hier kommt Neustart ins Spiel – Verein für Bewährungshilfe, Konfliktregelung und soziale Arbeit. Susanne Pekler, Leiterin von Neustart Steiermark, und Abteilungsleiter für Deradikalisierung Bernd Felfer sind somit so etwas wie Feuerlöscher, Brandmelder und Feuerwehr in einem, wenn es darum geht, radikale Strömungen zu bekämpfen.
Neustart wirkt
Wenn man mit den beiden spricht, bekommt man das Gefühl, dass man das Problem wirklich lösen kann. Pekler etwa sagt: „Noch nie hat jemand, der bei uns bei Neustart Steiermark wegen einer Radikalisierung in Betreuung war, später eine schwere Gewalttat verübt. Beispiele für Erfolge gibt es zuhauf. Vor zwei Jahren etwa hätte Neustart Teenagermädchen betreut, die nach Syrien ausreisen wollten, um IS-Kämpfer zu heiraten. Ein Jahr und zahlreiche Betreuungstermine später, war der Plan für die Mädchen eine Absurdität und das Leben in gelenkten Bahnen.
Der Weg raus aus dem Dschihad ist – anders als der Weg rein – kein Sprint, sondern ein Marathon. Felfer sagt: „Es geht darum, den Personen ein Umfeld zu ermöglichen, das sie von den radikalen Strömungen weghält“. Andere Perspektiven, andere Wege, andere Beschäftigungen – es braucht Kontrolle und Konsequenzen, aber es braucht auch Zuwendung und Unterstützung.
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Radikale Strömungen gewinnen deshalb an Zulauf, weil sie für komplexe Fragen einfache Lösungen versprechen. Das beginnt bei den Videos, die zum Einfallstor werden, die den Reichtum versprechen. Felfer sagt, man arbeite auch in der Deradikalisierung und der Prävention mit ähnlichen Mustern. Im Unterschied zu den Inhalten in den Videos, würden diese aber tatsächlich stimmen. „Wir haben unseren Klienten noch immer eine Ausbildungsstelle vermitteln können, die den Menschen eine Perspektive gegeben hat, einen Rahmen und ein Einkommen – auf so etwas ist man dann auch ganz schnell stolz“, sagt Felfer. Pekler erzählt, es gehe nicht darum, Menschen zu bekehren, ihre Meinung um 180 Grad zu drehen, es gehe darum, den Personen zentrale Werte zu vermitteln. Ein gesichertes und stabiles Umfeld sei dafür Fundament.
Deradikalisierung in der Praxis
Kann so etwas gut gehen? Der mutmaßliche Täter vom Anschlag auf den CSD in Berlin war den Behörden bekannt. Er hätte an Beratungsgesprächen zur Deradikalisierung teilnehmen sollen und hatte bereits Kontakt zum Violence Prevention Network. Abgehalten hat ihn das nicht. Auch in Österreich gibt es Gefährder. Von der Direktion für Staatsschutz und Nachrichtendienst heißt es, dass derzeit eine niedrige dreistellige Zahl an islamistischen Extremisten in Österreich ansässig sei. Jene, die mit dem IS sympathisieren, würden im hohen dreistelligen Bereich liegen.
Pekler sagt: Prävention sei letztlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es brauche die Eltern, die ihren Kindern ein Wertekonstrukt mitgeben. Es brauche Schulen, die Medienkompetenz ernst nehmen. Und es braucht eine wachsame, offene und empathische Gesellschaft.
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