Sorge um Minijob-Aus: Die Reformpläne zur Rente stoßen auf Kritik

Die Rentenkommission will Minijobs sozialversicherungspflichtig machen. Allein eine Edeka-Betreiberin im Wolfhager Land beschäftigt 50 Minijobber – viele Rentner, die bei höheren Abgaben aufhören würden.

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Sorge um Minijob-Aus: Die Reformpläne zur Rente stoßen auf Kritik

Stand: 20.07.2026, 06:34 Uhr

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Servicekraft in der Gastronomie Themenfoto vom 02.07.2026. EDITORIAL USE ONLY *** Restaurant Server - Stock Photo from July 2, 2026 - EDITORIAL USE ONLY Copyright: epd-bild/DetlefxHeese epd-Minijob-11

Gastronomie und Minijobs gehören oft zusammen. Die Reformpläne sorgen nun für Unruhe. © IMAGO/Detlef Heese/IMAGO/epd

Die Rentenkommission will Minijobs sozialversicherungspflichtig machen. Allein eine Edeka-Betreiberin im Wolfhager Land beschäftigt 50 Minijobber – viele Rentner, die bei höheren Abgaben aufhören würden.

Wolfhager Land – Das mögliche Aus für Minijobs in ihrer bisherigen Form sorgt für kontroverse Diskussionen – auch im Wolfhager Land. Die Rentenkommission schlug zuletzt vor, den steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Sonderstatus von Minijobbern abzuschaffen. Ausnahmen soll es nur für Schüler geben. Künftig sollen die Beschäftigten in Renten-, Pflege- und Krankenkasse einzahlen. Für Arbeitgeber steigen die Abgaben im Zuge der Reform. Die größte Gruppe der Minijobber in Deutschland arbeitet im Bereich Handel und Gastronomie. Dort ist auch der Aufschrei über die Reformpläne naturgemäß am größten.

Aus Sicht von Lukas Frankfurth, Betreiber der Bad Emstaler Höhe und stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), wäre die Umsetzung der Pläne eine ganz schlechte Idee. Die Emstaler Höhe beschäftigt Minijobber hauptsächlich in Spitzenzeiten, wenn die Gästeanzahl die Kapazität beim festen Personal übersteigt. Bei Bedarf fragt Frankfurth an, wer helfen kann. „Das sind zum Teil Menschen, die auf den Minijob angewiesen sind, wie Alleinerziehende.“ Diese würden durch eine neue Regelung genauso bestraft wie der Betrieb, auf den Mehrkosten zukommen. „Für einige ist der Job bei den geplanten Änderungen auch nicht mehr attraktiv.“ Frankfurth befürchtet, dass Veränderungen beim Minijob zu mehr Schwarzarbeit führen.

Die Mehrkosten für die Betriebe seien schwer zu kompensieren, sagt der Dehoga-Sprecher. Die Preise könne man nicht weiter erhöhen, weil sonst die Gäste ausblieben. „Am Ende müssen wir möglicherweise unser Angebot einschränken.“

Auch Habichtswalds Bürgermeister Daniel Faßhauer blickt skeptisch auf die mögliche Änderung: „Finanziell ist der Aufwand bislang nicht abzuschätzen, vermutlich aber nicht sehr groß“, sagt er. Administrativ werde die Neuregelung jedoch für etwas mehr Arbeit sorgen. Entscheidend sei allerdings, dass sich eine geringfügige Beschäftigung – je nach persönlicher Situation und Steuerklasse – für die Betroffenen zunächst möglicherweise nicht mehr lohne. Zwar könnten sich zu viel gezahlte Steuern über die Steuererklärung zurückholen lassen, doch nicht jeder Student werde diesen Weg nutzen, so Faßhauer. „Insofern könnten sich für uns Probleme ergeben, während der Saison im Schwimmbad Personal zu finden, das in diesem Einkommensbereich arbeiten möchte. Andererseits ermöglicht die Neuregelung auch, mehr zu arbeiten. Da diejenigen, die bisher auf Minijob-Basis beschäftigt waren, diese Arbeitszeiten meist ganz bewusst gewählt haben, ist schwer abzuschätzen, wie sich das auswirken wird.“ Sollte die Gemeinde künftig weniger Beschäftigte mit mehr Arbeitsstunden haben, könnte dies im Schwimmbad zu weniger Flexibilität und einem höheren organisatorischen Aufwand führen.

Größte Bedenken zu den Plänen der Bundesregierung meldet Wolfhagens Bürgermeister Dirk Scharrer an. Würden die Minijobs sozialversicherungspflichtig und auch aufgrund veränderter steuerrechtlicher Rahmenbedingungen teurer, könnten sich das viele nicht mehr leisten. Betroffen wären nicht nur Betriebe in der Gastronomie oder im Einzelhandel, sondern auch Vereine, die auf die Unterstützung von Minijobbern angewiesen seien.

Die Stadt Wolfhagen hat aktuell um die 30 Personen in geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen. Oftmals handelt es sich bei ihnen um Personen, die bereits ein oder zwei Stellen haben und sich noch etwas hinzuverdienen wollen oder besser müssen. Sie arbeiten als Reinigungskräfte, aber auch in der Kita oder bei der Feuerwehr. Scharrer kündigte an, sich die Minijobbs genau anschauen zu müssen, wenn diese künftig teurer würden.

Er erwartet, dass die Aufhebung des Sonderstaus von Minijobbs und deren Umwandlung in reguläre Beschäftigungen zu einer weiteren Teuerung der Lebenshaltungskosten führen werden. „Kostet der Mitarbeiter, der im Supermarkt die Regale einräumt, mehr, steigt der Preis für die Produkte.“

Unmittelbar betroffen sein, wird auch die Feuerwehr. Offizielle Stellen wie etwa die Unfallkasse forderten, dass die Reinigung der Gebäude und die Schwarz-Weiß-Trennung der Einsatzkleidung nicht von Mitgliedern des Feuerwehrvereins bewältigt werden. Vielmehr sollen das professionelle Firmen übernehmen. Die arbeiten auch mit Minijobbern zusammen. So würden sich die Abläufe bei der Feuerwehr künftig verteuern.

Da wird mir angst und bange“, sagt Marika Hofmann. Gemeinsam mit ihrem Mann Thomas betreibt sie Edeka-Märkte in Fuldabrück, Immenhausen und Zierenberg. In den drei Märkten beschäftigen die Hofmanns etwa 50 Minijobber. Sie befürchtet, dass viele aufhören, wenn die Bundesregierung ihre Pläne umsetzt.

Unter den Minijobbern sind viele Rentner. „Die werde ich nicht dazu bewegen können, in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu gehen“, erwartet Marika Hofmann. Für sie lohne es sich nicht, auf Steuerkarte zu arbeiten. Und das gelte vermutlich auch für die, die noch nicht das Rentenalter erreicht haben. Das seien wertvolle Mitarbeiter, die sehr zuverlässig und flexibel seien. „Ich wüsste nicht, wer bei uns die Regale auffüllen soll“, wenn die Minijobber wegbrechen, ergänzt die Chefin. Beim „Verräumen“ der Ware helfen in den drei Geschäften die meisten Minijobber. Marika Hofmann verweist auch darauf, dass einige das Geld benötigten, das sie bisher unversteuert verdienen konnten.