Leipzig: Sprengstoff-Drohne am Flughafen – Generalbundesanwalt übernimmt den Fall

KI-Stimme. InfoAm Ende ist es vielleicht nur Zufall, eine Portion Glück, dass die Dienstagnacht am Leipziger Flughafen nicht in einem Flammeninferno endet. Um kurz vor Mitternacht entdeckt ein Busfahrer, gerade...

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Leipzig: Sprengstoff-Drohne am Flughafen – Generalbundesanwalt übernimmt den Fall

KI-Stimme. Info

Am Ende ist es vielleicht nur Zufall, eine Portion Glück, dass die Dienstagnacht am Leipziger Flughafen nicht in einem Flammeninferno endet. Um kurz vor Mitternacht entdeckt ein Busfahrer, gerade auf einer Tour mit DHL-Mitarbeitern über das Gelände, eine Drohne bei einer Antonow-Maschine Typ AN-124 Condor nahe der „Südpiste“, „schwebend, knapp über dem Boden“, wie es heißt. Der Busfahrer fängt die Drohne offenbar eigenständig ein, mit bloßen Händen. Und schlägt Alarm.

Denn die Drohne ist bepackt mit einer „unbekannten Masse“, wie es in ersten Meldungen der Sicherheitsbehörden noch heißt. Mittlerweile ist klar: Es ist Sprengstoff. Derzeit werden das Material und die Drohne beim Kriminaltechnischen Institut in Sachsen untersucht. Nach Informationen unserer Redaktion entdeckte die Spurensicherung den Stoff PETN, Pentaerythrityltetranitrat. Es ist einer der Hauptinhaltsstoffe von Semtex, hochexplosiv, durchsichtig – und schwer zu detektieren.

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Die Ermittlungen übernimmt nun der Generalbundesanwalt. Wegen der besonderen Bedeutung des Falls prüft die Karlsruher Behörde nun den Verdacht, dass eine Sprengstoffexplosion herbeigeführt werden sollte und ein gefährlicher Eingriff in den Luftverkehr vorliegt.

Drohne in Leipzig: Manche sprechen inoffiziell von bis zu 800 Gramm Sprengstoff

Es ist Sprengstoff, der nur schwer ohne Fachwissen herzustellen ist. Oftmals nutzen staatliche Armeen oder die Industrie Semtex. Offenbar sind es mehrere Hundert Gramm explosiven Materials, die an der Drohne verbaut waren. Das Fluggerät soll an den Armen extra verstärkt worden sein. Manche sprechen inoffiziell von bis zu 800 Gramm, doch die Untersuchungen dauern an. Der Spurensicherung fiel auf: Der Zünder an der Ladung war verrutscht oder abgerissen. Vielleicht zündete die Bombe nur aus Glück nicht.

Hinzukommt: Ersten Erkenntnissen zufolge war in der ukrainischen Antonow möglicherweise Kriegsmunition geladen, die im Rahmen der Nato-Logistikkette von Leipzig aus weitertransportiert werden sollte. Später dementierten die Ermittler laut mehrerer Medien die brisante Ladung. Nach der russischen Vollinvasion in die Ukraine verlegte die ukrainische Firma sechs Transportmaschinen nach Leipzig. Ohnehin ist Leipzig ein zentraler Logistikstandort. Und möglicherweise griffen die Täter in der Tatnacht mit einer weiteren Drohne an. Denn eine DHL-Transportmaschine kollidierte in etwa 400 Meter Höhe über dem Flughafen mit einem „Flugobjekt“. Ermittler können Vogelschlag ausschließen.

Drone Possibly Armed With Explosive Discovered At Leipzig Airport

Eine ukrainische Antonow steht auf dem Gelände des Leipziger Flughafens. Die Firma hat ihre Flotte nach Deutschland verlegt. © Getty Images | Jens Schlueter

„Wir haben es hier mit einem hybriden Anschlagsszenario zu tun“

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sieht „eine neue Gefahrenqualität“. Denn Drohnenüberflüge kennen die Sicherheitsbehörden, immer wieder registrieren sie Vorfälle entlang von Bundeswehrkasernen, Flughäfen, Rüstungsunternehmen. Nun aber ist eine Drohne erstmals mit Sprengstoff bepackt. „Wir haben es hier mit einem hybriden Anschlagsszenario zu tun“, sagt der CSU-Politiker am Abend in einem Gebäude des Leipziger Flughafens. „Ein neues Bedrohungsszenario.“

Es ist ein Tenor, in den auch andere Sicherheitsexperten einstimmen. „Das Agieren gegenüber der Bundesrepublik Deutschland wird immer aggressiver“, sagt Konstantin von Notz, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen und Vizevorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums im Bundestag. Sollten sich Bezüge nach Russland herstellen lassen und sich herausstellen, dass ein Staat Urheber sei, „würde es sich nicht nur um Terrorismus, sondern um Staatsterrorismus, der sich gegen die Bundesrepublik Deutschland und seine Bürgerinnen und Bürger richtet, handeln“, sagt von Notz.

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Denn genau das ist es, was viele vermuten. Aber nur wenige aussprechen, auch Dobrindt nicht. Russland fährt seit Beginn des Ukraine-Kriegs auch den hybriden Krieg gegen westliche Staaten hoch, greift mit Cyberangriffen die technische Infrastruktur an, setzt sogenannte Low-Level-Agenten ein, also untrainierte und angeheuerte Akteure, die Aktionen für den russischen Staat ausführen. Russland agiert mit einer „Schattenflotte“ im Ostseeraum, spioniert und sabotiert. Und setzt dabei laut deutschen Nachrichtendiensten auch auf Drohnen.

Drone Possibly Armed With Explosive Discovered At Leipzig Airport

„Fremde Mächte“: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bricht seinen Urlaub ab und reist nach Leipzig. © Getty Images | Jens Schlueter

Auch eine „False Flag“-Operation kann ein Szenario sein

Nur Belege fehlen bisher. Keine einzige Drohne, die über Kasernen oder Firmen geflogen ist, konnten die Behörden bisher abschießen, keinen Drohnenpiloten festnehmen. Nun aber holt der Busfahrer am Leipziger Airport sie runter.

Auch in Leipzig deutet vieles darauf hin, dass der Anschlagsversuch Teil eines hybriden Angriffs auf Deutschland ist. Den Strengstoff beschaffen, verbauen, technisch scharf stellen: Für all das brauche es „hochprofessionelles Wissen“, sagt Dobrindt. Er schließt auch „fremde Mächte“ als Drahtzieher nicht aus. Zugleich sind die Sicherheitsbehörden und die Politik vorsichtig mit zu schnellen Festlegungen. Denn auch eine „False Flag“-Operation kann ein Szenario sein, also der Versuch, die Tat nur nach russischer Handschrift aussehen zu lassen. Hinweise darauf gibt es nicht.

Noch etwas spricht für professionelle Täter: Die Drohne wurde vom Warnsystem des Flughafenbetreibers und der Deutschen Flugsicherung in Leipzig nicht erkannt, konnte unentdeckt auf das Gelände fliegen. Offenbar war das Fluggerät technisch so manipuliert, dass es durch alle Raster der Aufklärung fiel. Die Bundespolizei selbst hat nach Informationen unserer Redaktion noch keine eigene Drohnenabwehrtechnik am Leipziger Flughafen, die Beschaffung läuft offenbar noch.

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Der Angriff ist ein Sinnbild für den Stand der deutschen Abwehr im hybriden Krieg

Was die Bundespolizei kurz nach dem Alarm um Mitternacht schickt, ist die Bereitschaftstruppe der Entschärfer. Mit einem Roboter und Spezialisten führt die Polizei die koordinierte Sprengung durch, die Spurensicherung und die Kriminaltechnik übernimmt. Und der deutsche Sicherheitsapparat fährt hoch: Dobrindt bricht seinen Italien-Urlaub ab, reist nach Leipzig, nimmt Verfassungsschutzchef Sinan Selen mit an seine Seite. Jetzt stimmen das Bundesamt für Verfassungsschutz, das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei und die Landessicherheitsbehörden die Maßnahmen im Gemeinsamen Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen (GAZ Hybrid) ab.

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Das Zentrum wurde gerade erst diesen Sommer eröffnet, ein weiteres zur Drohnenabwehr von Bund und Ländern erst im vergangenen Herbst. All das passiert auch, weil Dobrindts Angaben zufolge die Zahl der Angriffe zunimmt. Allein in dieser Woche berichtet die „Zeit“ über Ausspähversuche bei Donaustahl, einem Rüstungsunternehmen, das auch die Ukraine beliefert. Im laufenden Wahlkampf für den Landtag in Sachsen-Anhalt sollen sich russische Hacker gezielt als etablierte Medien ausgeben und über soziale Netzwerke Desinformationen verbreiten.

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Voller Einsatz, Lagebesprechungen, Spezialkräfte: Den Leipziger Fall arbeiten die Behörden entschlossen auf. Zugleich ist der Angriff ein Sinnbild für den Stand der deutschen Abwehr im hybriden Krieg: Es fehlt an Material an den Flughäfen, die Einheiten der Landespolizei müssen erst noch ausgebildet werden, auch private Flughafenbetreiber und andere Firmen der Infrastruktur rüsten nur langsam auf. Bundespolizei, Landespolizei, Nachrichtendienst und Bundeswehr feilen weiter an gemeinsamen gesetzlichen Regeln: Wer darf wann und mit welchen Mitteln eine Drohne vom Himmel holen? Denn: Nicht immer ist ein Busfahrer in der Nähe.