„Übriggeblieben“: Viele Eltern machen bei ihren Kindern am Gymnasium einen Fehler
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Stand: 24.07.2026, 07:36 Uhr
Ausbildungen stehen in Deutschland gut da. Baustellen gibt es jedoch beim Zugang und der beruflichen Orientierung. Welche Rolle Eltern dabei spielen.
Frankfurt – „Der Drang zur Allgemeinbildung schadet dem dualen Bildungssystem. Allen voran die Eltern müssen sich wieder stärker und ganz realistisch fragen: Wo sind die Stärken meines Kindes?“ Diese Forderung stellt der Schweizer Bildungsforscher Stefan Wolter in einem Interview mit der Basler Zeitung. Die Quote an Gymnasien und weiteren Mittelschulen sei in der Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten stark angestiegen, gleichzeitig habe die Berufslehre an Bedeutung verloren.

Deswegen drohe ein „Teufelskreis“: Wenn immer weniger Jugendliche eine Berufslehre wählten, dann wählten auch Jugendliche, die eigentlich gern eine Berufslehre gemacht hätten, die Allgemeinbildung, weil sie sich nicht dem Stigma aussetzen wollen, „zu den Übriggebliebenen zu gehören“, sagt er. Dann bauten die Firmen Lehrstellen ab, was den Rückgang der Berufsbildung nochmals befeuerte.
Nachhaltiger Bildungserfolg funktioniere nur, wenn die Berufslehre für talentierte Jugendliche wieder zur bewussten Wunschausbildung werde und Eltern das auch förderten. Vielen von ihnen sei nicht bewusst, dass nur einer von drei Gymnasiasten einen Masterabschluss schaffe und später auch einen passenden Job finde. Er frage sich manchmal, ob Eltern ihre Kinder immer noch „so eifrig“ auf Gymnasien und an die Universitäten schicken würden, wenn sie das wüssten.
„Insbesondere Jugendliche auf dem Gymnasium fühlen sich von den Eltern auch unter Druck gesetzt“
Wie sieht es in Deutschland aus? Laut der aktuellen Bertelsmann-Studie „Ausbildungsperspektiven 2026“ ist die Berufsausbildung auch für Jugendliche auf einem Gymnasium eine Option: 14 Prozent wollen auf jeden Fall, weitere 50 Prozent zumindest vielleicht eine Berufsausbildung aufnehmen. Nachdem sich zwischen 2010 und 2021 immer mehr von ihnen für eine Ausbildung entschieden haben, ist ihr Anteil unter den Azubis seit 2022 leicht rückläufig. „Trotzdem gab es 2024 immer noch mehr Ausbildungsbeginnende mit Abitur als mit erstem Abschluss“, betont Fabian Schaffer von der Bertelsmann-Stiftung gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Aber: Mehr als ein Viertel der Gymnasiasten und Gymnasiastinnen fühlte sich durch die Schule nicht hinreichend über Ausbildungsberufe und das Studium informiert. Fast ebenso viele wünschten sich mehr Unterstützung bei der beruflichen Orientierung. „Unsere Befragung zeigt, dass Eltern eine sehr wichtige Rolle im Prozess der beruflichen Orientierung spielen“, sagt Schaffer, der Project Manager „Bildung und Next Generation“ ist. In den allermeisten Fällen nehmen sie dabei eine unterstützende Funktion ein. „Allerdings fühlen sich insbesondere Jugendliche auf dem Gymnasium von den Eltern auch unter Druck gesetzt, einen bestimmten Weg einzuschlagen“, sagt Schaffer.
Berufsbildung: Experte fordert, Jugendliche „auf Augenhöhe“ zu beraten
Im vergangenen Jahr blieben rund 54.400 Azubi-Stellen in Deutschland unbesetzt, während zeitgleich etwa 84.000 Bewerberinnen und Bewerber erfolglos suchten – ein Anstieg von 19 Prozent. Laut Bertelsmann-Stiftung müsse die Vergabe von Ausbildungsplätzen stärker auf praktische Fähigkeiten statt rein auf Schulnoten angepasst werden. Auswahlverfahren, bei denen Schulnoten und formale Abschlüsse teilweise stärker gewichtet werden als Motivation, praktische Fähigkeiten und Entwicklungspotenziale, seien sehr verbreitet.
Entsprechend schlecht schätzen junge Menschen mit niedrigem Schulabschluss ihre Chancen auf eine Lehrstelle ein: 38 Prozent von ihnen bezweifeln, einen Ausbildungsplatz zu finden. Während sie häufig an den eigenen Qualifikationen zweifelten und Schwierigkeiten bei der Bewerbung beziehungsweise beim Zugang zur Ausbildung hätten, benötigten Jugendliche auf dem Gymnasium häufig mehr Unterstützung bei der Entscheidung und der Auswahl aus einer Vielfalt von Möglichkeiten.
„Grundsätzlich sollte das Ziel einer erfolgreichen beruflichen Orientierung innerhalb und außerhalb der Schule darin bestehen, junge Menschen zu einer informierten und selbstbestimmten Entscheidung über ihre berufliche Zukunft zu befähigen. Hierfür ist es notwendig, dass über alle nachschulischen Optionen gesprochen und die jeweiligen Vor- und Nachteile ehrlich diskutiert werden“, sagt Schaffer der Frankfurter Rundschau. „Es sollte dabei nicht darum gehen, das Studium gegen die Ausbildung auszuspielen, sondern alle jungen Menschen bestmöglich bei ihrer individuellen Berufswahl zu unterstützen – und dies auf Augenhöhe und ohne Druck.“ (Quellen: BAZ, Bertelsmann Studie, eigene Recherche)