Uni Düsseldorf sucht nach Büchern, die Nazis geklaut haben
Oft sind diese Bücher materiell nicht besonders wertvoll, aber sie erzählen manchmal die bewegenderen Geschichten. Sie können Hinweise enthalten auf eine geplünderte Privatbibliothek oder auf einen Menschen, de...
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Oft sind diese Bücher materiell nicht besonders wertvoll, aber sie erzählen manchmal die bewegenderen Geschichten. Sie können Hinweise enthalten auf eine geplünderte Privatbibliothek oder auf einen Menschen, der von den Nationalsozialisten verfolgt, enteignet oder ermordet wurde. Auch die Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf untersucht ihre Bestände aus den Jahren 1933 bis 1945. Wir haben darüber mit Projektleiterin Filomena Lopetodo gesprochen.
Frau Lopetodo, wenn sie ein Buch aus der Nazizeit in die Hand nehmen, worauf fällt Ihr Blick als Erstes?
Lopetodo: Ich schlage das Buch auf und schaue erst mal vorne in die Rückseite des Einbandes. Da sind in der Regel kleine Etiketten drin. Frühere Eigentümer haben da ihre Namen eingeklebt. Außerdem gibt es Signaturen von Bibliotheken und manchmal Widmungen.
Jetzt sind wir mehr als 80 Jahre nach Kriegsende, warum untersucht die Universität Düsseldorf gerade jetzt ihre Bestände aus der NS-Zeit?
Lopetodo: Weil es tatsächlich immer wichtiger wird und auch immer leichter, das zu erforschen. Es gibt durch die Digitalisierung und Öffnung der Archive immer mehr Möglichkeiten, Dinge zu finden. Es gibt zum Beispiel die Datenbank Lootet Cultural Assets. Da tragen Forschende ihre Funde ein. Es gibt auch die Lost Art Datenbank vom deutschen Zentrum Kulturgutverluste. Dort kann man Fundmeldungen einstellen. Das Interesse der Öffentlichkeit und der jüngeren Generation ist auf jeden Fall wieder entfacht.
Der Bestand Ihrer Bibliothek hat sich unter dem damaligen Leiter Dr. Hermann Reuter zwischen 1933 und 1944 nahezu verdoppelt. Liest man das heute sofort als Alarmsignal?
Lopetodo: Ja. Denn tatsächlich gab es in der Nazizeit wahnsinnig viele Ankäufe. Reuter hatte auch ein großes Geschick darin, die Bürger Düsseldorfs und des Umlandes zu motivieren, ihre Sammlung und Nachlässe der Bibliothek zu schenken. Das muss einen schon misstrauisch machen. Reuter hat aber auch Sammlungen in die Bibliothek geholt, die eigentlich von den Nationalsozialisten nicht gewollt waren.
Sie wollen rund 60.000 Bücher aus Ihrem Bestand prüfen. Worin besteht der historische Wert Ihrer Arbeit?
Lopetodo: Es geht nach wie vor darum, das Unrecht, das damals geschehen ist, anzuerkennen. Und wir wollen Bücher zurückgeben, wenn herausgefunden wurde, wem sie gehörten.
Haben sie schon Bücher gefunden, die sie zurückgegeben haben oder zurückgeben werden?
Lopetodo: Ja, tatsächlich haben wir aktuell 3 Fälle, die wir jetzt in den ersten 2 Jahren schon identifizieren konnten. Wir werden mit ihnen über eine gerechte und faire Lösung reden.
Ist so eine Rückgabe dann eher ein symbolischer Akt?
Lopetodo: Das kommt auf die Familien an. Manche möchten diese Bücher wirklich physisch zurückhaben, andere sagen: Wir freuen uns, dass die Bücher aufgetaucht sind, aber wir wissen gar nicht, wohin damit. Und dann kann es sein, dass wir die Bücher noch mal zurückkaufen von den Nachkommen. Oder die Nachkommen schenken Sie der Bibliothek. Es gibt mittlerweile auch eigene Stiftungen.
Sie wollen das Thema nach außen tragen - auch in der "Nacht der Wissenschaft" am 11. September. Was wünschen Sie sich, dass Besucherinnen und Besucher mit nach Hause nehmen?
Lopetodo: Na ja, einfach ein Bewusstsein, vielleicht auch für sich selber oder das eigene Bücherregal. Wenn ältere Bücher dort stehen, mal reinzuschauen. Sich zu fragen: Wo kommen diese Bücher her oder was steht da für ein Name drin? Sich einfach bewusst zu sein, wenn ich gebrauchte Bücher kaufe, dann können sie vorher jemand anderem gehört haben und könnten geraubt sein.
Gibt es eine Geschichte, ein Buch, das Ihnen da besonders nachgeht?
Lopetodo: Es gibt so viele wirklich schlimme Geschichten, die ich hier tagtäglich lesen muss. Das sind Millionenschicksale, die damals leider nicht alle einzeln hier aufgeführt werden können, aber man muss doch immer wieder schlucken. Dazu ist auch eine eigene Ausstellung geplant. Sie wird Ende Oktober hier in der Universitäts- und Landesbibliothek am 28. Oktober eröffnet.
Danke und viel Erfolg dafür, Frau Lopedoto.