Von Corona bis Krieg: Medien haben nicht die Aufgabe, Harmonie zu organisieren

Die Demokratie hat kein Meinungsproblem. Sie hat ein Wahrnehmungsproblem. Vielfalt gehört zu den großen politischen Versprechungen der Gegenwart. Aber sie entsteht nicht schon dadurch, dass unterschiedliche Auf...

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Von Corona bis Krieg: Medien haben nicht die Aufgabe, Harmonie zu organisieren

Die Demokratie hat kein Meinungsproblem. Sie hat ein Wahrnehmungsproblem. Vielfalt gehört zu den großen politischen Versprechungen der Gegenwart. Aber sie entsteht nicht schon dadurch, dass unterschiedliche Auffassungen existieren. Vielfalt entsteht, wo Unterschiede wahrgenommen werden. Genau dazu fehlt immer häufiger die Bereitschaft.

Ein Argument zu widerlegen genügt vielfach nicht mehr, dessen Urheber wird aussortiert. Wer anders denkt, gilt nicht als jemand, dessen Meinung geprüft werden könnte, sondern als moralisches Problem. Der Begriff des „Leugners“ ist dafür zum politischen Universalschlüssel geworden. Vom Klima über Corona und den Ukrainekrieg bis zur Migration genügt ein einziges Etikett, um die Debatte zu beenden, bevor sie begonnen hat. Freiheitliche Gesellschaften leben jedoch nicht davon, dass alle dieselbe Meinung vertreten. Sondern davon, dass gegensätzliche Positionen als legitimer Teil derselben politischen Ordnung anerkannt werden.

Deutschland ist 36 Jahre nach der rechtlichen Vereinigung tief gespalten – in politische Lager, identitäre Gruppen, soziale Milieus sowie ethnische Enklaven. Verbindend sind nicht Zuversicht zu Wirtschaftsaufschwung oder die Nationalmannschaft, sondern die Haltung zu „AfD“ oder „Putin“. Soziale Medien haben diesen Prozess nicht hervorgebracht. Sie sind nicht Ursache, sondern Verstärker. Das eigentliche Defizit ist keine mangelnde Medienkompetenz, sondern fehlende Medienliteralität. Das zeigt sich täglich: Jeder bewegt sich in einer eigenen Informationswelt, liest vertraute Autoren, folgt bekannten Influencern und begegnet den eigenen Überzeugungen in immer neuen Variationen.

Weniger Wissen, mehr Gewissheit

Die Folge ist nicht bessere Information, sondern verstärkte Gewissheit. Wer fast ausschließlich Zustimmung begegnet, hält sie irgendwann für die Wirklichkeit. Wenn Anklage das Zuhören ersetzt, versiegeln Beschimpfungen die Kommunikation und beenden die Debatte. Präzise Sprache hingegen schafft Vertrauen, ermöglicht Kritik ohne den anderen zu demütigen. Sie öffnet Türen zu Gesprächspartnern und Informationen, die durch vorschnelle moralischen Verurteilung verschlossen blieben. Nur so bleibt der andere überhaupt für Fragen und Kritik empfänglich. Wer verstehen will, muss zunächst bereit sein, die eigene Sprache zu disziplinieren.

Hans Magnus Enzensberger beschrieb diese Entwicklung bereits vor mehr als dreißig Jahren als „molekularen Bürgerkrieg“. Demokratien zerbrechen nicht erst, wenn Barrikaden errichtet oder Schüsse abgefeuert werden. Ihre Fundamente werden lange vorher unterspült – wenn Bürger aufhören, denselben Verfahren, Institutionen und schließlich derselben politischen Wirklichkeit zu vertrauen. Dann wird der politische Gegner nicht mehr als Konkurrent verstanden, sondern als Feind.

Die Aufgabe der Medien besteht deshalb nicht darin, Harmonie zu organisieren oder ihre Nutzer vor Zumutungen zu bewahren. Eine Zeitung ist kein Schutzraum. Sie ist öffentlicher Marktplatz. Ihr demokratischer Auftrag besteht darin, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen – auch dann, wenn sie absehbar Widerspruch hervorrufen. Damit endet ihre Verantwortung allerdings. Eine offene Debatte ist das Angebot, welches anzunehmen vielen aber immer schwerer fällt.

Seit Jahren wird nach mehr Medienkompetenz und Faktenchecks gerufen. Gemeint ist meist die Fähigkeit, Quellen einzuordnen, Desinformation zu erkennen oder digitale Werkzeuge zu beherrschen. Das reicht nicht aus. Medienliteralität hingegen beginnt mit der Einsicht, dass auch das eigene Weltbild unvollständig ist. Wer eine Position versteht, übernimmt sie noch lange nicht. Aber er verhindert, dass aus politischem Dissens kulturelle Feindschaft wird.

Medien können unterschiedliche Positionen sichtbar machen und Räume öffnen. Betreten muss sie jeder selbst. Ob es gelingt, Widerspruch auszuhalten, ohne ihn als Angriff auf die eigene Identität zu verstehen, entscheidet sich auch durch Bildung und Meinungsvielfalt in Medien. Gefährlich sind nicht Argumente, gefährlich ist die Aussortierung ihrer Absender.

Wer andere nur noch etikettiert, mag sich moralisch überlegen führen. Für die demokratischen Debatte ist er verloren.

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