Von Weltrangliste „verabschieden“: Wie die Hamburg Open interessant sein wollen
Zufallsbegegnung am Burgerstand neben dem Stadion. Ein junger Mann erwägt, den „Goat-Burger“ zu verköstigen. Die Schlange ist lang. „Entweder verbrenne ich oder ich hole mir jetzt was anderes“, sagt er und ents...
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Zufallsbegegnung am Burgerstand neben dem Stadion. Ein junger Mann erwägt, den „Goat-Burger“ zu verköstigen. Die Schlange ist lang. „Entweder verbrenne ich oder ich hole mir jetzt was anderes“, sagt er und entschließt sich, dem Ableben durch Sonneneinstrahlung zu entsagen.
Passt irgendwie. Das Größte – Goat steht im Sport für „Greatest of all Times“, also der oder die Größte aller Zeiten – ist bei den Hamburg Ladies Open am Rothenbaum nicht zu erwarten. Sportlich wie geschmacklich. Letztlich erhebt nicht mal der Burger (zu Recht) den Anspruch, der leckerste zu sein. Er beinhaltet lediglich Goat-Cheese, Ziegenkäse.
Tennis: Warum das Niveau bei den Hamburg Open ausbaufähig ist
Ein direkter Rückschluss auf das von den Veranstaltern rührselig und familiär organisierte Tennisturnier lässt sich daraus dennoch keiner ziehen. Hier ist bei Weitem nicht alles Käse. Wer am Dienstagmittag Zeuge wird, wie die Hamburgerin Noma Noha Akugue mit mehr als 180 km/h beim Aufschlag erst den Ball und dann ergebnistechnisch ihre Gegnerin Valentina Steiner (Remseck am Neckar) 6:3, 2:6, 6:2 auspeitscht, kommt auf seinen Genuss.

Julija Putinzewa (31) war mal die Nummer 20 der Welt. Aktuell spielt sie in Hamburg.© Witters | Valeria Witters
Und es kommt zugleich sogar mal ein wenig Stimmung auf, da die Herzen der wenigen Zuschauer erwartungsgemäß der stoisch wirkenden Lokalmatadorin gelten. Das Stadion ist mit knapp 500 Menschen gefüllt. Die ersten vier Turniertage sind sogenannte leise Tage, an denen maximal 1500 Personen auf die Anlage gelassen werden dürfen, um keine Lärmbelästigung zu riskieren.
Nur eine Top-50-Spielerin am Rothenbaum
Die Grenze hätte man sich vermutlich sowieso sparen können. Es lässt sich nicht leugnen, dass das nominelle Niveau und damit Interesse ausbaufähig ist. Bestplatzierte Spielerin im Feld ist die Ukrainerin Oleksandra Olijnykowa als aktuelle Weltranglisten-45. Die 25-Jährige, die ihr Preisgeld zu Teilen in Munition für ihr Heimatland im Krieg gegen Russland investiert, ist zugleich die einzige Top-50-Athletin. Damit sind die Hamburg Ladies Open eines der schwächstbesetzten 250er-Events dieser Saison.
Zum Vergleich: Beim parallel ausgetragenen Hartplatzturnier in Prag, ebenfalls 250er-Kategorie, treten fünf der besten 50 Spielerinnen der Welt an, darunter vier Tschechinnen. Daraus lassen sich drei Konklusionen ziehen.
Parallelturnier in Prag stärker besetzt
Erstens: Heimturniere ziehen heimische Athletinnen an. Da Tschechien im Damentennis derzeit im Aufwind ist – das Wimbledon-Finale kürzlich gewann Linda Nosková gegen Karolína Muchová –, ist die Aufwertung des Turniers nur folgerichtig.

Tamara Korpatsch (31) und Hündin Stella gefällt es am Rothenbaum.© Witters | Valeria Witters
Zweitens: Es gibt im Vergleich dazu nicht genügend gute deutsche Spielerinnen, deren Qualität die Veranstaltung in Hamburg trägt. Bestplatzierte Deutsche ist die Lokalmatadorin Tamara Korpatsch, die am Dienstag gegen Victoria Jiménez Kasintseva (Andorra) mit 4:6, 7.5, 1:0 nach Aufgabe der Gegnerin weiterkam, als 79. der Weltrangliste. Deutschlands aktuelle Nummer eins Tatjana Maria (74.) fehlt ebenso wie die Hamburgerin Eva Lys (83.) und Laura Siegemund (86.).
Lohnt eine Umrüstung des Belags?
Und drittens: Ein Turnier auf Sand ist zu diesem Zeitpunkt der Saison nicht attraktiv genug. Die Rasenzeit ist gerade erst vorüber, der Fokus liegt wieder auf dem Hartplatz. Auf diesem Belag werden die US Open, das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres, in New York (23. August bis 13. September) gespielt.
Alles richtig, aber unkommentiert kann und möchte Sandra Reichel das nicht stehen lassen. „Seit wir das Turnier 2021 nach 19 Jahren Pause nach Hamburg zurückgeholt haben, müssen wir viel Aufbauarbeit leisten. Wir sind immer noch ein Start-up“, sagt die ebenso sympathische wie kompetente Turnierchefin.
Veranstalter setzen auf Kinder
Vom ständigen Blick auf die Weltrangliste dürfe man sich gern mal verabschieden, meint die Österreicherin. „Unser Hauptziel ist es, bei Kindern das Interesse an unserem Sport zu wecken. Denen ist egal, ob sie sich ein Autogramm von der Nummer eins, 50 oder 100 der Welt holen. Daher haben wir das Turnier für alle leistbar gemacht, setzen noch stärker auf Kids-Aktionen auf der Anlage“, sagt sie. Der Eintritt für Kinder ist frei, die weiteren Preise vergleichsweise human. Rentabilität zu erzielen, ist damit allerdings trotz städtischer Bezuschussung im niedrigen sechsstelligen Bereich, sehr schwierig.

Turnierdirektorin Sandra Reichel (55) setzt auf Talente.© Witters | Valeria Witters
Aber das sei auch erst mal nicht die wichtigste Komponente. „Ich kann mir wenig Besseres wünschen, als dazu beizutragen, Talente zu pushen, auf ihren ersten Schritten auf der Profitour zu helfen“, sagt Reichel. Tatsächlich: Die beeindruckende 18-jährige Julia Stusek, Victoria Brand (16) oder eben Noha Akugue (22) haben allesamt mindestens Top-100-Potenzial. Da sie sich am Rothenbaum wohlfühlen und zuvorkommend behandelt werden, zieht man sich die Spitzenteilnehmerinnen von morgen clever heran.
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Für einen externen Schub wäre aber wohl eine Umrüstung des Belags nötig. Der Aufwand einer temporären Änderung ist für eine Woche zu hoch und zu kostspielig. Permanent wird das sowieso nichts. Tradition, Kosten-Nutzen und auch die Klientelinteressen des heimischen Clubs an der Alster sprechen dagegen. Es muss also im Kleinen gehen. „Zwei Wochen nach Wimbledon ist ein schwieriger Termin. Vielleicht können wir im nächsten Jahr eine Woche nach vorn im Turnierkalender rücken“, so Reichel, die dadurch auf die Zusagen stärkerer Spielerinnen hofft. Die nächste Goat wird aber wohl nicht kommen.