Wandertipp: Was der Odenwald mit gesunder Ernährung zu tun hat

Im ­Freilandmuseum Odenwald werden Bau- und ­Kulturzeugnisse aus vorindustrieller Zeit bewahrt. Die Wanderung mit einem Schwerpunkt auf bäuerlich-handwerkliches Leben wird ergänzt durch einen Wallfahrtsort.

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Wandertipp: Was der Odenwald mit gesunder Ernährung zu tun hat

Eine der ältesten Kulturpflanzen erlebt in jüngerer Zeit ihre Wiederentdeckung: Dinkel. Durch den strukturellen Wandel der Landwirtschaft nach 1950 war das Getreide fast in Vergessenheit geraten, zu sehr hing ihm der Ruf eines „Arme-Leute-Essens“ an. Seit sein Nährwert und die schmackhafte Variante Grünkern entdeckt wurden, wird er großflächig angebaut, nachdem er zuvor fast nur in eher abgelegenen Regionen wie dem sogenannten Bauland zwischen östlichem Oden­wald und Taubertal überdauert hatte.

Dank besserer Handelswege fand der vermutlich hier entwickelte Grünkern von 1870 an erstmals über das angestammte Gebiet hinaus. Das zog zahlreiche Darren nach sich, in denen man die halb reifen Ähren unter ständigem Wenden stundenlang röstete. Eine solche Darre fehlt natürlich nicht im Odenwälder Freilandmuseum Gottersdorf auf der Hochebene zwischen Schneeberg und Walldürn.

Vergleichbar dem Hessenpark gilt sein Auftrag dem Erhalt von Bau- und Kulturzeugnissen der vorindustriellen Welt. Vom Verfall oder Abriss bedrohte Bauernhöfe, Werkstätten, Stallungen und selbst einfachste Katen werden dafür am ursprünglichen Standort abgebrochen und können im Museum wiedererstehen. In Gottersdorf bilden südöstlicher Odenwald, Unteres Taubertal sowie das Neckarland bis Heidelberg den Rahmen.

Rund 20 Gebäude stehen in dem fünf Hektar großen Areal des Freilandmuseums.
Rund 20 Gebäude stehen in dem fünf Hektar großen Areal des Freilandmuseums.Thomas Klein

Dort gibt es keine Spezifika außer den kargen Lebensumständen, die man in bewusster Zurückhaltung für sich sprechen lässt. Die Beengtheit, verrußte Wände, holprige Böden oder ausgetretene Stufen bedürfen keiner langatmigen Erläuterungen. Schon das Zuschauen bei den regelmäßig vorgeführten Handwerks- und bäuerlichen Arbeiten genügt, um dankbar für die eigenen Lebensumstände zu sein.

Bei allem Engagement sind in Gottersdorf wie in den meisten Freilichtmuseen die Pläne hochfliegender als die finanziellen Möglichkeiten. Statt der avisierten 50 Gebäude dürften es am Ende kaum mehr werden als die aktuell 20, einschließlich zweier örtlicher Gehöfte in situ. Mit ihren original erhaltenen Einrichtungen steht der „Hof Schüssler“ von 1725 für wohlhabendere Bauern, während „Hof Bär“ den Umbruch der Fünfzigerjahre markiert.

Im Wald finden sich mörtellos aufgesetzte Mauern, die einst Terrassen für den Weinbau begrenzten.
Im Wald finden sich mörtellos aufgesetzte Mauern, die einst Terrassen für den Weinbau begrenzten.Thomas Klein

Damals war der Weinbau weitgehend verschwunden. Auf nicht weniger als 35 Kilometer überzogen Terrassen bis zur frostbedingten Aufgabe Ende des 18. Jahrhunderts allein das Morsbachtal zwischen Kloster Amorbach und dem Wallfahrtsort Walldürn. Es fügte sich, dass auch die ursprünglich zur Abtei gehörende Gemeinde Schneeberg durch das Auffinden einer holzgearbeiteten Mutter Gottes Mitte des 15. Jahrhunderts zum Ziel von Pilgerströmen wurde; als Höhepunkt gilt bis heute „Mariä Geburt“ am 8. September mit abendlicher Lichterprozession.

Spenden und Stiftungsgelder erlaubten den Bau einer Gnadenkapelle für die als wundertätig verehrte Maria und im 18. Jahrhundert den Ankauf einer heute äußerst seltenen frühbarocken Ausstattung. 1931 rang man ein zweites, weitaus größeres Langhaus den beengten Verhältnissen ab – das jüngst durch den Einbau einer auf das hölzerne Tonnengewölbe abgestimmten Orgel auch zum klanglichen Ereignis geworden ist.

Wegbeschreibung

Das enge Morsbachtal verlangt selbst moderner Infrastruktur Zugeständnisse ab. Die Bahn verkehrt eingleisig, und für die Bundesstraße 47 gibt es kaum Platz, die Ortschaften zu umgehen. So können das Sportzentrum von Schneeberg und der vorgelagerte Parkplatz des Geoparks Odenwald-Bergstraße direkt angefahren werden. Um die hoch liegende Bahnstation bestehen keine Stellflächen. Zum Anschluss an die Wanderrunde geht man rechts aufwärts, dann über das Sträßchen Brunnrain wieder hinab, nutzt unten den Fußweg zum Stockertsweg und fädelt sich ausgangs an der Bahnbrücke linksseitig mit S 3 in die Runde ein.

Die Markierung nehmen auch die Autofahrer am Parkplatz auf. Sie umgeht links das kleinere Fußballfeld, quert den Morsbach und führt entlang des größeren in eine ansteigende Wiese. Nach etwa 300 Metern weist das Zeichen scharf links ab, kreuzt wieder den Bach und bald die Bundesstraße und weist gegenüber zu besagter Bahnbrücke am Waldzugang.

Für eine Weile läuft man zwischen Gleisdamm und Weinbergsterrassen. Sie sind längst von Vegetation erobert, lassen aber erkennen, wie geschickt man durch die horizontalen, versetzt geschichteten Mauern der Steilheit entgegen arbeitete. In diesem Gebiet wurden sie nach 1800 teilweise erneuert, verwaisten aber bald endgültig zum Segen für den Materialzugriff beim Bahnbau Ende des 19. Jahrhunderts.

Nach dem Übertritt von Bayern nach Baden-Württemberg bleibt sukzessive die Infrastruktur im Tal zurück, wobei eine fast unwirkliche Stille Raum greift. Das ändert sich kaum, wenn nach langem, eher mäßigem Anstieg die Hochebene mit Gottersdorf im Vordergrund erreicht ist. Nur in den Dörfern dürften das Vieh, das Getrappel der Hufe und das Ächzen von Erntewagen eine nie abreißende Geräuschkulisse gebildet haben.

Spenden und Stiftungsgelder erlaubten den Bau einer Gnadenkapelle für die als wundertätig verehrte holzgearbeitere Mutter-Gottes-Figur sowie den Ankauf einer frühbarocken Ausstattung
Spenden und Stiftungsgelder erlaubten den Bau einer Gnadenkapelle für die als wundertätig verehrte holzgearbeitere Mutter-Gottes-Figur sowie den Ankauf einer frühbarocken AusstattungThomas Klein

Das Schlagen der Kirchturmglocke nicht zu vergessen, unverändert jede Viertelstunde. Nach einigen Neubauten weist das Zeichen rechts in die abwärts führende Buchsbaumstraße zu dem vor 100 Jahren mit einem expressionistischen Deckengemälde versehenen neo-barocken Kirchlein St. Michael und weiter zu den Höfen Schüssler und Bär. Der große Weiher dahinter signalisiert den Museumszugang etwas versetzt links davon. Die Gaststätte im Museum hält natürlich Speisen auf Grünkernbasis vor.

Für den Rückweg geht es rechts hinan, auf der birkengesäumten Weiherstraße bleibt man dem Zeichen S 3 treu, zunächst ergänzt um eine grüne Raute. Bevor die 200-Seelen-Gemeinde zurücksteht, überrascht ein im ländlichen Raum nur noch selten anzutreffender Gasthof mit angemessener Karte und eigener Brennerei („Schieser“).

Es geht unverändert bergauf mit einem letzten Blick über die Felder und Wiesen der welligen Hochebene, bevor sich der Wald wieder schließt. Für längere Zeit geht es jetzt eben und geradeaus weiter, wobei sich der Fränkische Marienweg mit rot-blauem Zeichen hinzugesellt. Gerade recht, will es scheinen. Denn fast übergangslos setzt ein abenteuerlicher Abgang ein.

Wo es eben noch beschwingt voranging, will nun jeder Schritt mit Bedacht gesetzt sein. Zunächst schneidet der Pfad eine Serpentine, dann aber, nach Links-rechts-Abzweigen, schlängelt er sich zwischen Felsbrocken, Altholz und Farnteppichen durch die tiefe Gotters­klinge, derart steil, dass selbst Terrassenmauern fehlen. Erst weit unten, ausgangs der rutschigen Partie, glänzen sie rötlichbraun in der Sonne.

Die gestuften Mauern werden heute mancherorts für Streuobst genutzt, wie auch hier vor dem Übertritt nach Schneeberg. In den Hang gesetzte Neubauten beherrschen das Bild bis zur Bahnstation Roscheklinge. Zum Parkplatz läuft man unter den Gleisen durch hinab zur Bundesstraße und geht links gen Einfahrt von Sport- und Parkplätzen, so nicht erst noch der kurze Abstecher rechts zur Wallfahrtskirche den Tag beschließen soll.

Anfahrt

Schneeberg ist über die A 3, Abfahrt Aschaffenburg, über die B 469 Richtung Miltenberg und Amorbach und von dort über die B 47 gen Walldürn zu erreichen.

Alle zwei Stunden besteht eine Bahnverbindung via Aschaffenburg und Miltenberg.

Sehenswert

Ganz Nordbaden in ein bis zwei Stunden: So viel Zeit sollte man für den Besuch des Odenwälder ­Freilandmuseums einplanen. Auf fünf Hektar verteilen sich vollständig eingerichtete Bauernhöfe, Werkstätten und Felder mit alten Fruchtsorten wie dem regionstypischen, zu Grünkern veredelten Dinkel. Schneeberg besitzt die Rarität einer Kirche mit zwei Langhäusern. An die gotische, frühbarock ausgestattete Wallfahrtskirche und ihre Gnadenkapelle für das verehrte ­Marienbildnis aus der Zeit um 1450 wurde 1931 ein Anbau gesetzt.

Öffnungszeiten

Freilandmuseum Odenwald, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, www.freilandmuseum.com. Nächste Sonderveranstaltung: Der „Tag traditionellen Handwerks“ ist am 16. August.

Einkehren

Die Gaststätte im Freilandmuseum wird sonntags bewirtschaftet.

­Der Gasthof „Schieser“, Fichtenweg 2 in 74731 Walldürn, Telefon 0 62 86/4 10,  öffnet sonntags um 11 Uhr, freitags, samstags und montags erst um 17 Uhr.