Warum die Postkarte das erste Instagram war – und heute fast vergessen ist
Vier Postkarten an einem einzigen Tag konnten vor 120 Jahren eine Liebeserklärung sein. Dabei galt das offene Postblatt zunächst als unanständig. Wie aus einem Stück Karton der Vorläufer von Instagram wurde.
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Stand: 20.07.2026, 13:40 Uhr
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Vier Postkarten an einem einzigen Tag konnten vor 120 Jahren eine Liebeserklärung sein. Dabei galt das offene Postblatt zunächst als unanständig. Wie aus einem Stück Karton der Vorläufer von Instagram wurde.
Tübingen – Viermal klingelt am 22. Juni 1904 der Postbote bei Fräulein Anna in Karlsruhe. Viermal bringt er Post mit vom gleichen Verehrer. „Guten Morgen“, „Guten Tag“, „Guten Abend“, „Gute Nacht“, dazu gereimte Verse und eine romantische Illustration. Vier Postkarten, vier Grüße, eine Liebeserklärung - verteilt über einen einzigen Tag. Möglich machte das die mehrmalige Postzustellung im Kaiserreich, wie Veit Didczuneit vom Museum für Kommunikation in Berlin erzählt.
Content-Partnerschaft
Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Die Postkarte war der Messengerdienst ihrer Epoche. Beinahe wären Karten allerdings nie Teil des Alltags geworden: Als Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals über ein „offenes Postblatt“ diskutiert wurde, formierte sich Widerstand.
„Unanständige Form der Mitteilung“
Persönliche Mitteilungen, die jeder lesen konnte? Vielen galt das als unanständig. Man fürchtete um das Briefgeheimnis, den Anstand und die Einnahmen der Post, sagt Veit Didczuneit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Postkarte sei damals sogar als „unanständige Form der Mitteilung auf offenem Postblatt“ beschimpft worden.
Doch 1869 führte Österreich-Ungarn die erste offene „Correspondenz-Karte“ ein, und Deutschland zog ein Jahr später nach. Mit der Halbierung des Portos begann ihr Siegeszug. Die Postkarte machte Kommunikation schneller, billiger und kürzer - als Mittelweg zwischen Brief und Telegramm, bei dem jedes Wort kostete.
Erst mit der Zeit kamen auch Bildmotive auf die Vorderseite der Karten. Wer eine Ansichtskarte verschickte, zeigte zugleich, wo er gewesen war, was ihn beeindruckte und wie er gesehen werden wollte. Die Postkarte wurde zum ersten Medium der Selbstinszenierung. Lange, bevor Menschen ihre Reisen auf Instagram dokumentierten, taten sie genau das auf Karton.
Briefmarke wurde zum Code der Verliebten
Um 1900 explodierte der Markt. Allein in dem Jahr transportierte die Reichspost 440 Millionen Ansichtskarten. Zeitgenossen klagten schon damals über eine „Bilderflut“. Urlaubsorte, Sportereignisse, technische Sensationen, Politik, Humor, Liebe, Krieg - kaum ein Thema blieb ausgespart.
Selbst die Briefmarke sprach, zumal bei Verliebten, berichtet Didczuneit. Schräg aufgeklebt konnte sie bedeuten: „Ich liebe dich.“ Anders platziert: „Schreib sofort!“ Manchmal stand die eigentliche Botschaft also nicht im Text, sondern klebte in der rechten oberen Ecke.
Wetter schön. Hotel gut. Essen prima.
Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen nennt die Postkarte ein „Zwitter-Medium“ an der Schnittstelle von alter und neuer Medienwirklichkeit. Sie zwinge einerseits zur Kürze und zur Verdichtung, sagte er dem epd. „Wetter schön. Hotel gut. Essen prima. Sonnige Grüße.“ Viel moderner und Insta-tauglicher lässt sich eine Reise kaum zusammenfassen. Andererseits handele es sich um ein Medium, das schon vom Aufwand her im Kontrast zur Schnell-schnell-Dynamik des Digitalen stehe.
Heute verschwindet dieses Medium leise: Rund 900 Millionen. 400 Millionen. 147 Millionen. 96 Millionen. Die Zahlen der in Deutschland verschickten Postkarten von den 1980er Jahren bis Mitte der 2020er zeugen von ihrem Niedergang.
Zeichen besonderer Wertschätzung
Der Welttag der Postkarte am 30. Juli soll ein Zeichen gegen das allmähliche Verschwinden der Karte sein. Die deutsche Verlegerin und Designerin Sandra Vogel, Inhaberin des piepmatz Verlags, rief ihn 2012 ins Leben, um der handgeschriebenen Postkarte im digitalen Zeitalter wieder Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Denn gerade, weil heute Milliarden Nachrichten in Sekunden verschickt werden, hat sich die Bedeutung einer Postkarte verändert: Man wählt ein Motiv aus, kauft eine Briefmarke, schreibt mit der Hand, sucht einen Briefkasten und wartet. „Wer heute Postkarten schreibt“, sagt Bernhard Pörksen, „möchte nicht einfach nur rasch einen Gruß loswerden; er möchte ein Zeichen besonderer Wertschätzung senden.“