Werra bleibt salzigster Fluss Deutschlands – K+S rückt von Zusage ab

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Werra bleibt salzigster Fluss Deutschlands – K+S rückt von Zusage ab

Stand: 22.07.2026, 06:25 Uhr

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ein Fluss, daahinter eine Abrraumhalde

Der Werra geht es nicht gut. Die hohe Belastung, unter anderem durch Salzeinleitungen, lässt wenig Artenvielfalt zu. Von einem naturnahen Gewässer ist der Fluss laut BUND weit entfernt. © Foto: Uwe Zucchi/picture alliance / dpa

Der ökologische Zustand der Werra ist laut BUND weiterhin schlecht. K+S will ab 2028 doch nicht auf die Einleitung konzentrierter Salzabwässer verzichten.

Werra-Meißner – Der ökologische Zustand der Werra ist laut des BUND weiterhin schlecht. Ein Grund dafür ist nach Angaben des ehemaligen stellvertretenden Landesgeschäftsführers des BUND Hessen, Thomas Norgall, die Salzbelastung durch die von K+S eingeleiteten Produktionsabwässer. Der Fluss gilt weiterhin als der am höchsten mit Salz belastete in Deutschland. Zudem verschlechtern Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft sowie Schwermetalle und Spurenschadstoffe den Zustand der Werra.

Schlechter Zustand der Werra: Salzabwasser als Hauptgrund

Abwasser aus der Kaliproduktion will K+S auch nach 2027 in die Werra einleiten – im Bild eine der Einleitstellen am Standort Hattorf des Verbundwerks.

Abwasser aus der Kaliproduktion will K+S auch nach 2027 in die Werra einleiten – im Bild eine der Einleitstellen am Standort Hattorf des Verbundwerks. © Jan-Christoph Eisenberg

„Von einer naturnahen Werra und einer naturnahen Weser sind wir leider noch weit entfernt“, sagt Norgall. Seit 2015 koordiniert er die Arbeit des BUND zur Salzproblematik an Werra und Weser – seit seinem Ruhestand vor einem Jahr ehrenamtlich. Einer der Hauptgründe sei seiner Meinung nach die Einleitung salzhaltiger Produktionsabwässer durch K+S. Das salzhaltige Abwasser wird an den zentralen Einleitstellen des Werks Werra bei Philippsthal und Wintershall/Unterbreizbach eingeleitet.

Aktuell läuft noch die gültige wasserrechtliche Erlaubnis 2021 bis 2027 für die Einleitung der Abwässer. Sie schreibt stufenweise sinkende Grenzwerte sowie eine Deckelung der Jahreshöchstmengen vor. Die maximale Einleitmenge ist dadurch auf maximal fünf Millionen Kubikmeter Salzabwasser pro Jahr reduziert – zuvor waren es bis zu 6,7 Millionen Liter. Die Messung der Inhaltsstoffe des Abwassers, darunter Chlorid, Kalium, Magnesium und Sulfat, erfolgt am Pegel Gerstungen.

Unternehmen K+S will auch nach 2027 weiter Abwasser einleiten

Anzeiger für die Wasserqualität: Köcherfliegenlarven gehören zum Makrozoobenthos, kleinen Lebewesen, die auf dem Grund von Gewässern leben.

Anzeiger für die Wasserqualität: Köcherfliegenlarven gehören zum Makrozoobenthos, kleinen Lebewesen, die auf dem Grund von Gewässern leben. © imago stock&people

Dort war der Grenzwert für Chlorid, chemischer Bestandteil vieler Salze, bis 2021 auf 2400 Milligramm pro Liter Wasser festgelegt. Seit 2024 darf er maximal 1700 Milligramm pro Liter betragen. Zum Vergleich: Meerwasser enthält durchschnittlich 19.000 bis 19.800 mg/l, während der Chloridgehalt deutscher Binnengewässer in naturnahen Flüssen meist bei unter 20 bis 50 mg/l liegt. Der gesetzliche Trinkwasser-Prüfwert liegt bei 250 mg/l.

EU-Wasserrahmenrichtlinie

Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) ist ein zentrales EU-Gesetz zur Sicherung und Verbesserung aller Gewässer. Sie verpflichtet die Mitgliedstaaten, bis spätestens 2027 Flüsse, Seen, Küstengewässer und das Grundwasser in einen „guten Zustand“ zu überführen – in Deutschland umgesetzt durch das Wasserhaushaltsgesetz. Bislang befinden sich lediglich etwa neun Prozent der deutschen Oberflächengewässer in einem guten Zustand.

Ursprünglich hatte K+S zugesagt, ab 2028 keine konzentrierten Produktions- und Prozessabwässer mehr in den Fluss einzuleiten, sondern ausschließlich das geringer belastete Haldenwasser. „Davon rücken wir ab“, sagt ein Sprecher des Unternehmens. Der Konzern argumentiert, dass sich „die gewässerbiologische Situation […] in den letzten Jahren insgesamt deutlich verbessert“ habe. Zudem sei Kalium „neben Stickstoff und Phosphor der wichtigste Pflanzennährstoff“, heißt es vom Konzern. Ohne Kaliumdüngemittel sei eine moderne Landwirtschaft nicht möglich – und ohne die deutsche Kali-Industrie müsse sich Europa abhängig machen von Drittstaaten wie Russland, Kanada oder Belarus. Zwar hat sich der Zustand der Werra verbessert – gut ist er jedoch nicht.

Flora und Fauna der Werra sind geschädigt

Die aktuelle Fischbestandserfassung in der Werra aus dem Jahr 2025 zeichnet ein düsteres Bild: Lediglich zehn Fischarten konnten dabei registriert werden. Zudem gab es viele Tiere, die Krankheiten oder Schädigungen aufwiesen. Und das ist nur ein kleiner Teil der Individuen, die durch die Verschmutzung der Werra durch salzhaltige Abwässer sowie Schadstoffeinträge von Feldern und Belastungen mit Schwermetallen geschädigt sind. Zudem nehmen Wanderungshindernisse für die Wasserbewohner sowie zu wenige Auen- und Retentionsflächen Einfluss auf Flora und Fauna der Werra.

„Anschaulich wird die massive Belastung des Ökosystems bei den Fischen“, sagt Thomas Norgall, ehemaliger stellvertretender Geschäftsführer des BUND. Die Schädigungen der Organismen in der Werra – und im weiteren Verlauf auch in der Weser – seien umfassend. „Sie betreffen die Tier- und Pflanzenwelt, Wirbellose und Algen.“ Das bestätigt auch das Regierungspräsidium Kassel als obere Naturschutzbehörde in Hessen. Ein Sprecher ergänzt: „Auch, wenn Krankheitsbilder festgestellt werden, äußern sich die Auswirkungen der Salzbelastung weniger in offensichtlichen Erkrankungen einzelner Organismen als vielmehr in einer Veränderung der Artenzusammensetzung.“ Und die ist, im Vergleich zu anderen Flüssen in Deutschland und Europa, gering.

Zwölf Prozent der untersuchten Fische sind krank oder geschädigt

Albtraum-Szenario: Das massive Fischsterben im deutsch-polnischen Grenzfluss Oder soll sich an Werra und Weser nicht wiederholen. Als eine der Ursachen für die ökologische Katastrophe angenommen wird ein hoher Salzgehalt im Gewässer.

Albtraum-Szenario: Das massive Fischsterben im deutsch-polnischen Grenzfluss Oder soll sich an Werra nicht wiederholen. Als eine der Ursachen für die ökologische Katastrophe angenommen wurde ein hoher Salzgehalt im Gewässer. © Foto: Patrick Pleul/dpa

Der vom Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) festgestellte Mittelwert der Krankheits- beziehungsweise Schädigungsrate von etwa zwölf Prozent über einen Zeitraum von 16 Jahren an den Fischbeständen der Werra sei als relativ hoch einzuschätzen.

Dass „Fische aufgrund der Salzbelastung erkranken, ist wissenschaftlich nicht belegt“, argumentiert das Unternehmen K+S und verweist auf die LAVES-Studie von 2025. Darin steht jedoch, dass „aktuelle Forschungsergebnisse zeigen […], dass die infolge der Salzabwassereinleitungen der Kaliindustrie in der Werra auftretenden Ionenkonzentrationen negative Effekte auf den Gesundheitszustand und den Reproduktionserfolg von Süßwasserfischen haben können“ (Baberschke et al. 2021, Baberschke et al. 2019a, 2019b, Irob et al. 2019, Wagler 2019).

Über 100 Jahre lang werden Kalisalze an der hessisch-thüringischen Grenze abgebaut.

Kalistandort sichert Versorgung in Europa – und belastet die Umwelt

Das Werk Werra ist der größte Kalistandort des Unternehmens K+S und fördert jährlich etwa 20 Millionen Tonnen Rohsalz. Die Firma ist ein wichtiger Arbeitgeber mit etwa 4500 Beschäftigten allein am Werk Werra. Zudem sind die Produktion von Kalidünger für die Landwirtschaft sowie unter anderem die Waschmittel- und Medikamentenherstellung abhängig vom Salz aus dem Bergbau. Allerdings fallen dabei jedes Jahr Millionen Liter von Abwasser an, die in die Werra eingeleitet werden.

Und das soll, wenn es nach dem Unternehmen geht, auch weiterhin passieren. Auch die Grenzwerte für den Salzgehalt im Abwasser möchte K+S beibehalten – trotz voriger Zusage, ab 2028 kein Produktionsabwasser mehr in den Fluss einzuleiten. „Weil die Einstapelung salzhaltiger Wässer in der Grube Springen nach einem mehrjährigen Verfahren nicht genehmigt wurde, kann die Werra nicht so entlastet werden wie angenommen“, sagt Dr. Jens Christian Keuthen, Vorstandsmitglied von K+S. „Wir haben mitnichten einen Kompromiss aufgekündigt – vielmehr hat der Wegfall der fest eingeplanten Entsorgungsmöglichkeit in der Grube Springen der mit der Flussgebietsgemeinschaft Weser ausgearbeiteten Zielsetzung die Grundlage entzogen“, so Keuthen weiter. Um die Produktion sicherzustellen und Deutschland und Europa beständig mit unverzichtbaren Rohstoffen versorgen zu können, sei eine verlässliche Entsorgung notwendig.

Thomas Norgall und der BUND sind damit nicht einverstanden, zudem laut ihm auch das Grundwasser von salzhaltigem Wasser belastet wird, das von den Halden wie dem Monte Kali abläuft: „Wir warten immer noch darauf, dass K+S seine Pläne aufgibt oder der hessische Umweltminister endlich seine Ziele zur weiteren Sanierung der Salzbelastung in der Werra mitteilt. Aber Umweltminister Ingmar Jung engagiert sich lieber für den Abbau des Naturschutzes und die hessische Mundart.“