Wie ein Narkosemittel die Partyszene flutet

Wie ein Narkosemittel die Partyszene flutet «Ich konsumiere Ketamin wie Bier»Der Stoff ist reiner, günstiger und immer leichter erhältlich. Warum schnupfen Partymenschen ein Narkosemittel?Publiziert: 19:16 Uhr|...

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Wie ein Narkosemittel die Partyszene flutet

Wie ein Narkosemittel die Partyszene flutet

«Ich konsumiere Ketamin wie Bier»

Der Stoff ist reiner, günstiger und immer leichter erhältlich. Warum schnupfen Partymenschen ein Narkosemittel?

Publiziert: 19:16 Uhr

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Aktualisiert: 19:35 Uhr

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft

  • Ketamin als Partydroge boomt, besonders in Zürich
  • Abwasserdaten in Europa zeigen im Jahr 2025 41% Prozent mehr Ketamin-Spuren als im Vorjahr
  • Der Stoff kommt hauptsächlich aus Indien

Eigentlich wollte sie es nur einmal ausprobieren. «Ich teste gerne Substanzen», sagt Maria W. (25)*. Einen Joint hatte sie schon mal geraucht, eine Ecstasy-Pille mal geschluckt. Doch dann lag da etwas Neues vor ihr: ein weisses Pulver, unbekannt und leicht zu verwechseln mit Kokain. Ihr Freund legte Linien auf dem Sofatisch, sie zog sich den Stoff durch die Nase. Wie viel es war, weiss sie nicht mehr. Aber: «Es gefiel mir.» Und es blieb nicht bei einem Mal.

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Konsument packt aus:«Ketamin ist besser als Alkohol»

Ketamin, genauer Ketaminhydrochlorid, ist eigentlich ein Narkosemittel. Strömt es ins Blut, wirkt es innert Sekunden. Über die Schleimhäute dauert es wenige Minuten. Im Vietnamkrieg war die Substanz deshalb beliebt. Zuverlässig hat sie verwundete Soldaten in schmerzfreie Sphären befördert. Tierärzte betäuben damit Pferde. In der Medizin hat sich Ketamin längst etabliert. Doch dessen Beliebtheit wächst derzeit andernorts.

In der Partyszene nennen sie es «Vitamin K», «Special K» oder einfach nur «K». Am kommenden Samstag, wenn wieder Hunderttausende an die Street Parade strömen, werden nicht wenige kleine Plastiktüten in der Tasche tragen. «Ketamin gehört mittlerweile zur Standardausrüstung im Ausgang», sagt Maria W. Abwasserdaten geben ihr recht.

Wird MDMA verdrängt?

Die Europäische Drug Agency (Euda) hat jüngst Zahlen zur Verbreitung von Ketamin publiziert. 66 Städte wurden untersucht. Es ist die grösste Analyse ihrer Art. Und sie zeigt: Von 2024 bis 2025 sind die Ketamin-Spuren im Abwasser um 41 Prozent gestiegen. Vor allem an Wochenenden schnellt die Konzentration nach oben.

Spitzenreiter in der Schweiz ist Zürich, gefolgt von Genf, Basel, Neuenburg und Bern. In den Städten verzeichnen die Drug Checkings eine Zunahme. Die Suchthilfe Region Basel schreibt sogar: «Ketamin scheint derzeit im Trend zu sein, MDMA/Ecstasy als Partydroge abzulösen.» Die Euda-Zahlen stützen diesen Eindruck: Im gleichen Zeitraum sind die Rückstände von MDMA im Abwasser um 16 Prozent gesunken. Experten sind sich einig: Ketamin erobert breitere Bevölkerungsschichten. Was ist da los?

Auf dem Schwarzmarkt ist das Schmerzmittel laut Suchthilfe Basel inzwischen «sehr leicht» erhältlich. Kostete das Gramm vor wenigen Jahren noch 80 Franken, sind es vielerorts nur noch 50. Gleichzeitig steigt der Reinheitsgrad. Bei den Proben in Basel liegt er inzwischen bei 82 bis 100 Prozent.

Im Koffer von Passagieren

Der Handel mit Ketamin hat international an Bedeutung gewonnen, schreibt das Bundesamt für Polizei (Fedpol). Der Stoff gelangt hauptsächlich aus Indien nach Europa. Unklar ist, ob der Import über legale Pharma- oder Scheinfirmen geschieht, so das Fedpol. Oder ob Ketamin im darauffolgenden Vertrieb aus dem legalen Markt abgezweigt wird. Fest steht: Kriminelle profitieren davon, dass Ketamin keiner internationalen Kontrolle unterliegt.

121 Kilogramm haben die Behörden hierzulande im vergangenen Jahr sichergestellt, oft an Flughäfen. Die Kantonspolizei Zürich sagt, das Schmerzmittel gelange primär im Reisegepäck von Passagieren in die Schweiz. Ein Grossteil ist jedoch nicht für hier bestimmt. Europa fungiert als Umschlagplatz, insbesondere Deutschland und Belgien. Der Stoff legt den umgekehrten Weg von Kokain zurück, von hier aus nach Nord- und Südamerika.

Je grösser der Markt, desto mehr Menschen zieht der Stoff in seinen Bann. Doch es fragt sich, warum Feiernde überhaupt zu einem Narkosemittel greifen. Maria W. sagt: «Ich konsumiere Ketamin wie Bier.» Der Rausch erinnere sie an Alkohol, nur ohne Kater danach. Zudem sei Ketamin günstiger, als Drink um Drink zu bestellen.

Das «Ich» löst sich auf

In geringen Dosen wirkt Ketamin enthemmend, euphorisierend. Wer mehr schnupft, erlebt eine andere Seite der Droge. Ab etwa 50 Milligramm (nasal konsumiert) setzen dissoziative Zustände ein. Betroffene fühlen sich neben sich, manche halluzinieren. Ab 75 Milligramm werden Körperteile taub, es kann zum sogenannten «K-Hole» kommen. Ein Zustand der Ich-Auflösung, vergleichbar mit hoch dosiertem LSD.

Weil schon wenige Milligramm die Wirkung radikal verändern, warnt die Suchthilfe Basel ausdrücklich vor dem Konsum im Partysetting: «Die Dosierung ist schwierig einzuschätzen und kann zu gefährlichen Zwischenfällen führen.» Die Raum-Zeit-Wahrnehmung verschiebt sich, Freunde gehen verloren. Und weil die Droge betäubt, spüren Betroffene Verletzungen oft nicht sofort.

Besonders gefährlich wird es bei Mischkonsum. Wer Ketamin mit Alkohol, Benzodiazepinen oder Opiaten mixt, riskiert eine Atemlähmung. Aus dem Narkosemittel wird so eine Killerdroge. Wie im Fall von «Friends»-Star Matthew Perry, der auf Ketamin in seinem Whirlpool gestorben ist.

Alle 15 Minuten aufs WC

Exzessiver, jahrelanger Ketamin-Konsum schädigt zudem die Blase. Maria W. erzählt von einem Freund, der zu Beginn nur ein Ziehen beim Wasserlassen verspürte. Irgendwann hatte er Blut im Urin. Heute muss er alle 15 Minuten auf die Toilette – «um sicherzugehen, dass er nicht in die Hose macht».

Mit dem steigenden Konsum wächst auch die Zahl der Abhängigen. Jonas Montagna (39), stellvertretender Chefarzt Psychiatrie beim Arud Zentrum für Suchtmedizin, sagt: «Vor acht Jahren hatten wir noch keine Ketamin-Abhängigen bei uns. Mittlerweile fallen sie auf.» Wieso, sei schwierig zu sagen. Montagna hat aber eine Theorie.

Aus der Forschung ist bekannt, dass Ketamin bei therapieresistenten Depressionen und Angststörungen helfen kann. Nur fehlt es in der Schweiz an Therapieplätzen. Das verleitet Betroffene dazu, sich selbst zu behandeln. «Und das kann halt schiefgehen», sagt der Psychiater. «Dann landen sie bei uns.»

«Tagelang nachschmeissen»

In der Wissenschaft ist viel über Ketamin bekannt. Manche Konsumenten wiegen sich deshalb in falscher Sicherheit. Denn als Narkosemittel ist Ketamin gut erforscht – nicht aber als Partydroge. Was sich aber sagen lässt: Wer es zum Feiern schnupft, baut schnell eine Toleranz auf. Drogen mit dieser Eigenschaft haben in der Regel ein hohes Suchtpotenzial.

Maria W. erzählt, früher habe sie ein Gramm Ketamin über zwei bis drei Monate konsumiert. Heute reicht es für einen Ausgang. Begeistert ist sie trotzdem. Koks mache irgendwann müde, bei MDMA lasse die Wirkung mit der Zeit nach, bei LSD ebenso. «Aber Ketamin kann ich tagelang nachschmeissen.» Alle zwei Stunden eine Linie.


*Name geändert