Darmstadt 98 sucht die Balance

Darmstadts Trainer Florian Kohfeldt bescheinigt seiner Mannschaft beim 1:5 in Wolfsburg „naives Verhalten“. Nun geht der Tabellenletzte als Repräsentant des deutschen Profifußballs auf Amerikareise.

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Darmstadt 98 sucht die Balance

Die Vorfreude auf die nächste Dienstreise ließ sich nur bedingt erkennen. Darmstadt 98 hatte gerade die Partie beim VfL Wolfsburg 1:5 (1:2) verloren. Und Kai Klefisch wurde gebeten zu erzählen, auf was er sich im Rahmen der bevorstehenden USA-Reise seines Vereins freut. Er kam auf der Suche nach Antworten kurz ins Grübeln. Der lange Flug nach San Antonio (Texas) erfreut ihn nicht. Die Aussicht auf einen Besuch beim American Football auch nicht. „Es ist eine gute Sache, dass wir als Mannschaft zusammenbleiben und die Zeit nutzen, um noch besser zusammenzurücken“, sagte der Mittelfeldspieler.

Zu besprechen gibt es in der Ferne neben der Auswärtspleite in Wolfsburg einen missratenen Saisonstart und den Sturz bis an das Ende der Tabelle der zweiten Liga.

Die Geschichte einer Niederlage, deren Höhe sich desaströs anhört und aufhorchen lässt, hat zwei sehr unterschiedliche Perspektiven. Das Lilien-Team um Kapitän Marcel Schuhen war am Freitagabend eigentlich gut in die Partie gestartet. Dem frühen Rückstand durch ein Tor des Wolfsburgers Alexander Bernhardsson (14. Minute) ließen die „Lilien“ mutige Momente folgen. Milan Smit gelang nach 29 Minuten der Ausgleich nach einem Fehler im Spielaufbau des Gegners.

Danach schaffte es das Darmstädter Team sogar, dass vor 18.345 Zuschauern im Stadion am Mittellandkanal Unmut über die Leistung des VfL Wolfsburg auftrat. Stürmer Ho-jae Lee versäumte es bei einem Kopfball in aussichtsreicher Position, den Führungstreffer für Darmstadt zu erzielen. Auf der Gegenseite köpfte sein Pendant Robert Glatzel kurz vor der Halbzeitpause das 2:1. Man hätte die Deutung der Partie auf diese beiden Szenen reduzieren können. Aber da war mehr.

Was tun aus „Lilien“-Sicht? Den Schaden in Grenzen halten?

In die Analyse eines Duells, in dem der überragende Wolfsburger Fabian Reese drei VfL-Tore vorbereitet hatte und auf der linken Außenseite nicht zu stoppen war, mischte sich eine grundlegende Debatte. Sollten die Darmstädter bei einem schier übermächtigen Gegner versuchen, ihr Glück in der Offensive zu finden, oder lieber den Schaden in Grenzen halten?

Florian Kohfeldt bestätigt seinen Spielern 60 gute Minuten und eine wirre Schlussphase. „Natürlich ist das ein Stück weit naiv. Sie wollten nach vorne spielen und das Spiel noch drehen“, sagte der Trainer einer SVD-Mannschaft, die offensichtlich noch nach ihrer Balance sucht. Das Ziel, den hohen Favoriten aus Wolfsburg mit beherzten Zweikämpfen zu ärgern und zu stören, wurde nicht erreicht. „Wir waren gefühlt immer einen Schritt zu spät und sind nicht in den Zweikampf gekommen“, gestand Verteidiger Raoul Petretta. Er klang ernüchtert bis sauer. Ihm tat der Abend in Wolfsburg, den rund 600 Fans aus Darmstadt vor Ort miterlebt hatten, einfach nur weh.

Was ist eigentlich schlimm daran, bei einer drohenden Niederlage sein Heil in der Offensive zu suchen? Patric Pfeiffer zum Beispiel war kurz nach der Halbzeitpause ein fulminanter Schuss gelungen. Der Ball prallte vom rechten Innenpfosten an den linken Innenpfosten und sprang dann zurück ins Feld. Und die Wucht dieser sehenswerten Aktion zeigte, dass die Mannschaft durchaus wollte.

Dass der ambitionierte VfL Wolfsburg zu weiteren Treffern durch Glatzel, Bernhardsson und Muhammed Damar kam, lag vor allem an deren individueller Klasse. Und vielleicht ertappt sich der Trainer von Darmstadt 98 im Nachhinein auch dabei, einen zu tiefen Knicks vor seinem ehemaligen Verein gemacht zu haben. „Die Jungs“, sagte Kohfeldt über die Wolfsburger Profis, „sind auf Dauer nicht 1:1 zu verteidigen. Das fühlt sich so an wie früher, wenn du in der Bundesliga gegen Bayern spielst.“ Er bescheinigte dem VfL Wolfsburg einen absolut verdienten Heimsieg und seinem Team immerhin Momente, „in denen das Spiel hätte kippen können“.

Den tieferen Teil der Analyse, wie Darmstadt 98 besser und erfolgreicher werden soll, vertagte Kohfeldt. „Wir können als Team mehr zusammenfinden“, sagte der Trainer mit Blick auf die einwöchige Reise in die Vereinigten Staaten. Man betrete als Repräsentant des deutschen Profifußballs Neuland. Auf die Tatsache, dass Darmstadt 98 ausgerechnet als Schlusslicht der zweiten Liga auf eine internationale Werbetour geht, hätten Spieler und Trainer gerne verzichtet.