„Weniger Termine und weniger Leistungen“ – Hausärzte rechnen mit Warkens Reform ab
StartseiteWirtschaftWarkens Spargesetz trifft Hausärzte: 2,7 Milliarden Euro weniger könnten Termine bremsenStand: 21.07.2026, 15:11 UhrKommentareUns auf Google folgenZwischen Krankenhausreform und Primärversor...
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Warkens Spargesetz trifft Hausärzte: 2,7 Milliarden Euro weniger könnten Termine bremsen
Stand: 21.07.2026, 15:11 Uhr
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Zwischen Krankenhausreform und Primärversorgung: Wohin die Hausarztpraxen in Deutschland unter Ministerin Warken steuern.
Bevor die Tür der Gemeinschaftspraxis um 9.00 Uhr öffnet, ist die Treppe in den ersten Stock schon gut gefüllt. 20 Patientinnen und Patienten gucken wartend in ihre Smartphones. Geht es dann los, nimmt die Schlange am Tresen stundenlang kaum ab, das Praxisteam hat gut zu tun, zumal auch das Telefon klingelt und E-Mails mit akuten Terminwünschen reinkommen. Oft stressiger Alltag ist das für die beiden Hausärztinnen, ihren Arztkollegen und die übrigen sieben Beschäftigten der Praxis in Berlin. Kann sich die Situation demnächst mal entspannen, oder wird sie sich eher verschärfen?

Im Augenblick stecken die Ärztinnen und Ärzte zwischen den Folgen der Krankenkassen-Reform, die der Bundestag kürzlich beschloss, und dem nächsten großen Vorhaben: Bald sollen die Praxen die obligatorische Ansprechstation für die meisten Gesundheitsprobleme werden. „Primärversorgungssystem“ wird das genannt. Und dann gibt es noch die Krankschreibung, die sie allen Beschäftigten wieder am ersten Tag ausstellen sollen – ein echter Aufreger.
Warkens Gesundheitsreform: Verbesserung oder Verschlechterung?
Im bundesweiten Durchschnitt versorgt jede Hausarztpraxis heute etwa 15 Personen pro Tag. Aber es existieren große Unterschiede – zwischen Dörfern und Großstädten, von Winter zu Sommer. So behandelt die Berliner Praxis über 100 Leute an einem normalen Wochentag. Anders als bei Fachärztinnen und Fachärzten bekommen die Kranken relativ schnell Termine. „Nur 25 Prozent der Patientinnen und Patienten warten aktuell länger als drei Tage“, heißt es beim Hausärztinnen- und Hausärzteverband. Ein Viertel der Patienten suche die Hausarztpraxen ohne Termin direkt auf.
Ist durch die jüngste Reform, die die Kosten der Krankenkassen verringern soll, nun eine Verbesserung oder Verschlechterung zu erwarten? „Die Regierung unternimmt momentan alles, um die Wartezeiten für Patientinnen und Patienten in die Höhe zu treiben“, sagt Markus Blumenthal-Beier, der Vorsitzende des Hausärzteverbandes. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung sieht es ähnlich. „Die jüngsten Beschlüsse bewirken das genaue Gegenteil von schnelleren Terminen“, erklärt Pressesprecher Roland Stahl, denn „das Gesetz sieht erhebliche Einsparungen in der ambulanten Versorgung vor: 2,7 Milliarden Euro sollen im nächsten Jahr gekürzt werden“.
Kürzungen durch Warken-Reform – „weniger Termine und weniger Leistungen“
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat in ihren Gesetzentwurf aufgenommen, dass die Krankenkassen den Praxen für manche Leistungen bald weniger Geld zahlen. Laut Kassenärztlicher Vereinigung betrifft das „zum Beispiel ambulante Operationen, Untersuchungen zur Früherkennung und Impfungen“. Während die Praxen heute die kompletten Kosten einer Grippe-Impfung von 10,80 Euro erstattet bekämen, erhielten sie künftig weniger. Sie blieben damit auf einem Teil der Kosten sitzen, sagen die Ärztevertretungen.
Und dies werde dazu führen, dass die Medizinerinnen und Mediziner auch bei ihrem Personal sparen. Freiwerdende Stellen von Medizinischen Fachangestellten und Ärztinnen würden nicht neu besetzt. Mancher ältere Praxisinhaber werde wohl auch die Konsequenz ziehen und seine Tätigkeit früher als beabsichtigt aufgeben. Junge Doktorinnen und Doktoren halte die Reform außerdem davon ab, eine Praxis zu übernehmen oder zu eröffnen. „Letztlich bedeutet das Spargesetz weniger Termine und weniger Leistungen für die Patientinnen und Patienten“, erklärt Stahl.
Nach der Reform ist vor der Reform
Die Begründung der Ministerin sieht so aus: „Alleine im Vorjahr sind die Ausgaben für ambulante ärztliche Behandlungen um 7,6 Prozent gestiegen.“ Das sei deutlich mehr als die Entwicklung der Kasseneinnahmen. Beides solle also wieder zusammengebracht werden, sprich: Die Kosten müssten runter. Fragt man das Ministerium, ob wirklich mit weniger Terminen in den Praxen zu rechnen sei, lautet die Antwort, diese seien verpflichtet, das notwendige medizinische Angebot aufrechtzuerhalten. Und nach der Reform ist vor der Reform. Im Spätsommer oder Frühherbst 2026 soll Warkens Gesetzentwurf zum Primärversorgungssystem kommen.
Dieser könnte dann die neue Pflicht der gesetzlich Versicherten etablieren, im Fall von Infekt, Krankheit oder Schmerzen als Erstes zur Hausärztin zu gehen. Bei Grippe, hartnäckigem Husten oder leichten Verletzungen machen das heute viele Leute sowieso, aber grundsätzlich darf man auch eine spezialisierte Fachpraxis aufsuchen. Das führt nicht selten zu unnötigen oder parallelen Behandlungen und damit beträchtlichen Kosten im Gesundheitssystem.
Erstberatung per Videosprechstunde
Künftig sollen Hausärztinnen und Hausärzte dagegen als obligatorische Lotsen fungieren, die den Weg zu den richtigen Fachpraxen weisen, falls sie die Behandlung nicht selbst leisten können. Damit sie mit der Mehrarbeit zurechtkommen, soll die Erstberatung möglichst digital stattfinden, etwa mit Videosprechstunden, die auch andere Praxisbeschäftigte abhalten.
Ansätze dieser Verfahren existieren in Gestalt der sogenannten hausarztzentrierten Versorgung schon heute auf freiwilliger Basis. Sie genießen einen guten Ruf. „Ein gut umgesetztes Primärversorgungssystem erleichtert die Versorgung der Patientinnen und Patienten, weil unnötige Doppeluntersuchungen oder Rückfragen zu Behandlungen und Krankheitsgeschichte wegfallen“, sagt Hausärzte-Vertreter Blumenthal-Beier. Allerdings fügt er hinzu: „Die Vergütung“ der Praxen „muss diese Versorgungsstruktur gerecht und fair abbilden“.