Teures Tarifchaos: Die neuen Arzttarife erhöhen die Kosten und nützen den Falschen

2260 Franken für einen Eingriff von 10 Minuten: Die neuen Arzttarife heizen die Kosten an und belohnen die FalschenDer neue Arzttarif wird wohl den Kostendeckel sprengen. Auch weil die Spezialärzte damit mehr a...

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Teures Tarifchaos: Die neuen Arzttarife erhöhen die Kosten und nützen den Falschen

2260 Franken für einen Eingriff von 10 Minuten: Die neuen Arzttarife heizen die Kosten an und belohnen die Falschen

Der neue Arzttarif wird wohl den Kostendeckel sprengen. Auch weil die Spezialärzte damit mehr abrechnen als erwartet.

26.09.2026, 21.47 Uhr

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Blick aus der Röhre: Ein Patient bei einem CT-Scan.

Blick aus der Röhre: Ein Patient bei einem CT-Scan.

Johnny Greig / E+ / Getty

Die Sache dauerte genau zehn Minuten. Einmal tief Luft holen, dann langsam ausatmen, während der Urologe das dünne Röhrchen aus der Harnröhre zieht – vorbei. Es war der letzte Akt eines Eingriffs zur Entfernung von Nierensteinen, den Christoph Meier (Name geändert) im Januar über sich ergehen lassen musste. Etwas schmerzhaft, wie der Mann im mittleren Alter erzählt, aber letztlich simpel.

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Was mehr weh tat, war später die Rechnung: 2260 Franken für zehn Minuten. So will es der Pauschalpreis, den das neue Tarifsystem dafür vorgibt. Und Meier hatte das Pech, dass er die Behandlung nicht mehr im alten Jahr zum alten Tarif machen konnte. Denn dann hätte er nur gut 400 Franken bezahlt. «Ich kann mir das nicht erklären», sagt er.

Meiers Erfahrung beschäftigt derzeit auch die ganze Gesundheitspolitik. Die neuen Arzttarife, nach jahrelanger Debatte per 2026 eingeführt, erweisen sich als komplex und fehlerhafter als erhofft – und auch als teurer. Und das wiederum fliesst mit in die Rechnung, wenn die Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider am Dienstag den Prämienanstieg fürs nächste Jahr bekanntgibt.

Gegenteilige Wirkung

Elisabeth Baume-Schneider.

Elisabeth Baume-Schneider.

Christian Beutler / Keystone

Dabei war es ganz anders gedacht. Das neue System – Einzelpositionen für einfache Behandlungen, Pauschalen für grössere, standardisierte Eingriffe – sollte die Arzttarife einfacher, transparenter und sachgerechter machen. «Es ist ein Meilenstein», freute sich Baume-Schneider bei der Genehmigung. Und damit auch die Kosten im Rahmen bleiben, spannte der Bundesrat mehrere Sicherheitsnetze. Eines davon: Die Bruttokosten der ambulanten Leistungen dürfen um nicht mehr als 4 Prozent steigen.

Nun kommt die Ernüchterung. Noch liegen erst wenige und nur provisorische Daten zur Wirkung der Tarife vor, doch die zeigen in die falsche Richtung. So haben die Kosten der ambulant tätigen Ärzte gemäss dem Monitoring des Bundes deutlich zugenommen, im ersten Quartal dieses Jahres um 5,5 Prozent und im zweiten sogar um 7,1 Prozent. Und auch die Leistungserbringer sehen in ihren eigenen Daten einen Anstieg in ähnlicher Grössenordnung. In der Branche sagen darum viele Kenner hinter vorgehaltener Hand: Der Deckel von 4 Prozent wird überschritten werden.

Doch nicht nur dies: Der Tarif bewirkt offenbar auch das Gegenteil dessen, was er hätte bewirken sollen. Eigentlich wollten die Tarifpartner und der Bund damit die Hausärzte stärken und gegenüber den Spezialärzten etwas aufwerten. Doch nun sind die Kosten bei den Augenärzten, Hautärzten oder Neurologen im zweistelligen Bereich gewachsen, während die Hausärzte nicht zulegten.

Wo also liegt das Problem? Oder anders gefragt: «Sind Ärzte Abzocker – oder ist der Tarif grundfalsch?»

Genau zu dieser Frage führte der Chirurgenverband FMCH diese Woche ein Podium durch, und die Antwort seines Präsidenten Michele Genoni fällt deutlich aus. «Der Tarif ist schlecht», sagt er.

Man habe die Tarife zu wenig sorgfältig erarbeitet und zu schnell eingeführt, was die Spezialärzte von Anfang an bemängelt hätten. Daher dürfe man nun nicht ihnen pauschal die Schuld für die strukturellen Fehler eines Systems zuschieben, das sie weder beschlossen noch genehmigt hätten.

Was falsch läuft, zeigt laut Genoni just das Beispiel von Christoph Meier exemplarisch. Der Patient muss einen Pauschalpreis zahlen, der eine ganze Reihe von urologischen Handlungen und Eingriffen abdeckt. In diesem einfachen Fall der Entfernung einer Harnleiterschiene sei der Preis dafür viel zu hoch. In einem anderen, komplexeren Fall wäre er umgekehrt zu tief. «Das ist das Problem des Tarifsystems, nicht der abrechnenden Ärzte», sagt Genoni. Ein anderer Systemfehler: Für viele Eingriffe sind Zeitangaben hinterlegt, die alt und viel zu hoch sind. So kann ein Arzt dafür viel mehr Zeit abrechnen, als er effektiv braucht.

Bund warnt vor Tricksereien

Die Krankenkassen indes sehen darüber hinaus noch ein anderes Problem. In ihren Augen verteidigen die Spezialärzte energisch ihre bisherigen Errungenschaften und Einkommen, mit politischen und in einigen Fällen auch mit unlauteren Mitteln. Zu den ersten gehört, dass sie aus Sicht der Kassen bislang zu wenig konstruktiv mitarbeiten, die Tarife mit korrekten Daten zu verbessern, obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet wären.

Zum zweiten Punkt wurde Saskia Schenker, Direktorin des Branchenverbandes Prioswiss, Anfang Monat bei Radio SRF deutlich: «Ich muss das harte Wort ‹Betrugsbekämpfung› sagen.» Einzelne Ärzte, so Schenker, würden zum Schaden aller das Tarifsystem gezielt umgehen. Als Beispiel nannte sie den Trick, dass Ärzte Patienten für einen Eingriff, den man an einem Tag erledigen könnte, an zwei verschiedenen Terminen aufbieten – und so die Pauschale zweimal verrechnen. Wenn dies systematisch geschehe, so Schenker, würden die Krankenkassen später Rückforderungen einleiten.

Auch der Bund selber hat nach Medienberichten und Klagen von Patienten deswegen schon reagiert. Im Sommer warnte Anne Lévy, die Direktorin des Bundesamtes für Gesundheit, die Tarifpartner in einem Brief, es gebe Hinweise auf trickreiches Abrechnen einzelner Ärzte. Man solle dieses Problem angehen.

Tiefgreifendere Korrekturen

In einem Punkt immerhin sind sich alle Beteiligten einig: Das System kann und muss korrigiert werden. Dasselbe forderte diese Woche auch Gesundheitsministerin Baume-Schneider. Sollte die Besserstellung der Hausärzte ausbleiben, «so erwartet der Bundesrat von den Tarifpartnern rasche Korrekturen», stellte sie im Parlament klar.

Erste Verbesserungen und Fehlerbehebungen haben Ärzte, Spitäler und Krankenkassen auch schon eingeleitet. Der schwierigere Teil aber wird folgen, falls der Kostendeckel wie absehbar überschritten wird. Für diesen Fall verlangt der Bund, dass die Tarifpartner im nächsten Jahr tiefgreifendere Korrekturen vorschlagen. Und bereits jetzt wird im Hintergrund darum gerungen, wie das geschehen könnte: Wo stimmen die Tarife nicht mit der Realität überein? Aufgrund von wessen Daten wird dies entschieden? Und wem wird letztlich wie viel abgezwackt?

Christoph Meier wird dies nichts mehr bringen. Er suchte bei seiner Krankenkasse, den Ärzteverbänden und der Ombudsstelle der Krankenversicherung nach genauen Erklärungen für die Höhe seiner Rechnung – vergeblich. Sein Fazit: «Dieser Arzttarif ist ein Ungetüm mit störend hohen und unerklärbaren Tarifen.» Und das, findet er, untergrabe das Vertrauen ins ganze System.

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