Ton Steine Scherben-Konzert beginnt mit Hiobsbotschaft

Konzert 30. Todestag von Rio Reiser Ton Steine Scherben-Konzert beginnt mit Hiobsbotschaft ...

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Ton Steine Scherben-Konzert beginnt mit Hiobsbotschaft

Konzert 30. Todestag von Rio Reiser

Ton Steine Scherben-Konzert beginnt mit Hiobsbotschaft

Kai Sichtermann von Ton Steine Scherben spielt am 02.08.2026 auf dem Fährmannsfest 2026 in Hannover (Quelle: dpa/Geisler-Fotopress)
Kai Sichtermann von Ton Steine Scherben spielt am 02.08.2026 auf dem Fährmannsfest 2026 in Hannover (Quelle: dpa/Geisler-Fotopress)

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Kai Salander

Ein Herr mit langen, schlohweißen Locken hält eine Vinylscheibe in der Hand: "Keine Macht für Niemand", die zweite Platte der Ton Steine Scherben von 1972. Er trägt eine Kordjacke und unterhält sich mit seinem Begleiter über die frühe Hausbesetzerszene in Berlin. Um ihn herum füllen sich an diesem Donnerstagabend Holzbänke und erhöhte Sitzreihen im Luftschloss auf dem Tempelhofer Feld. Es sieht aus wie in einem kleinen Amphitheater. Roter Irokesenschnitt neben grau meliertem Haar.

Dann beginnt das Konzert zum 30. Todestag von Rio Reiser mit einer Hiobsbotschaft. Der frühere Scherben-Keyboarder Martin Paul habe vor wenigen Tagen seinen Kampf gegen den Krebs verloren. Deshalb sei ihm der Abend gewidmet, verkündet Drummer Klaus "Funky" Götzner.

Kurz darauf verstummt das Luftschloss, als die Stimme von Rio Reiser aus den Boxen klingt, die Klavierballade "Weit von hier", eine seiner späten Nummern, die erst nach seinem Tod vor 30 Jahren erschienen ist. Ab den ersten Akkorden kehrt eine gespenstische Ruhe ein. Kai Sichtermann, Bassist und Gründungsmitglied der Scherben, holt die Fans zurück ins Hier und Jetzt mit einem Countdown zum ersten Livesong. Weil die Einspielmusik vergleichsweise wenig Bass hatte, wirkt das Cajón von "Funky" K. Götzner live umso kräftiger. Der Bass drückt. Eine Euphoriewelle läuft durch das Publikum.

 Rio Reiser. (Quelle: IMAGO)

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Rio Reiser wird am 9. Januar 1950 als Ralph Möbius in Westberlin geboren. Mit seiner Familie - den Eltern und den beiden älteren Brüdern - zieht er in seiner Kindheit und Jugend oft um, weil es der Beruf des Vaters erfordert.
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Rio Reiser spielt den 19-jährigen Hans-Michael Westerfeld in Johnny West (1977) unter der Regie von Roald Koller. (Quelle: Picture Alliance/United Archives/IFTN)

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Für Musik begeistert er sich schon früh. Er bringt sich selbst mehrere Instrumente bei - darunter Klavier und Gitarre. Schule langweilt ihn, er bricht sie ab und beginnt eine Ausbildung zum Fotografen. Auch damit hört er aber wieder auf. 1967 zieht er nach West-Berlin, wo seine beiden Brüder mittlerweile wohnen.
Picture Alliance/United Archives/IFTN
Rio Reiser. (Quelle: IMAGO)

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Zusammen mit Ralph Peter Steitz (R.P.S. Lanrue), Kai Sichtermann und Wolfgang Seidel gründet er 1970 Ton Steine Scherben. Mit Reiser als Sänger und Texter wird sie zu einer der einflussreichsten deutschsprachigen Rockbands der 1970er- und 80er-Jahre. Viele ihrer Texte sind sozialkritisch, ihre Songs gehören zum Soundtrack der Westberliner Hausbesetzerbewegung.
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Johnny West (1977) ?, Rio Reiser Regie: Roald Koller. (Quelle: dpa/United Archives/IFTN)

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Rio Reiser ist, wie auch seine Brüder Peter und Gert, als Schauspieler tätig. Für seine erste Filmrolle im Film "Johnny West", einer Mischung aus Musikfilm und Roadmovie, bekommt er 1977 den Bundesfilmpreis (heute: Deutscher Filmpreis) in Gold.
dpa/United Archives/IFTN
Archivbild: Außenansicht des ehemaligen Rio-Reiser-Hauses fotografiert 2014 in Fresenhagen bei Stadum in Schleswig-Holstein. (Quelle: Picture Alliance/Christian Charisius)

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1975 verabschieden sich Ton Steine Scherben aus Westberlin und ziehen ins nordfriesische Fresenhagen, wo sie eine Landkommune gründen und die "Freie Republik" ausrufen. Hier leben und arbeiten die Bandmitglieder zusammen, von hier aus produzieren sie weiterhin ihre Musik.
Picture Alliance/Christian Charisius
Rio Reiser und Band bei einem TV Auftritt im Jahre 1987 in Köln. (Quelle: dpa)

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Zehn Jahre später lösen sich Ton Steine Scherben auf. Es bleiben fünf veröffentlichte Alben mit Liedern wie "Macht kaputt, was euch kaputt macht" und "Keine Macht für Niemand".
dpa
Portrait des deutschen Sängers und Musikers Rio Reiser, aufgenommen am 10.05.1990. (Quelle: dpa/Erwin Elsner)

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Als Solokünstler veröffentlicht Rio Reiser sechs weitere Alben. Einem breiten Publikum wird er mit Liedern wie "Junimond", "Für immer und Dich" und "König von Deutschland" bekannt. Letzteres liefert auch den Titel für seine Autobiografie, die 1994 erscheint. Als 1988 der "Musikexpress" zur Wahl des besten deutschen Texters aufruft, wird Reiser fast einstimmig zum "Songkönig BRD" gewählt.
dpa/Erwin Elsner
Im Oktober 1988 trat Rockmusiker Rio Reiser in Ostberlin auf. 2024 lief im rbb die Dokumentation "Das legendäre Konzert in Ostberlin". (Quelle: rbb Presse & Information)

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Im Oktober 1988 tritt Rio Reiser auf Einladung der DDR-Jugendorganisation FDJ in Ostberlin auf. Bei dem Konzert in der Werner Selenbinder-Halle sind Scherben-Songs wie "Macht kaputt, was Euch kaputt macht" nicht zugelassen. Am Ende singt Rio - spontane, nicht genehmigte Programmänderung - den Protestsong "Der Traum ist aus". Das Publikum feiert ihn frenetisch, der Moment geht in die Geschichte ein.
rbb Presse & Information
(Quelle: dpa)

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Er schreibt nicht nur Songs und tourt mit seiner Musik, sondern ist auch weiterhin als Schauspieler tätig. 1995 spielt er eine Hauptrolle im "Tatort: Im Herzen Eiszeit". Zu der Folge schreibt er auch die Filmmusik.
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Der Musiker Rio Reiser in einer Talkshow am 13.05.1993. (Quelle: dpa)

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Rio arbeitet oft bis zur völligen Erschöpfung und er konsumiert viel Alkohol. Im Frühsommer 1996 plant er gegen den Rat seines Arztes eine Deutschland-Tour - sie muss kurz vor dem ersten Auftritt abgesagt werden. Am 20. August 1996 stirbt Rio Reiser im Alter von 46 Jahren an Kreislaufversagen und inneren Blutungen. Er wird in Fresenhagen im Garten seines Hauses beigesetzt.
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Die enthüllte Gedenktafel für den Sänger und Komponisten Rio Reiser hängt am 20.08.2013 an einer Hauswand in Berlin.(Quelle: dpa)

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An seinem 17. Todestag wird an dem ehemaligen Wohnhaus der Scherben am Tempelhofer Ufer eine Gedenktafel für den Sänger und Komponisten enthüllt. Rio wohnte hier von 1971 bis 1975.
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Journalisten filmen am Freitag (08.01.2010) im Schwulen-Museum in Berlin. Dieses widmet sich in einer Ausstellung dem Sänger Rio Reiser.(Quelle: dpa)

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Das Schwule Museum in Berlin würdigt das Leben Rio Reisers 2010 zu seinem 60. Geburtstag mit einer Ausstellung. Rio hatte sich selbst schon früh als homosexuell geoutet.
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Das Grab von Rio Reiser, aufgenommen am 08.08.2016 in Berlin. (Quelle: dpa)

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2014 wird der Hof in Fresenhagen verkauft, wo Rio bis zuletzt lebte. Rios Grab wird umgebettet auf den Alten St. Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg. Es wird zur Pilgerstätte für seine Fans.
dpa/Britta Pedersen
Umbenennung des Heinrichplatzes in Rio-Reiser-Platz in Berlin-Kreuzberg. (Quelle: dpa)

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Auch in Kreuzberg bleibt der Scherben-Sänger präsent: Am 21. August 2022 wird der Heinrichplatz in Rio-Reiser-Platz umbenannt. Zur feierlichen Einweihung spielen auch die verbliebenen Mitglieder von Ton Steine Scherben.

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Kratzbürstig und trotzdem feinfühlig

Birte Volta singt die Nummern, für die früher Rio Reiser am Mikrofon stand. Sie kopiert ihn nicht. Feinfühlig spürt sie den Emotionen in den Songs nach. Mit ihrer kratzbürstigen Stimme gibt sie ihnen zugleich eine eigene, freche Note. Einige Fans nicken mit. Dann fällt das Mikrofon aus. Kleine Panne, nicht weiter schlimm. Als ihre Stimme wieder aus den Boxen schallt, klatschen ein paar Leute.

Bei "Mein Name ist Mensch" springen zwei Frauen auf - lieber tanzen als sitzen. Der Rest bleibt auf den Bänken. Die meisten sind im mittleren Alter, dazwischen ein, zwei Jüngere in ihren Dreißigern.

Funky K. Götzner und Birte Volta von Kai & Funky von Ton Steine Scherben feat. Birte Volta live auf dem Fährmannsfest 2026 in Hannover (Quelle: dpa/Geisler-Fotopress)
Funky K. Götzner und Birte Volta von Kai & Funky von Ton Steine Scherben feat. Birte Volta live auf dem Fährmannsfest 2026 in Hannover (Quelle: dpa/Geisler-Fotopress)

Nostalgie in jedem Cajón-Schlag

In jeder Note, jedem Cajón-Schlag, jeder Zeile steckt Nostalgie. Fans blicken verträumt zur Bühne und schwelgen. Hinter dem Trio fallen Lichtstrahlen ins Zelt. Einige trinken Bier, andere knipsen Fotos, alles ganz unaufgeregt. Neben Drummer "Funky" stehen zwei Gläser und ein Cappuccino auf einem kleinen Beistelltisch.

Zwar haben die Rocksongs noch immer etwas Aufsässiges, Anprangerndes, den kritischen Blick einer Gruppe Träumer auf die Gesellschaft. Gleichzeitig bleibt der Abend tiefenentspannt. Routiniert, ja, leer gespielt oder kalt aber nicht. Auch nach mehr als 50 Jahren tragen die Lieder ihre Wucht, mal Gesellschaftskritik, mal Ode an die Freundschaft. Auf die meisten Songs folgen nur wenige Worte. Vor allem die Musik steht hier im Vordergrund. Deshalb passen die Bühnenoutfits, ganz schlicht - schwarze Hosen und schwarze T-Shirts. Birte Volta trägt dazu rot-schwarz geringelte Socken. Alle sitzen, Volta stützt die Füße auf einer Bierkiste ab.

Glitzernde Sneaker und weiße Haarsträhnen

Als Ehrengast des Abends begrüßt die Scherben-Band Nikel Pallat, damals Texter und zweiter Sänger der Scherben. Glitzernde Sneaker, dazu ein grünes Shirt mit Vinylscheiben darauf, ein farbenfroher Kontrast zu den wenigen abstehenden weißen Strähnen, fast so, als wollte er seine Jugend wenigstens an den Klamotten weitertragen.

Er singt "Guten Morgen", ein Arbeitersong mit Augenzwinkern zwischen Wecker, Stechuhr und Chef. Die Nummer hat er mit Rio Reiser geschrieben, erschienen ist sie 1975. Das Publikum lacht leise, eine Nummer zwischen Comedy und Ballade. Unterdessen bringen Fans drei schwarz gerahmte Fotos zur Bühne, Aufnahmen von Rio Reiser. Auch "Samstag Nachmittag" von derselben Platte bringt die Reihen zum Schmunzeln. Mit 81 Jahren hat der Rock-Senior noch immer genügend Kraft zum Tanzen, in kleinen Trippelschritten vor und zurück vor dem Mikro. Ein Mann auf dem oberen Rang freut sich, mit ein bisschen Mühe ginge eben alles.

Nach einer Dreiviertelstunde endet das erste Set. In den 80er Jahren hätte die Band nie Pause gemacht, witzelt ein Fan. Andere fotografieren das Ton Steine Scherben-Plakat am Eingang, tummeln sich am Merchstand oder holen sich ein Bier.

Der Traum ist aus, und die ersten stehen auf

Nach der Pause hängt hinter der Bühne ein neues Banner, Schwarz auf Weiß "Keine Macht für Niemand", darunter ein Konterfei von Rio Reiser und seine Lebensjahre, 1950 bis 1996. Das Publikum kehrt mit deutlich mehr Energie aus der Pause zurück. Jetzt singen viele laut mit, die alte Rebellionslust erwacht.

Kurz verwundert die nächste Panne die Menge: Birte Voltas Gitarre fällt aus, der Sound ist weg. Sie wechselt die Klampfe, nützt nichts. "Ihr müsstet den Strom anmachen", scherzt ein Mann mit Blick zu den Technikern. Als sie zur nächsten Gitarre greift, klingen die Saiten wieder durch die Boxen. Lauter Zwischenapplaus.

Eines der Highlights ist an diesem Abend die Nummer "Der Traum ist aus". Rio Reiser hat den Song im Oktober 1988 in der Ost-Berliner Werner-Seelenbinder-Halle gespielt, allein am Keyboard. Im Luftschloss singen sie wieder alle mit. Die ersten stehen auf, ein Dutzend drängt zum Tanzen an den Bühnenrand. Alte 68er stehen neben jungen Punks, Mütter mit bunten Tüchern im Haar tanzen mit ihren Kleinkindern. Hüften schwingen, Arme baumeln, alle schütteln die Alltagssorgen ab, ein Befreiungsschlag im Takt der Sozialkritik.

Spätestens jetzt dürften einige Fans bemerkt haben, dass "Funky" K. Götzner ein Jubiläumsshirt mit dem Schriftzug "Heideruh" trägt. Das antifaschistische Ferienheim in der Nordheide feiert in diesem Jahr sein hundertjähriges Bestehen. Der politische Unterton passt vor allem zur Nummer vom besetzten Haus.

Der "Rauch-Haus-Song" wirkt an diesem Abend wie eine Zeitreise in die Siebziger. Viele Fans haben den Dezember 1971 noch vor Augen, als Jugendliche in Kreuzberg das leerstehende Schwesternwohnheim des Bethanien besetzen. Manche standen selbst dort.

Aus dem Krawall von damals ist an diesem Abend ein Klassentreffen geworden. Das nimmt den Liedern nichts, es verschiebt sie ins Hier und Jetzt. Vor der Bühne wird bis zum Schluss getanzt. "Junimond", den letzten Song des Abends, widmet das Trio dem Urheber selbst.

Draußen auf dem dunklen Tempelhofer Feld pfeifen und summen einige Fans die Melodie noch immer auf dem Heimweg. Ein Konzert wie eine Zeitkapsel. Betagte Fans konnten einen Abend lang in Erinnerungen schwelgen und der Punk-Nachwuchs hat eine Band kennengelernt, deren Texte bis heute nachwirken, gesellschaftskritisch und lebensbejahend zugleich. Ein passendes Rezept für die Krisenzeiten.

Sendung: rbb24 Inforadio 21.08.2026, 06:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 21.08.2026, Kai Salander

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